Eintöniges Essen, mangelhafte Hygiene

Unangemeldeter Besuch der Aktivisten schlägt hohe Wellen

Saustall? Die Flüchtlingsunterkunft in Mömlingen wird derzeit harsch kritisiert. Foto: Julia Preißer

Mönchberg. Ein unangekündigter Besuch des Bayerischen Flüchtlingsrats am Sonntag im ehemaligen Gasthof Zum Hirschen in Mönchberg bringt den Kreis Miltenberg in Bredouille. Kritik äußerte der Rat an hygienischen Verhältnissen und der Verpflegung in der Asylbewerberunterkunft. Landrat Jens Marco Scherf weist die Vorwürfe zurück. Die Aktivisten kritisieren die zuständigen Behörden im Landkreis Miltenberg und den Trägerverein „San Giovanni Onlus“ aus Haibach. Matthias Weinzierl, Alexander Thal und Stephan Dünnwald prangern hygienische Mängel und die einseitige Verpflegung der Flüchtlinge an.

In der Unterkunft leben derzeit 44 Personen aus zehn Ländern. Einige sind bereits eineinhalb Jahren in Deutschland, andere erst wenige Wochen. Zwischen Landkreis und Trägerverein besteht seit 2012 ein Beherbergungsvertrag: Der Verein erhält für eine hotelmäßige Unterbringung mit Vollpension 30 bis 35 Euro pro Tag und Person.

Die Unterbringung steht nicht in der Kritik. „Die Zimmer haben einen guten Standard“, so Matthias Weinzierl. Dennoch habe sich bei den Bewohnern Ärger aufgestaut. Abfälle lagerten wegen zu wenigen Mülltonnen in der Garage. Durch den Lüftungsschacht der Toiletten ziehe der Gestank in die Zimmer. Alexander Thal ergänzt: „Sie haben uns erzählt, dass es morgens wie abends dasselbe Essen gibt und dass das Haltbarkeitsdatum auf den Wurst- und Käseverpackungen häufig weit überschritten ist. So kann man mit Menschen nicht umgehen!“

Eine Bewohnerin berichtet von gesundheitlichen Problemen ihres fünfjährigen Sohnes, der das Essen nicht vertrage. Sie zeigt einen Brief des betreuenden Kinderarztes an das Jugendamt. Darin empfiehlt er „dringlich eine altersentsprechende, ballaststoffreiche Ernährung“. Die junge Mutter möchte nun selbst für ihr Kind kochen, was ihr in Mönchberg bisher nicht ermöglicht wird.

Roland Maidhof-Betker, Vorsitzender des Trägervereins stellt den Flüchtlingen eine Lösung in Aussicht: „Nach Absprache mit dem Sozial- und Gesundheitsamt werden wir vier Flüchtlingen die Möglichkeit geben, für alle Bewohner zu kochen.“ Dies sei schon einmal erfolgreich praktiziert worden. Bisher bekommen die Flüchtlinge ihr Essen von einem Cateringunternehmen. „Wir beziehen die Bewohner mit ein und nehmen Rücksicht auf religiöse und kulturelle Speisegewohnheiten“, so Maidhof-Betker.

Die Vorwürfe des Flüchtlingsrat waren am Montag Thema in der Sitzung des Kreisausschusses. Laut Landrat Jens Marco Scherf sei die hotelmäßige Unterbringung mit Gemeinschaftsverpflegung bei Flüchtlingen generell unbeliebt und auch andernorts Anlass zu Klagen. In vielen Unterkünften bekämen die Asylbewerber das Verpflegungsgeld ausbezahlt. „So haben sie nicht nur die Freiheit bei der Essensgestaltung, sondern schlicht mehr Geld zur Verfügung“, erläutert Scherf. Sachbearbeiterin Susanne Seidel ergänzt: „Der betroffenen Familie wurde der Umzug in eine Landkreisunterkunft mit Selbstkochmöglichkeit angeboten. Dieses Angebot wurde abgelehnt.“

Besonders schwer wiegen die Vorwürfe, Amt und Trägerverein würden die Flüchtlinge verbal unter Druck setzen. Der Bayerische Flüchtlingsrat spricht von einem „Klima der Angst und Unterdrückung“. „Man hat den Flüchtlingen mit der Abschiebung gedroht, wenn sie sich beschweren“, empört sich Alexander Thal.

Das Landratsamt weißt die Vorwürfe gegen die Ausländerbehörde und das Sozialamt zurück. „Sie sind völlig aus der Luft gegriffen“, so Seidel. Landrat Scherf nannte die Behauptungen „ungeheuerlich und ehrabschneidend“. Die Mitarbeiter des Kreises hätten immer versucht, den Menschen durch Beratung zu helfen. Auch Roland Maidhof-Betker verteidigt die Betreuung. „Wir wollen Flüchtlinge bei der Durchsetzung Ihres Rechtes auf Leben, Freiheit und Sicherheit unterstützen. Wir vertreten ein humanistisches Weltbild“. Er kritisiert den unangemeldeten Besuch des Flüchtlingsrates: „Gerne hätten wir einen gemeinsamen Termin vereinbart.“

Kritk am Vorgehen der Aktivisten äußert auch Landrat Scherf: Die Vorwürfe seien einseitig auf Facebook veröffentlicht worden ohne das Gespräch mit dem Kreis zu suchen. „Wer ernsthaft an Problemlösungen und Verbesserungen interessiert ist, geht anders vor". Um Hygienemängel auszuschließen, hat er am Montag die Unterkunft von Mitarbeiter des Gesundheitsamtes und der Lebensmittelüberwachung überprüften lassen. Die Kontrolle habe keine Beanstandungen ergeben.

Der Bayerische Flüchtlingsrat setzt sich seit 1986 für die Interessen von Flüchtlingen, Asylanten und Migranten ein. Er fordert die Abschaffung der sogenannten Lagerpflicht und spricht sich gegen Gemeinschaftsunterkünfte aus. Am Sonntagabend haben die Aktivisten ihre einwöchige „LagerInventour“ durch Bayern beendet. "Wir haben viel Gutes, aber auch einige schlechte Dinge gesehen“, so Alexander Thal. Positiv beeindruckt waren die Aktivisten von der Unterkunft in Pflaumheim. Deutsche Familien möchten dort Patenschaften für die Flüchtlinge übernehmen.

Erschienen am 15. Oktober 2014 im Main Echo 
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