Mit Bizeps und Waschbrettbauch zur Medaille

Natural Bodybuilding: Sebastian Wiesel aus Weckbach wird Drittplatzierter bei Weltmeisterschaft - “Ich mache das nicht, um berühmt zu werden”

Muskeln pumpen beim Rudern: Natural Bodybuilder Sebastian Wiesel trainiert für Bizeps und Waschbrettbauch. Foto: Julia Preißer

Weckbach. 30 Grad und nichts los im Fitnessstudio an der Amorbacher Krummwiese. Ein drahtiger Mittvierziger stemmt Hanteln, eine ältere Dame strampelt auf dem Ergometer. In einer Ecke bei den schwersten Gewichten wuchtet Sebastian Wiesel die Langhantel in die Höhe. Der Weckbacher hat in Italien den dritten Platz bei der WM der Natural Bodybuilder errungen. 10 Jahre Training haben sich ausgezahlt.

“Seit ich 18 bin ist Bodybuilding meine Leidenschaft”, sagt der 28-Jährige. Damals hatte er einem Bodybuilder beim Trainieren und später beim Wettkampf zugesehen. “Die Aura, die Atmosphäre - einfach alles - haben mich überzeugt. Jetzt bin ich dabei und bleibe es auch.” Sein Körper dankt es ihm. Früher litt er unter einer Vorstufe von Diabetes. Nach jahrelangem Sport und Ernährungsumstellung konnte er seine Medikamente absetzen.

Disziplin und eisernes Training machen einen Natural Bodybuilder aus. „Ich habe nie an Anabolika gedacht“, sagt Wiesel. Ein Naturaler formt seinen Körper ohne Steroide und Chemie. “Morgens esse ich Haferflocken und danach vier Mal pro Tag Reis mit Gemüse. Mir schmeckt Reis.” Ein Bier oder Süßigkeiten gönnt er sich selten. “Da hab ich sofort ein schlechtes Gewissen”, lacht er.

Sich auf eine Meisterschaft vorzubereiten ist anstrengend. Eine Woche vorher fängt Wiesels sogenannte Entladephase an. Dann verzichtet er auf Kohlenhydrate, trinkt 15 Liter Wasser pro Tag und versalzt seine Mahlzeiten absichtlich, damit sich der Glycogenspeicher im Körper entleert. 30 Gramm Salz müssen täglich vom Mund in den Magen. „Das Essen war bestialisch!“ In dieser Zeit trainiert Wiesel jeden Tag zwei Stunden im Studio und fährt anschließend eineinhalb Stunden Rennrad - den Berg hinauf.

48 Stunden vor der Meisterschaft wird es richtig hart. Die Ladephase beginnt. Jetzt darf der Körper wieder Energie tanken. Salz ist tabu, ebenso Wasser. Auf dem Speiseplan stehen Trockenfrüchte und Kohlenhydrate in Form von Reiswaffeln - 60 Stück am Tag. „Da hatte ich schon keine Lust mehr.“ Ziel ist es, die Muskeln zu pumpen und den Körper zu entwässern. “Danach ist die Haut dünn wie Pergament und man sieht jeden Muskel, jede Ader und jede Sehne”, erklärt Wiesel. Genau darauf achten die Juroren.

Ebenfalls wichtig: Ein braungebrannter Körper, Marke fünfwöchiges Strandgebruzel. Sebastian Wiesel bemalt sich vor jeder Meisterschaft mit einer Tanning-Lotion. Drei Schichten für den Körper, zwei für das Gesicht. Zwei Tage vor dem Wettkampf beginnt die klebrige Prozedur. Die Masse braucht lange, um einzuziehen. Wiesels goldbrauner Astralleib und seine Posen beeindruckten Juroren und Publikum. Vor allem auf den Bizeps und den Waschbrettbauch ist er stolz.

Als ihm die Jury die Bronze-Medaille um den Hals hängt, ist er fassungslos. “Richtig baff war ich aber bei der Internationalen Deutschen Meisterschaft”. Dort hatte Wiesel im Mai den Vizetitel errungen. “Es war mein erster großer Wettbewerb.”

Zu den Meisterschaften begleitet ihn seine Familie. “Die waren anfangs dagegen”, erzählt Wiesel. “Haben immer gesagt: ‘Du mit deinem Training und dem Essensplan!’ Nachdem sie gesehen haben, wie locker es hinter der Bühne zugeht, sind auch sie vom Fieber infiziert.”

Sebastian Wiesel wirkt unaufgeregt und selbstsicher: “Ich mache das nicht, um berühmt zu werden, sondern, weil es mein Lifestyle ist.“ Wenn er nicht mit Gewichten trainiert, fährt er Mountainbike und Rennrad. Vor kurzem hat er seinen Hochschulabschluss in Wirtschaftsrecht absolviert. Die nächste sportliche Herausforderung ist die Deutsche Meisterschaft im November. Dann will der 1,88 Meter Hüne wieder antreten. Diesmal soll es der erste Platz werden.

Hintergrund: Natural Bodybuilding

Natural Bodybuilder verzichten auf anabole Steroide und andere leistungsstärkende chemische Substanzen. Sie formen ihren Körper mit fairen Mitteln - durch Training, Proteine und strenge Diäten. Um ihr Credo zu gewährleisten, nimmt der Dachverband regelmäßig unangekündigt Blutproben. Mit etwa 38 Jahren laufen Natural Bodybuilder zur Höchstform auf. Die Muskelmasse steigt bis dahin mit jedem Trainingsjahr an. Zu dem Ernährungsplan der Natural Bodybuilder gehören vor allem Kohlenhydrate wie Hafer, Reis oder Süßkartoffeln, nebst Gemüse und selten Fisch. Alkohol und Süßigkeiten sind weitgehend tabu.

Erschienen am 20. Juni 2017 im Main Echo 
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