Weinliebhaber für Lese rekrutiert

Biowein-Ernte: Winzerin Anja Stritzinger und Team schaffen geschätzte 30 Butten in sechs Stunden

Schwere Butte: Während der weinernte im Weingut Strizinger ist Muskelkraft gefragt. Foto: Julia Preißer

Klingenberg. Klettern muss um acht Uhr morgens noch keiner. Die Weinlese vom Weingut Stritzinger startet am Fuß des Hochbergs in einem eher flachen Areal. Hier wächst die Rebsorte Johanniter, eine Züchtung aus dem Jahr 1968. Johanniter-Reben sind gegen Pilzkrankheiten resistent und bei Winzern beliebt. Der Wein schmeckt kräftig, fruchtig und hat Ähnlichkeit mit dem Riesling.

Für die Ernte des guten Tropfens hat Winzerin Anja Stritzinger tatkräftige Helfer organisiert. Neben der eigenen Familie packt eine Hand voll Weinliebhaber aus der Region mit an. Die freiwilligen Ernteassistenten lernen im Rahmen der Öko-Erlebnistage die Tricks und Kniffe beim Anbau und der Bewirtschaftung von Biowein.

Biowein zu kultivieren sei nicht immer einfach, erzählt Stritzinger. Vor allem die aufwendige Bodenbearbeitung, bei der das Unkraut in den Weinterrassen per Hand gejätet und gemäht werden muss, schrecke viele Weinbauern ab. 80 bis 100 Stunden Mehraufwand pro Hektar nimmt der Weinbaubetrieb hierfür in Kauf.

Weil die Stritzingers Mitglied in einem Bioanbauverband sind, dürfen sie neben den Unkraut bekämpfenden Herbiziden auch keine chemischen Insektenschutzmittel verwenden. Deshalb spritzen die Winzer ihre Pflanzen mit ökologisch abbaubaren Produkten wie Backpulver und Schwefel. Die Vorteile hierbei sind nicht nur Umweltschutz und Verträglichkeit, sondern auch geringere Kosten.

Eine weitere Kostenersparnis bringt die Zusammenarbeit mit dem Betreiber einer Wetterstation. Er untersucht Klima und Witterung auf Krankheitsgefahren und empfiehlt exakte Spritztermine. „So spritzen wir nur dann, wenn Krankheiten überhaupt unterwegs sind“, erklärt die Winzerin. Zwei bis drei Spritzungen pro Jahr würden damit eingespart.

Etwa zwei Hektar Weinbergsfläche besitzt das Weingut Stritzinger über den Landkreis verteilt. Die Fläche am Klingenberger Hochberg ist nach einer knappen Stunde geleert, doch für die Helfer ist noch lange nicht Schluss. Der Trupp fährt jetzt zum Schlossberg unterhalb der Clingenburg.

Auf dem ältesten Weinberg der Stadt aus dem 18. Jahrhundert sind die Reifebedingungen dank Sonne und Steillage ideal. Die Weinterrassen mit ihren Buntsandsteinmauern liefern einen weiteren Vorteil: Durch die Sonne wird der Stein aufgeheizt, speichert die Wärme und gibt sie nachts an die Reben ab. Ein Nachteil der Weinterrassen: Sie können nicht mit dem Traktor befahren werden.

Anja Stritzinger erklärt dem Erntetrupp, woran man reife weiße Beeren erkennt: „Sie haben eine durchscheinende, goldgelbe Farbe und schwarze Pünktchen.“ Weil nur gute und reife Trauben ins Erntegut kommen, knipsen die fleißigen Helfer schimmelnde Beeren ab. Einige Winzer trennen schon vor der Haupternte faule Beeren von gesunden, damit die Fäulnis nicht übergreift.

In den vergangenen Jahren hatten die Weinbauern der Region vor allem mit Vögeln, hungrigen Mäusen oder Wildschweinen zu kämpfen. In diesem Jahr kommen neue Traubenfresser hinzu: Die Maden der Kirschessigfliege. Das Insekt aus Südostasien durchsticht die Beere, um seine Eier darin abzulegen. Die geschlüpften Larven machen sich dann über das süße Obst her und zerstören die Beere.

„Wenn eine einzelne Beere durch zu viel Feuchtigkeit aufplatzt, kann man die Stelle wegschneiden und gut ist. Aber die Kirschessigfliege befällt sehr viele Beeren. So muss man pro Traube statt einmal zwanzigmal schneiden, um sie noch mitnehmen zu können“, so Stritzinger. Dies wirke sich nicht nur auf den Ertrag, sondern auch auf den Arbeitsaufwand aus. Letzte Woche hatte die Truppe an zwei verschiedenen Weinbergen gelesen. Dort, wo das lästige Insekt nicht am Werk war, konnten weniger Leute die doppelte Fläche bewältigen.

Warum die Kirschessigfliege einen Weinberg verschont hat, können die Winzer nur erahnen. Anja Stritzinger vermutet, dass die Beeren der Regentweinstöcke in diesem Jahr eine harte Schale hatten – für einen Regentwein unüblich. Dies könnte der Kirschessigfliege beim Anstechen der Beere Probleme bereitet haben. Ein Kollege Stritzingers hatte mit seinem Regentwein weniger Glück. „Er hat die Ernte fast komplett verloren“, so die Winzerin.

Der Trupp um Anja Stritzinger hat für heute genug. Nach geschätzten 30 Butten ist um 14 Uhr Schluss und wer guten Hunger mitgebracht hat, darf sich auf eine deftige Linsensuppe mit Würstchen freuen. Morgen geht es für die Erntehelfer weiter. Winzerin Anja Stritzinger macht sich heute noch an die Maische, damit der Weinbaubetrieb bald keltern kann.

Erschienen am 24. September 2014 im MainEcho 
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