Biblische Ohrwürmer

Oratorium: Leidersbacher Singkreis, Kammerphilharmonie Seligenstadt und Solisten bringen „Simeon“ zur Aufführung – Komponist Thomas Gabriel übernimmt musikalische Leitung

Der Wartende: Oratorium zur Bibelfigur Simeon. Foto: Julia Preißer

Leidersbach-Volkersbrunn. In seinem Adventsoratorium hat sich der Seligenstädter Komponist Thomas Gabriel einer ganz besonderen Bibelfigur angenommen: Simeon. Er ist der Wartende, der Geduldige, der Gesegnete. Am Samstagabend hat Gabriel das gleichnamige Werk in der St. Rochus-Kirche aufgeführt. In 70 Minuten entführten der Singkreis Leidersbach und die Kammerphilharmonie Seligenstadt ins Jerusalem zur Zeit von Christi Geburt.

Simeon, so heißt es im Lukasevangelium, wurde einst verheißen, er werde nicht sterben, ohne den Retter Israels gesehen zu haben. So wartet er geduldig Jahr für Jahr. In Gabriels Werk ist Simeon voll wilder Sehnsucht nach Frieden und Glück. Der Solist Ralf Emge singt ihn ausdrucksstark, kraftvoll und gewaltig. Passend hierzu der Text von Eugen Eckert: „Hat Jesaja nicht gesagt, dass Kriege enden? Doch ich hör die Stiefel weiter dröhnend stampfen. Friedenszeichen? Seh ich nicht.“

Einen Gegensatz zu Simeon bildet die Prophetin Hanna, gesungen von der 23-jährigen Solistin Hanna Maria Meister. Sie preist Gott, der es ihr im ganzen Leben an nichts habe fehlen lassen. Dafür wird sie von Simeon zurechtgewiesen: „Meinst du das im Ernst? Hast du vergessen, unser Land ist besetzt!“ Emge singt hier fast wütend, Meister im Gegenzug hell und durchdringend.

Als Evangelist übernimmt Sascha Bohlender die Rolle des Erzählers und hält sich dabei textlich genau an das Lukasevangelium. Soloparts haben auch Elisabeth Durschang, Helga Jäger, Christiane Rosenberger, Carmen Rühl und Claudia Tienes – alle Mitglieder im Singkreis Leidersbach. Sie zeigen, wie vielfältig die einzelnen Stimmen eines Chores sein können. Unverwechselbar: Das tiefe Alt-Timbre von Singkreis-Vorsitzender Elisabeth Durschang als Maria.

Für einen Chor bedeutet das Adventsoratorium „Simeon“ eine rhythmische Herausforderung. Die musikalische Bandbreite reicht vom Choral zum Swing, vom a-cappella-Gesang zur doppelchörigen „Gloria“ und von kraftvollen Chören bis zum vom Jazz inspirierten „Magnificat“. Der Singkreis Leidersbach beweist am Samstag, dass er sich durchaus mit den besten Chören des Landkreises messen kann.

Melodien aus alter und neuer Zeit verschmelzen in Simeon zu einem stimmigen Ganzen. Die Musik besticht mit wechselnden Tempi, hoher Dynamik und Ohrwurm-Qualität. Neben klassischen Streich- und Blasinstrumenten unterstützen Schlagzeug, Bass und E-Piano die Sänger. Im fünften Satz findet sich die bekannte Melodie der Volksweise „Es ist ein Ros entsprungen“ wieder. Der Chor beschreibt hier die Weihnachtsgeschichte und schafft eine leise und besinnliche Atmosphäre.

Am Ende erfüllt sich Simeons Verheißung und er hält den neugeborenen Jesus im Arm. Trotz rein konzertanter Aufführung konnten die Zuhörer dank emotionalem Vortrag und rundum guter Textverständlichkeit die Geschichte um Simeon lebendig miterleben. Die Aufführung schloss mit den Worten: „Und würde Christus tausendmal zu Bethlehem geboren – und nicht in mir, und nicht in dir, wir blieben ewiglich verloren.“

Hintergrund: Thomas Gabriel

Als Organist, Komponist und Pianist hat sich der studierte Kirchenmusiker Thomas Gabriel einen Namen gemacht. Das von ihm gegründete „Thomas Gabriel Trio“ hat seinen künstlerischen Schwerpunkt in Jazz-Bearbeitungen der Musik Johann Sebastian Bachs. 1985 gewann das Trio den Kulturpreis von Essen – Gabriels Geburtsstadt. Seitdem trat die Formation auch im Ausland und bei verschiedenen Rundfunkproduktionen auf. Seit 1998 ist Thomas Gabriel Regionalkantor im Bistum Mainz für die Dekanate Offenbach, Rodgau und Seligenstadt an der Einhard-Basilika in Seligenstadt. Gabriel schuf zahlreiche zeitgenössische geistliche Werke und leitet im Bistum Mainz den Arbeitskreis „Neues Geistliches Lied“, der Jugendchöre und Bands in den Gemeinden unterstützt.

Erschienen am 09. Dezember 2014 im Main Echo 
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