Lernen mit Tagesschau und Youtube

Digital meets analog: Medienprofi Felix Behl zeigt in der Barbarossa-Mittelschule wie Lehrer interaktive Whiteboards mit alten Unterrichtsmethoden koppeln und den Unterricht bereichern können. Foto: Julia Preißer

Erlenbach. Bau- und Sanierungsprojekte vieler Schulen im Landkreis Miltenberg stellen Lehrer und Schulleiter vor große Aufgaben. Denn mit den baulichen Umstrukturierungen geht auch eine Veränderung der Unterrichtsformen einher. Adé Kreide und Tafel, weg vom Einbahnunterricht und hin zur Vernetzung. Digital ist die Zukunft – auch in der Schule. Die Barbarossa-Mittelschule in Erlenbach springt mit interaktiven Whiteboards auf den Zug auf. Lehrer Felix Behl hat dort gemeinsam mit seinen Kollegen die Veränderungen vorangetrieben. Gleichzeitig arbeitet er als medienpädagogischer und informationstechnischer Berater und Datenschutzbeauftragter für das Schulamt. Im Interview spricht er über die Vorteile des digitalen Unterrichts und die Herausforderungen für Lehrer und Schüler.

Herr Behl, wo sehen Sie die Vorteile eines auf Digitaltechnik basierten Unterrichts?
Ein Vorteil ist sicherlich, dass die Lehrer sehr kurzfristig Medienangebote nutzen können. Man hat sofort Zugriff auf etwa die Kindernachrichten Logo, die Tagesschau oder Youtube. Außerdem werden die Schüler aktiver, beispielsweise in Lernplattformen. Für den Lehrer wiederum bedeutet es einen viel kleineren Aufwand, wenn er sein Tafelbild abspeichern und beim nächsten Mal wieder aufrufen kann. Er kann sogar den kompletten Entstehungsverlauf des Tafelbildes filmisch protokollieren und den Schülern zur Verfügung stellen – etwa bei Geometrie-Aufgaben.

Und was sind die Nachteile?
Tablets für jeden Schüler sind sicher in vielen Bereichen sinnvoll. Sie haben aber den Nachteil, dass der Schüler keinen alleinigen Fokus mehr hat. Soll er sich jetzt auf den Lehrer konzentrieren oder auf seinen Bildschirm? Er kann also mehr abgelenkt werden. Das ist mit ein Grund, weshalb wir künftig an der Barbarossa-Mittelschule zunächst nur interaktive Whiteboards nutzen. Die sind wie eine Tafel, nur vielseitiger.

Wie werden Lehrer an das Thema herangeführt?
Wir müssen klein anfangen und den Lehrern zunächst die reine Tafelbildfunktion des interaktiven Whiteboards beibringen. Schon das bringt Vorteile: Ich kann es abspeichern. Eine fortgeschrittene Nutzung wären interaktive Übungen mit den Schülern. Für Lehrkräfte habe ich einen Fortbildungsplan erstellt. Dabei geht es um technische Kenntnisse aber auch um Medienpädagogik. Hier muss man auch präventiv tätig sein. Schüler und Lehrer sollen wissen: Welche Bilder darf ich hochladen, ohne Persönlichkeitsrechte zu verletzten? Was passiert mit den Bildern, die ich auf Facebook poste? Es gilt die Erkenntnis auszuprobieren: Das Internet vergisst nichts. Lehrer sollten nicht nur vor den Gefahren warnen, sondern sie in Praxisübungen veranschaulichen.

Ist Medienerziehung künftig ein Unterrichtsauftrag der Schulen?
Medienerziehung gehört immer in den Unterricht – nicht nur einmal pro Monat, wenn ich in den Computerraum gehe. Diesen Auftrag haben wir schon lange. Jetzt müssen wir ihn umsetzen und Medienkunde und Medienkritik zu gängigen Themen machen. Hier taucht die Frage auf: Wie recherchiere ich sinnvoll? Als Lehrer kann ich jüngeren Kindern raten, statt Google eine Kindersuchmaschine wie blinde-Kuh.de zu benutzen. Die liefert ihnen verständliche und seriöse Ergebnisse. An erster Stelle steht natürlich die Medienbildung der Lehrer. Sie müssen wissen, ab welcher Jahrgangsstufe welche Themen behandelt werden können. Ab wann man beispielsweise Präsentationsprogramme für Referate einführt und wie man die Treffer von Suchmaschinen auf Glaubwürdigkeit überprüft.

