Virtuell durch den Landkreis radeln

Digitalisierung: Pflege rüstet auf - Chancen für Personal, Autonomie für Bewohner, Skepsis in der Bevölkerung

Virtuelles strampeln durch die Region: Bewohner im Kreisaltenheim Amorbach testen neue Digitaltechniken in Pilotprojekt. Foto: Julia Preißer

Kreis Miltenberg. Senioren im Kreisaltenheim in Amorbach strampeln sich derzeit virtuell auf dem Fahrrad durch den Landkreis. Die Technik ist Teil der Digitalisierung im Pflegebereich. Bequem auf einem Stuhl sitzend, steuern die Bewohner mit Fahrradpedalen eine Software, die ein Video startet.

Die virtuelle Radtour versammelt die Senioren in Scharen vor dem Bildschirm im Aufenthaltsraum. Wer fährt, beginnt an einem beliebigen Startpunkt und radelt dann quer durch die Region. Das abgespielte Video wurde in Echtzeit auf dem Fahrrad gedreht und macht das Erlebnis umso realistischer. Das Kreisaltenheim möchte Bewohnern, die ihre Heimat nicht mehr selbst per Fahrrad oder zu Fuß erkunden können, die Möglichkeit geben, ihre Lieblingsorte täglich zu “besuchen”.

Digitaltechnik will Pflegern und Bewohnern Chancen eröffnen, sorgt aber auch für Skepsis. Man denkt an Pflegeroboter, Stellenabbau, Sicherheitslücken und hohe Kosten. Manuela Eichhorn, stellvertretende Leiterin des Pflegedienstes im Kreisaltenheim, sieht die Technik überwiegend positiv: “Für uns ist die Digitalisierung eine Erleichterung und für die Bewohner bedeutet sie mehr Autonomie.”

Wo vor kurzem noch Botengänge nötig waren - etwa bei der Weiterreichung von hausinternen Unterlagen, hilft jetzt eine digitale Pflegeakte. Dort können examinierte und speziell geschulte Pflegekräfte wichtige Pflegedaten eintragen und hausintern verschicken. Sicherheitslücken gebe es keine, die Software sei speziell für den Medizinbereich entwickelt, mehrfach Passwortgeschützt und zertifiziert.

Christine Becker, freiberufliche Beraterin für die PFL-EX, einer Lernplattform für Digitalisierung in Pflegeberufen, ergänzt: “Computer, Tablets und Smartphones werden ausschließlich im beruflichen Rahmen genutzt, so dass Daten nicht versehentlich im Netz landen.” Becker berät neben dem Kreisaltenheim in Amorbach auch die ambulante Pflege des Cartiasverbands im Landkreis. Beide Einrichtungen haben sich bereit erklärt, im Rahmen eines Pilotprojekts digitale Technologien zu testen.

Ihre Erfahrungen verbreiten die Institute und Berater in öffentlichen Workshops. Bewährt hat sich im Kreisaltenheim der Hinlauf-Tracker über den demente Bewohner, die ungesehen das Haus verlassen, geortet werden können. Ebenso hilfreich sind Sensormatten vor den Betten, die Alarm schlagen, wenn ein Bewohner mit Demenz nachts das Bett verlässt.

Bislang wird die Technik von den Trägern der sozialen Einrichtungen und von der Stiftung Altenhilfe finanziert. Mit dem Krankenhausstrukturfond will aber auch die Bundesregierung den Einsatz digitaler Anwendungen in der stationären Versorgung fördern. Kordula Schulz-Asche, Sprecherin für Pflege- und Altenpolitik bei der Bundestagsfraktion der Grünen hat sich am Dienstag über das PFL-EX informiert. Sie will die Schnittstellen zwischen Pflege, Prävention und Arztversorgung verbessern.

“Das Zauberwort heißt Zusammenarbeit”, sagt Schulz-Asche und kritisiert die fehlende fachübergreifende Vernetzung. Beraterin Christine Becker beklagt vor allem die mangelnde Bereitschaft vieler Ärzte, auf die Technologie - zum Beispiel im Bereich Telemedizin - aufzuspringen: “Das Interesse ist sehr gebremst.” Ein weiteres Problem sei, dass es bislang keine einheitliche Software gäbe. “Wenn wir Vernetzung zwischen den Bereichen wollen, muss die Software kompatibel sein.”

Am Ende, da sind sich Christine Becker und Pflegedienstleiterin Manuela Eichhorn einig, werde Digitaltechnik niemals den zwischenmenschlichen Kontakt ersetzen. Psychologische, soziale, medizinische und pflegerische Betreuung sei weiterhin Aufgaben von Fachkräften. Die Digitalisierung könne dabei helfen, dass den Betreuern mehr Zeit für den persönlichen Kontakt zu Patienten und Bewohnern bleibe. Auch um seine Stelle muss zumindest im Pflegebereich bislang keiner fürchten. Erst vor kurzem hatte der Freistaat den Personalschlüssel verschärft.

Hintergrund: Pflegeberuf attraktiv machen

Digitalisierung verändert den Arbeitsmarkt - Stellen werden abgebaut, neue kreiert. Personalmangel im Pflegebereich gab es bislang vor allem wegen Imageproblemen, vergleichsweise geringer Entlohnung und schwierigen Arbeitsbedingungen. Mit Digitaltechnik wollen Pflegeeinrichtungen jetzt um Auszubildende werben. Das Kreisaltenheim sucht das Gespräch mit den örtlichen Schulen, bietet Führungen für Ethikgruppen und Praktikumsplätze für Schüler. Das Ziel: Junge Menschen sollen sehen, wie sich Digitaltechnik auf die Arbeit der Pflegekräfte auswirkt. Man will spannende und innovative Betätigungsfelder schaffen und die Fachkräfte körperlich entlasten - etwa mit Hilfe von Hebe-Liftsystemen. Langfristig, so die Hoffnung, soll technischer Fortschritt auch zur persönlichen Weiterentwicklung junger Auszubildender beitragen.

Erschienen am 20. Juni 2019 im Main Echo 
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