»Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich«

Bergpilgern: Der gebürtige Miltenberger Daniel Oswald sinniert beim schweißtreibenden Aufstieg zu den Gipfeln der Alpen über den Sinn des Lebens und macht dabei erstaunliche Erfahrungen

Symbolbild. Foto: Myri Roet

Miltenberg. Vom Manager zum Bergpilger – Daniel Oswald macht das, worüber viele Menschen immer mal wieder nachdenken, wozu aber die wenigsten den Mut haben. Er hat dem stressigen Berufsleben adé gesagt, seinen Job als leitender Marketing- und Produktmanager eines mittelständischen Unternehmens an den Nagel gehängt und pilgert seit Juni durch die Alpen. Sein Motto: „Nur wo du zu Fuß warst, warst du wirklich.“

Im Gepäck des gebürtigen Miltenbergers befindet sich nur das Nötigste: stabile Bergstiefel, Kleidung, die bei 30 Grad kühl und bei minus zehn Grad warm hält, Steigeisen, Helm und Kletterausrüstung, Sonnen- und Gletscherbrille, GPS, Satellitentelefon, eine Reiseapotheke, etwas Proviant und die wichtigsten Hygieneartikel. Auf seiner dreimonatigen Tour durch Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz braucht Daniel Oswald keinen Luxus.

„Ich empfinde es nicht als Verzicht, sondern als Befreiung, ohne Luxus auszukommen. Es ist ein gutes Maß der Dinge zu sagen: Ich brauche nicht mehr, als ich tragen kann“, sagt der 43-Jährige. Um seinen Bergrucksack von 20 auf 16 Kilogramm zu erleichtern, hat Daniel Oswald nach zwei Wochen einen Teil seiner Kletterausrüstung nach Hause geschickt und Hosen und Socken auf zwei Paar abgerüstet.

Minimale Annehmlichkeit gönnt er sich, indem er statt im Zelt in Schutzhütten schläft. In der Regel sind diese bewirtschaftet. „Es kam aber auch schon vor, dass ich in einer Selbstversorgerhütte übernachtet habe, was übrigens sehr romantisch war“, erzählt er. Weniger erfreut war er über den blanken Holzboden, der ihm in einem zugigen Notunterstand auf 2000 Meter Höhe als Bettstatt diente.

Doch selbst dieser leidigen Erfahrung gewinnt Oswald etwas Positives ab: „Seitdem bin ich in Sachen Unterkunft wesentlich entspannter. Die Frage ist nicht mehr, ob ich irgendwo schlafen kann, sondern wie komfortabel es sein wird.“ Bis auf die erste Übernachtung in Salzburg habe er keine Unterkunft im Voraus gebucht. „So bleibe ich flexibel und unabhängig. Mir gefällt es hier gut? Dann bleibe ich. Ich kann nicht mehr? Dann bleibe ich. Hier gefällt es mir nicht? Dann gehe ich weiter. Mein Plan braucht Luft zum Atmen!“

Wieder durchatmen können – das ist die Motivation, die den ehemaligen Manager rund 650 Kilometer auf insgesamt 49000 Höhenmeter quer durch die Alpen stiefeln lässt. Bis 2014 lief seine Karriere wie im Bilderbuch: „Guter Chef, tolle Kollegen, interessantes Geschäftsfeld – das Adrenalin des Erfolges machte mich irgendwie auch süchtig“, erzählt er. „Ich war überzeugt, in dieser Firma bis zu meinem Ruhestand bleiben zu wollen.“

Aus diesen Lebensplänen wurde nichts. Ein Großkonzern kaufte das mittelständische Unternehmen und Oswald hatte plötzlich das Gefühl, hier nicht mehr hineinzupassen. „Mir wurde das erste Mal klar, dass ich eine Auszeit brauchte, um mir über wichtige Lebensfragen klar zu werden. Ich spürte, es war Zeit, meinem Leben noch mal eine wichtige Wende zu verpassen.“

Die Berge liebt er seit Kindertagen, wollte 2010 die Alpenüberquerung wagen. Zwei Wochen zuvor verletzte er sich beim Sturz von einer Leiter das Sprunggelenk. „Die Ärzte prognostizierten mir, dass ich wahrscheinlich nicht mehr normal würde laufen können. Das hat mir die Augen geöffnet, wie schnell etwas für immer vorbei sein kann. Damals habe ich mir geschworen: Sollte ich es wider Erwarten irgendwann doch können, werde ich eine noch größere Wanderung machen. Und zwar nicht erst im Ruhestand, auf den man gerne sein Leben vertagt.“

Das Sprunggelenk erholte und der Wunsch nach einer Bergpilgerreise verfestigte sich. In der Einsamkeit des Hochgebirges wollte Daniel Oswald zur Ruhe kommen. Doch manchmal verlässt er bewusst das Alleinsein. Etwa abends in der Hütte, wenn er mit anderen Reisenden ins Gespräch kommt. „Mir begegnen die unterschiedlichsten Menschen – vom Busfahrer bis zum Geschäftsführer“, erzählt er. „Das schöne ist, dass diese gesellschaftlichen Ränge hier oben keine Rolle spielen. Bestenfalls ist jemand ein guter, besserer oder schlechterer Bergsteiger.“

Auf schmalen Wegen und verschlungen Pfaden durchs Gebirge hat Bergpilger Oswald Menschen getroffen, die wie er neue Horizonte entdecken wollen. Eine Frau erzählte ihm von ihrem Praktikum in einer Käserei auf einer Alm im Krimmler Achetal. Sie lud ihn ein, bei Gelegenheit einmal bei ihr vorbeizuschauen. Oswald hat in den Bergen gelernt, dass man auf Gelegenheiten wie diese nicht warten soll. „Aus kurz mal vorbeischauen sind dann fast zwei Tage inklusive eines Kurzzeit-Käsereipraktikums geworden“, lacht er.

Das Spannendste an seiner Reise sei, dass man sie nicht planen könne. „Ich habe wochenlang an meiner Route getüftelt, doch meine erste Lektion auf der Wanderung war: Das Leben überschreibt meine Pläne.“ An die Zeit nach der Auszeit will Oswald jetzt nicht denken. Sollte er wieder beruflich einsteigen, dann mit einem Smart Business Concept – ein Geschäftsmodell, das einem ermöglicht, Arbeit und Leben besser in Einklang zu bringen.

„Inzwischen bin ich so weit, zu sagen, dass ich aus dem klassischen Arbeitnehmer-Leben aussteigen möchte“, sagt er und ergänzt: „Aber ich sehe mich nicht als den typischen Aussteiger, der sich von allem lossagt und als Minimalist durchs Leben zieht.“

Erschienen am 3. September 2015 im Main Echo 
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