Backen wölben, pusten und »Plopp«

Sport: Blasrohrschießen auf dem Vormarsch - Schützenverein in Obernburg bildet eines der ersten Jugendteams der Region

Ernst machen mit Spaß-Sportart: Jonas Hennrich (17) aus Obernburg übt sich im Blasrohrschießen. Foto: Julia Preißer

Obernburg. Jonas Hennrich trifft mit seinem Blasrohr zielgenau ins Schwarze. Und nein: Der 17-Jährige hat das nicht aus Langeweile in der Schule geübt. Jonas Hennrich ist einer der Ersten im Obernburger Schützenverein, der das Blasrohrschießen perfektioniert hat. Und im Gegensatz zum einfachen Strohhalmschießen mit Papierkügelchen, das unter Schülern als harmloser Zeitvertreib gilt, ist das Blasrohrschießen echter Sport.

“Wenn’s gut läuft, gibt’s im Landkreis bald das erste Turnier”, unkt Vereinsvorstand Frank Kaiser, erklärt aber gleich danach: “Noch sind kaum Mannschaften vorhanden.” Der Schützenverein Obernburg sei einer der ersten in der Region, der derzeit eine Mannschaft bilde, so Kaiser. Ein Jugendteam soll es werden - sechs junge Schützen haben bereits zugesagt.

Dass der Verein eine Spaß-Sportart wie das Blasrohrschießen anbietet, daran mussten sich einige alteingesessene Mitglieder zunächst gewöhnen. “Erst wurde es belächelt, jetzt boomt’s”, sagt Frank Kaiser. Der Boom beschränkt sich derzeit noch auf Attraktionen bei Stadt- und Schützenfesten, doch bayernweit nimmt die Anzahl an Mannschaften zu. Das Blasrohr als Hidden Champion unter Bayerns Schützen?

Immerhin: Bei dem größten bayerischen Turnier im Blasrohrschießen, der Altmühltaler Open im mittelfränkischen Creding, messen sich jährlich mehr als 50 Sportler aus ganz Deutschland. Startteilnehmer aus Berlin sind ebenso dabei, wie Schützen aus Aschaffenburg. Wer gut abschneidet, darf bei der Europameisterschaft - heuer Österreich - sein Glück versuchen.

Für den Obernburger Vereinsvorstand Frank Kaiser liegt der Grund für die wachsende Blasrohr-Begeisterung auf der Hand: “Es macht Spaß und jeder kann’s”, sagt er und setzt nach: “Zumindest das Schießen gelingt jedem. Ob man dann trifft, ist die andere Sache.”

Schütze Jonas Hennrich macht vor, wie ein Schuss idealerweise aussieht. Das gelbgrüne Blasrohr hat der Verein aus Baumarkt-Materialien zusammengezimmert. Als Mündstück dienen ein Kunststofftrichter und eine WC-Dichtung. Offizielle Richtlinien für das Aussehen eines Blasrohrs gibt es nicht. Nur die maximale Rohrlänge von zwei Metern darf bei den meisten Wettkämpfen nicht überschritten werden. Verboten sind auch Visierungen - man zielt nach Augenmaß.

Hennrich legt das Geschoss, das wie ein Dart-Pfeil anmutet, in das Rohr, nahe dem Mundstück. Er setzt an, holt Atem, so dass sich die Backen wölben, pustet kurz und knackig und mit einem geräuschvollen “Plopp” flitzt das Geschoss Richtung Zielscheibe. Das Auge kommt kaum nach, schon sitzt der Pfeil im Schwarz.

Man solle pusten, als ob man eine Kerze ausblase, erklärt Frank Kaiser. Anfängern hilft ein simpler Trick beim Visieren: Mit den Augen auf die Scheibe schauen, dabei verschwimmt die Spitze des Blasrohres und der Schütze sieht es doppelt. Wer nun mittig zielt, schickt seinen Pfeil in Richtung Sieg.

Weniger dem sportlichen Ehrgeiz als dem Lebensunterhalt dient das Blasrohr den Ureinwohnern Amerikas. Nordamerikanische Cherokee oder guatamaltekische Maya-Jäger nutzen das Blasrohr bis in die heutige Zeit als geräuscharmes Instrument zur Jagd, wobei sie die Pfeile zuvor in Gift tauchen. Als Waffe des Regenwaldes gilt das Blasrohr in Südostasien. Urwaldbewohner setzten es bis ins 20. Jahrhundert auch bei der Kopfjagd ein.

Hierzuland verwenden Tierärzte das Blasrohr, um aus sicherer Entfernung Betäubungspfeile abschießen zu können. Die Schützen aus den bayerischen Vereinen schießen mit dem Blasrohr höchstens auf Kunststofftiere. Ob sich dieses sogenannte 3D-Blasrohrschießen auch in Obernburg etabliert, zeigt die Zeit.

Hintergrund: Regeln Blasrohrschießen

Die Teilnehmer messen sich im Zehn-Rundenkampf. Pro Runde gibt der Schütze sechs Schüsse ab. Wettkämpfe für Einsteigern erfolgen auf Zieldistanzen von fünf oder sieben Metern. Profis versuchen ihr Glück auf der zehn Meter Entfernung. Die Länge des Rohres darf bei den meisten nationalen Wettkämpfen 1.60 Meter nicht überschreiten, spätestens bei zwei Metern ist auch international Schluss.

Erschienen am 22. August 2018 im Main Echo 
Mekka für Bastler und Schrauber
Zur Liste
Wie Wallach Looping ein Einhorn wird