Kosmetik fürs Apfelbäumchen

Landschaftspflegeverband Miltenberg bildet aus – Elsenfelder Streuobstwiese dient als Übungsareal

Orthopädie für Obstbäume: Angehende Landschaftsobstbauern schienen die Baummitte improvisatorisch mit einem Stock - eine eher ungeöhnliche Übung. Foto: Julia Preißer

Elsenfeld. „Das ist der Erlöser. Der muss angeschnitten werden“ sagt Gartenbaumeister Josef Weimer und zeigt auf den Ast eines Apfelbaumes. Die Seminarteilnehmer nicken verständig. Heute ist der letzte von fünf Kursen auf dem Weg zum zertifizierten Landschaftsobstbauern. In der Prüfung am nächsten Wochenende müssen die 22 Männer und Frauen zwischen 20 und 60 Jahren zeigen, was sie gelernt haben: Erziehungsschnitt an Jungbäumen, Veredelung, Altbaumpflege.

Veranstalter der Ausbildungskurse ist der Landschaftspflegeverband Miltenberg. „Wir möchten unser Wissen weitervermitteln und dazu beitragen, die Obstbaumlandschaft zu erhalten“ erklärt Geschäftsführer Siegmar Hartlaub. Ein Großteil der Kursteilnehmer stammt aus dem Landkreis, die anderen kommen aus Augsburg, Mainz und dem Rheinland. Kurse wie dieser werden in Deutschland selten angeboten – im Landkreis Miltenberg geht die Ausbildung bereits in die zweite Runde.

Gartenbaumeister Weimer erklärt auf der Elsenfelder Streuobstwiese am Schützenhaus Diana die Jungbaumerziehung. Selbst eingefleischte Hobbygärtner und nebenberufliche Obstbauern können da noch etwas lernen – zum Beispiel, nicht zu viel wegzuschneiden. „Ihr könnt ein bisschen das Hängende wegnehmen aber nicht alles“, sagt Weimer. „Wenn ihr es komplett abschneidet, stimmt der Durchmesser nicht und ihr schickt den Baum zu sehr in die Jugend.“

Der siebenjährige Versuchsbaum, um den es sich handelt, ist mit Abstand der jüngste auf der Flur. Seine Nachbarn zählen mit vergleichsweise 60 bis 80 Jahren bereits zu den Obstbaumgreisen. Trotzdem ist das Bäumchen alt genug, um einen großen Teil der fruchttragenden Äste behalten zu dürfen. „Was aber weg muss, ist dieser abgekippte Gerüstast“ erklärt der Experte. „Wenn ein Gerüstast kippt, bricht er. Wir müssen also schauen, dass er wieder hochkommt.“ Gesagt, getan: Die dreifach geschliffene japanische Profisäge trennt die vorderen Jahrestriebe ab. Weimar nickt zufrieden.

Durch den Schnitt treibt der Ast und das Tragegerüst des Bäumchens wird gefestigt. Damit der Stamm nicht zu faulen beginnt und die Wurzeln genug Wasser bekommen, legen fünf angehende Landschaftsobstbauern die Baumscheibe frei. „Bei jungen Bäumen ist das enorm wichtig“ sagt Weimer und Hartlaub ergänzt: „Viele Kommunen kümmern sich zu wenig. Wenn eine Straße entsteht, braucht es Ausgleichsflächen. Dort werden dann Bäume gepflanzt, die keiner pflegt und die im schlimmsten Fall irgendwann umkippen.“

Der Landschaftspflegeverband möchte den Kommunen Hilfe anbieten. Geschäftsführer Siegmar Hartlaub und Gartenbaumeister Josef Weimer pflegen bereits alte Elsenfelder Streuobstwiesen. Die anfallenden Kosten trägt die Gemeinde. Von „Kurzzeitpächtern“, die vor allem an der Ernte interessiert sind, hält Hartlaub wenig. „Wir sollten jemanden finden, der die ganze Wiese übernimmt und auch Verantwortung für die Pflege zeigt.“

Kursteilnehmerin Marie Bauer ist hier Vorbild. Gemeinsam mit ihren Schülern bewirtschaftet die Lehrerin der Elsenfelder Janus Korczak Schule seit mehreren Jahren eine Streuobstwiese der Gemeinde. Die siebten bis neunten Klassen pflanzen, pflegen und ernten die Obstbäume. Auch um das Saftpressen kümmern sich die Schüler selbst. Marie Bauer will nun ihr Fachwissen bei Josef Weimer erweitern. Gerade zeigt der Gartenbaumeister wie man einem Baum dabei hilft, Verletzungen durch Wildfraß zu heilen.

„Hier sieht man, dass der Stamm versucht hat, die Wunde zu kitten.“ Weimer deutet auf knorriges Wundgewebe, das nur einen Teil der Schadens überwuchert. Was tun? Die angehenden Landschaftsobstbauern sind sich einig: „Bei alten Verletzungen kann man nicht viel machen.“ Weimer belehrt sie eines besseren. Mit der Säge schneidet er die Rinde rings um die Wunde weg. „Das regt das Kambium an – die Wachstumsschicht – und der Stamm verschließt sich.“

Neben diesem Know How hat Weimer noch anderes in petto. Die Teilnehmer unternehmen einen Exkurs in Sägenkunde, lernen das Desinfizieren von Baumscheren mit Alkohol und Feuer und die Behandlung von gängigen Krankheiten. Am nächsten Wochenende geht es zur Theorie- und Praxisprüfung. Siegmar Hartlaub ist sich sicher: „Die schaffen das!“ Einige der Prüflinge wollen sich danach als Obstbauern ein zweites berufliches Standbein bauen, viele sehen die Landschaftspflege aber nur als Hobby.

Artenvielfalt auf Obstwiesen

Mehr als 5000 Tier- und Pflanzenarten, darunter allein 1000 verschiedene Insekten sind auf heimischen Streuobstwiesen zu Hause. Damit gehören Streuobstwiesen zu den artenreichsten Biotopen in Mitteleuropa. Die unterschiedlichen Pflanzenarten locken Insekten, Reptilien und kleinere Säugetiere an. Unter den Rinderitzen der Bäume können sich Hornissen einnisten. Höhlenbrüter wie der Steinkauz, der Specht oder der Wendehals nutzen Astlöcher als Nistplatz. Bei Fledermäusen und Siebenschläfern sind Baumspalten und Höhlen als Schlafplatz beliebt. Seit fünf Jahrzehnten gehen die Streuobstbestände in Deutschland stark zurück. 1965 zählte Deutschland 18 Millionen Streuobstbäume, 2005 waren es nur noch rund die Hälfte. Der Erhalt vieler Streuobstwiesen scheitert meist an fehlender Wirtschaftlichkeit und dem Aufwand für die Pflege von Bäumen und Unterwuchs.

Erschienen am 26. November 2014 im Main Echo 
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