Kritische Stimmen sagen, Medienerziehung gehöre ins Elternhaus.
Als Mittelschule ging es uns schon immer darum, den Schülern vor allem Lebenskompetenz zu vermitteln. Wir haben ja zum Beispiel auch Unterrichtsinhalte wie Ernährungskunde. Zur Lebenskompetenz gehört aber eben auch, dass ich ein Smartphone bedienen kann, ohne eine Abmahnung oder Strafe wegen illegal veröffentlichter Bilder zu bekommen. Trotzdem: Ein Kind ist nur rund ein Viertel des Tages in Obhut der Schule. Wir können und sollen unterstützen – aber wir können nicht alles leisten.

Bleiben bei soviel Fokussierung auf Medienkunde wichtige Unterrichtsthemen auf der Strecke?
Zunächst mal kann man fast jedes schulische Thema mit dem Erlernen von Medienkompetenz kombinieren. Außerdem kann ich ja den Inhalt nicht von der Methode loslösen. Verbrauchen wir wirklich Zeit mit Medienkunde? Ich finde, die Menschen im dritten Jahrtausend müssen wissen, dass sich Medienkunde immer auszahlt. Stichwort Cybermobbing: Ich kann nicht Mathe lehren, wenn da gerade so ein Konflikt in der Klasse ist. Das ist verlorene Lernzeit.

Künftig soll viel mit Lernsoftware gearbeitet werden. Können Schüler da bei Aufgaben tricksen – etwa bei Multiple Choice?
Nicht wenn Software gut funktioniert! Natürlich ist nicht jedes Programm geeignet aber wenn der Anreiz stimmt, klappt auch der Lernfortschritt. Wie das geht zeigen Computerspiele – etwa WorldOfWarcraft. Da bin ich auf einem bestimmten Niveau, habe aber immer einen Anreiz, voran zu kommen. Das baut sich langsam auf und ich merke: Ich kann was! Schulischer Ehrgeiz funktioniert ja auch über ein Belohnungssystem. Nur so sind individuelle Entwicklung und Lernen möglich. Trotzdem: Eine Lernsoftware kann niemals echtes Zusammensein ersetzen. Und das iPad ersetzt keine Tafel. Denn an der Tafel steht eine Person. Jemand, der wirklich da ist und der einen motivieren kann.

Interaktive Whiteboards

Ohne Kreide funktioniert die Tafel der Moderne. Man nennt sie interaktives Whiteboards – eine weiße Fläche, die mit einem Computer verbunden ist. Ein Beamer projiziert den Bildschirminhalt auf die Edelstahlfläche. Doch das Whiteboard ist mehr als ein großer Bildschirm. Es dient auch dazu, den Computer per Fingerdruck oder mit einem kabellosen Stift zu steuern. Außerdem können Lehrer über ein vom Computer angezeigtes Bild handschriftliche Ergänzungen legen oder ein Arbeitsblatt über einen Visualizer auf dem Whiteboard anzeigen. Ähnlich wie bei PowerPoint-Präsentationen lassen sich zudem Ebenen definieren und nach und nach einblenden. Interaktive Whiteboards ermöglichen es, ein Tafelbild zu speichern und später wieder aufzurufen. Bei Stromausfall oder technischen Problemen können Lehrer das Whiteboard mit einem Marker wie eine herkömmliche Tafel nutzen. Europäischer Vorreiter in der Verwendung interaktiver Whiteboards ist Großbritannien. Rund zwei Drittel aller Schulen nutzen die Technik dort im Unterricht. Auf den digitalen Zug springen derzeit auch die Schulbuchverlage mit eigenen Angeboten für Whiteboards auf.

Erschienen am 28. Oktober 2015 im Main Echo 
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