Was mit Altkleidern wirklich passiert

Recycling: Kolpingsfamilien im Landkreis bürgen für faire Ver­wer­tung – Afrika-Geschäft „weder Fluch noch Segen“

Armin Rodenfels macht's vorbildlich. Foto: Julia Preißer

Kreis Miltenberg. Ei­ne Mil­li­on Ton­nen ge­brauch­te Klei­dungs­stü­cke lan­den in Deut­sch­land jähr­lich in Alt­k­lei­der­samm­lun­gen. Doch nur ein klei­ner Teil geht an Be­dürf­ti­ge. Die Kol­pings­fa­mi­li­en im Land­kreis Mil­ten­berg ver­bür­gen sich für ei­ne fai­re Ver­wer­tung der Tex­ti­li­en und war­nen vor ge­werb­li­chen Samm­lun­gen.

"Wer seine ausrangierte Kleidung in einen Container gibt, will Gutes tun. Doch dabei heißt es aufgepasst", sagt Armin Rodenfels, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Fechenbach. "Gewerbliche Firmen verkaufen die Ware und stecken sich das Geld ein. So kann man auch reich werden."

Misstrauen sei angebracht, wenn ein Sammler sehr gefühlsbetont oder mit christlichen Symbolen wie dem Kreuz werbe. "Der gemeinnützige Zweck ist hier meist vorgetäuscht", erklärt Rodenfels. "Wir haben auch schon gewerbliche Container entdeckt, auf denen der Name einer karitativen Einrichtung aufgedruckt war. Als wir dort anriefen, wusste diese von nichts."

Rodenfels rät Spendern, ihre Kleidung nur bekannten Sammlern aus der Region zu überlassen. Neben den Kolpingsfamilien seien dies unter anderem die Johanniter, das Rote Kreuz, die Malteser und die Christliche Arbeiterjugend (CAJ). Zwar würden auch die gemeinnützigen Organisationen ihre Altkleider verkaufen. Doch anders als bei gewerblichen Sammlungen käme der Erlös sozialen Projekten zugute.

Die Kleidung aus den Containern der Kolpingsfamilien kommt in Sortierbetriebe. Dort entscheidet sich die Zukunft der Textilien. Etwa die Hälfte ist nicht mehr tragbar und wird zu Putzlappen und Malervlies verarbeitet oder für die Papierherstellung recyclet. Drei Prozent geht in deutsche Secondhand Läden, zirka 40 Prozent wandert nach Osteuropa und Afrika. Dort landet die Kleidung über viele Zwischenhändler am Ende in Secondhand Läden oder auf Marktständen.

Das sogenannte Afrika-Geschäft schreckt viele Menschen ab, ihre Kleidung in Container zu geben. "Der Secondhandmarkt ist für die afrikanische Textilproduktion aber weder Fluch noch Segen", weiß Thomas Almann von der Organisation Fairwertung in Essen. Der Dachverband gemeinnütziger Kleidersammler beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, wie sich Gebrauchtkleiderexporte auf die Märkte der Importländer auswirken.

"Was wirklich Schaden anrichtet, sind Importbeschränkungen für afrikanische Neuware, fehlende Subventionen vor Ort und die Konkurrenz durch asiatische Textilien", so Almann. Hinzu komme, dass viele Afrikaner, insbesondere Frauen, vom Handel mit gebrauchter Kleidung lebten. Noch in den 1990er Jahren hatte Fairwertung die Exporte von Secondhandkleidung nach Afrika kritisch beurteilt.

Die Kolpingsfamilien im Landkreis Miltenberg bestätigen die Aussage des Dachverbands. Für viele Menschen in armen afrikanischen Ländern wie Tansania und Kamerun sei der Secondhand Markt außerdem die einzige Möglichkeit, gute Kleidung zu einem bezahlbaren Preis zu kaufen, so Armin Rodenfels aus Fechenbach.

Mit dem Erlös, den die Kolpingsfamilien aus dem Altkleiderverkauf beziehen, unterstützen sie beispielsweise den Bau von Brunnen und Schulen in Afrika. Jede Kolpingsfamilie entscheidet selbst, wie sie das Geld einsetzt. Alexander Sam, Kolping-Vorsitzender in Großwallstadt, möchte auch für lokale Projekte wie ortsansässige Kindergärten und die Pfarrbücherei spenden. Außerdem greifen die Großwallstädter einigen christlichen Missionare in Südamerika finanziell unter die Arme.

Sam erzählt, dass sich bei den letzten Straßensammlungen die in Großwallstadt wohnenden Flüchtlinge beteiligt haben. Solche Projekte seien gleichzeitig Integration und finanzielle Hilfe, denn die Flüchtlinge durften sich als Dank die schönsten Stücke aus der Kleidersammlung aussuchen.

Etwa 80 Kolpingcontainer stehen im gesamten Landkreis. Jeder Container sammelt zirka ein bis zwei Tonnen Altkleidung pro Jahr. Bei einem aktuellen Preis von 24 Cent pro Kilogramm Kleidung sind das bis zu 38400 Euro jährlich, mit denen die Familien soziale Projekte unterstützen. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Container anderer Hilfsverbände. Wer wissen will, welche Organisationen ihre Altkleider fair verwerten, kann unter www.fairwertung.de Container in seiner Region suchen.

Zahlen und Fakten: Faire Verwertung und Nachhaltigkeit

Vier­mal tra­gen wir Deut­schen ein Klei­dungs­stück im Schnitt, be­vor wir es aus­mis­ten. Bis zu 25 Pro­zent un­se­rer Klei­dung bleibt laut ei­ner Sta­tis­tik der Zeit­schrift Fair Fashi­on Gui­de un­ge­tra­gen. Trotz­dem kau­fen wir jähr­lich zir­ka 60 neue Klei­dungs­stü­cke pro Per­son. Was wir aus­ran­gie­ren, lan­det meist in Klei­der­con­tai­nern. 2017 ka­men im Land­kreis Mil­ten­berg 944 Ton­nen Tex­ti­li­en und Schu­he zu­sam­men. Da­von ca. 92 aus ge­werb­li­chen und 852 aus ge­mein­nüt­zi­gen Samm­lun­gen. Die Men­ge aus il­le­gal auf­ge­s­tell­ten und nicht ge­mel­de­ten Con­tai­nern ist hier nicht mit­ge­zählt. Wer ei­nen Con­tai­ner auf­s­tellt, muss dies beim Um­welt­amt im Land­kreis mel­den. Ge­mein­den ha­ben das Recht, il­le­gal auf­ge­s­tell­te Con­tai­ner zu ent­fer­nen und auf dem Bau­hof zwi­schen­zu­la­gern. Wer­den sie inn­er­halb ei­nes Jah­res nicht ab­ge­holt, ge­hen sie auf die je­wei­li­ge Kom­mu­ne über.

Erschienen am 17. Juli 2018 im Main Echo 
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