»Gesund ist, wer krank sein kann«

Paulus Terwitte: Der Ordensmann und Priester will Kranke mehr in die Gesellschaft integrieren

Bruder Paulus Terwitte beim Engelberg-Gespräch am Samstagabend – „Wir müssen unsere Krankheitsbegriffe neu definieren.“ Foto: Julia Preißer

Erlenbach/Elsenfeld. „Hauptsache gesund!?“ war das Thema eines Gesprächsabends am Samstag im Kloster Engelberg. Diskussionsteilnehmer und Ordensmann Bruder Paulus Terwitte ist sich sicher: „Wir müssen uns erlauben, eingeschränkt sein zu dürfen.“ Im Interview mit unserer Mitarbeiterin Julia Preißer sprach Bruder Paulus über Fasten, funktionieren müssen, falsche Vorbilder und dem Erlernen des Sterbens.

Thema Fasten: Viele Menschen sehen heutzutage vor allem den gesundheitlichen Aspekt darin. Was bedeutet Fasten für Sie?
Für mich ist Fasten, wieder zum sinnvollen Leben zurück zu finden. Von der Verdinglichung des Lebens – fressen, saufen, konsumieren, nicht auf die Zeit achten, die Stille flüchten, ungerecht sein, egomanisch um sich selber kreisen – auszubrechen. Zu sagen: Ich mache nicht mehr, wonach ich im Moment gieren, sondern ich mache, was ich wirklich will.

Klingt widersprüchlich. Was ist der Unterschied zwischen Gier und Wille?
Ich halte es mit dem heiligen Franziskus, der nach langer Suche im Evangelium gehört hat: Nehmt nichts mit auf den Weg. Da rief Franziskus aus: Das ist es, was ich will! Diesen Punkt müssen wir alle erreichen. Zu sagen: Das ist im Einklang mit meiner Seele und mit dem Willen Gottes. Wenn jemand diesen Punkt erreicht hat, muss er erkennen: Das was ich will, das tu ich nicht. Und das was ich tue, das will ich nicht. Um es mit den Worten des Apostel Paulus zu sagen: Wer wird mich erlösen aus meinem dem Tode verfallenen Leib? Die Fastenzeit ist also eine Freiheitsschule.

Wie erreiche ich diese Freiheit?
Menschen sollen wieder mehr auf ihr Herz hören. Ihrem Körper das Recht geben, Einspruch zu erheben gegen die jetzige Lebensart. Selbst wieder Verantwortung für die eigenen Gesundheit übernehmen und sie nicht an das Gesundheitssystem abzuschieben. Oft wollen wir ja gar nicht hinhören, wie es überhaupt um uns steht. Früher gingen die Leute zum Arzt und sagten: Herr Doktor, können Sie meine Krankheiten lindern? Heute gehen sie zum Arzt und sagen: Herr Doktor, Sie müssen mich gesund machen! Genau das kann ein Arzt nicht. Ein Arzt kann nur lindern. Wenn sich in einem Körper ein Krebs ausbreitet, können wir versuchen, ihn zurück zu drängen. Aber die reparative Medizin ist unmöglich.

Sprechen Sie da aus Ihrer Erfahrung als Krankenhausseelsorger?
Ja, damals habe ich oft mit Menschen zu tun gehabt, die aufgrund materialistischer Erziehung dachten sie wären in einer Art Autowerkstatt. Für die war es ganz neu, wenn ich fragte: Was bedeutet es denn, dass Sie jetzt einen Herzinfarkt hatten? Hatte alles einen Sinn? Können Ihre Kindern noch etwas von Ihnen lernen, wenn Sie jetzt ein Sterbender sind? Welcher Reichtum ist in Ihnen? Und ist dieser Reichtum nur von Bedeutung, wenn es noch fünf Jahre weiter geht? Oder auch, wenn es nur noch drei Wochen sind? Die Menschen müssen wieder sterben lernen.

Aber warum fällt uns das so schwer?
Weil wir in einer gnadenlosen Zeit leben. Wer nicht mehr an Gott glauben kann, muss an sich selbst glauben. Da kommt man an Grenzen. Es ist natürlich sehr erbärmlich, wenn man seine Haare ausfallen sieht, die Zähne nicht mehr funktionieren und die Hüfte weh tut. Zu sehen, dass man in eine Art Wrack wohnt. Da steckt die Angst dahinter, dass wir dem Leben nicht genügen. Ich sehe die vielen Selbstmorde von Menschen, die ihrer Lebensvorstellung auch nicht mehr genügt haben. Und dann wird das in der Presse noch als schön und würdevoll beschrieben. Da werden doch die Wörter ins Gegenteil verkehrt. Es wird suggeriert: Du bist zu alt, du bist zu krank, du bist zu teuer. Den Kranken wird bedeutet: Schaut euch diese tollen Vorbilder an, die sich früh genug selbst vom Acker gemacht haben.

In den 90ern gab es ein Unwort des Jahres: Sozialverträgliches Frühableben...
Ja, genau. Jetzt muss man sich sogar schon selbst wegmachen mit Bestattungsvorsorgeverträgen und Patientenverfügungen. Wir sind gar nicht mehr eingebettet in die Gesellschaft. Ich glaube nicht, dass jemand gesund sein kann, wenn er nicht eingebettet ist. Ein Aphorismus, den ich als Krankenhausseelsorger geprägt habe heißt: Gesund ist, wer krank sein kann. Wir müssen uns gegenseitig erlauben, eingeschränkt sein zu dürfen. Heutzutage ist der Utilitarismus die neue Ideologie: Brauchbar für die Arbeit, die Familie, den Verein. Du bist das, wofür du nützlich bist. Es ist ein wahnsinniger Druck. Nehmen wir nur mal die vielen Leute, die sich krank zur Arbeit schleppen.

Sind psychische Krankheiten wie Burnout da vorprogrammiert?
Burnout ist ja keine Krankheit. Da werden gesellschaftliche Ursachen von falscher Arbeitsorganisation in eine Krankheit gedrückt. Wenn man überfordert ist, ist das plötzlich eine Krankheit? Nur weil ich nicht so funktionieren will und kann, wie es die Gesellschaft will, bin ich nicht krank. Wir haben eine Pflicht unsere Krankheitsbegriffe gut zu untersuchen.

Hauptsache gesund!? – Das Engelberg-Gespräch

Einmal im Jahr in der Fastenzeit veranstaltet das Kloster Engelberg gemeinsam mit der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB), der Caritas und dem Aschaffenburger Martinusforum eine Diskussionsrunde unter dem Titel Engelberg-Gespräch. Für ihre Arbeit haben die Verbände erst kürzlich die Auszeichnung „best practise 2014“ der Katholischen Erwachsenenbildung Bayern erhalten. „Hauptsache gesund!?“ lautete das diesjährige Thema. Als Diskussionsteilnehmer geladen waren Bruder Paulus Terwitte aus Frankfurt und Allgemeinmediziner Joachim Haas aus Amorbach. Sie diskutierten über die Fragen: Ist es ein Segen, alt zu werden oder wird die eigene Leidensgeschichte dadurch nur verlängert? Können wir in zehn Jahren noch auf eine gute medizinische Versorgung hoffen? Wie viel Selbstsorge muss sein und wann beginnt der Körperkult? Das Fazit des Abends: Krankheit kann als Chance und Form der Begegnung begriffen werden. Die gewonnene Erkenntnis und die Bewusstseinsveränderung sind wertvoll, auch wenn Leiden dahinter steht.

Erschienen am 9. März im Main Echo 
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