Verruchte Grand Damen und skurrile Popsternchen

Dinnerkabarett: Parodistin Ellen Obier nimmt die Zuschauer bei Barbarie-Ente und Spekulatius-Mousse mit in die Welt der Musikerinnen

Vielgesichtig: Parodistin Ellen Obier läuft in Ihren Schows zur Höchstform auf. Foto: Julia Preißer

Rüdenau. Wenn Entertainerin Ellen Obier den Mund aufmacht, haucht Nena, trällert Margot Hellwig und schmettert Anastasia. Beim Dinnerkabarett am Sonntagabend im Gasthof Zum Stern zeigte Obier ihre Wandlungsfähigkeit und nahm die Zuschauer mit auf eine musikalische Reise von den 1930ern bis heute.

Die Küche bot den Gästen kulinarische Leckereien wie Barbarie-Entenbrust, Galantine von Süßwasserfischen und Garnelen, Waldpilz-Rahmsüppchen und weihnachtliche Glühwein-Kirschen mit Spekulatius-Mousse und Karamel-Eis.

In feinstem sächsisch begrüßt Ellen Obier als Hausmädchen Geraldine ihr Publikum. Blonde Struwwelperücke, rosa Blazer und neongelbe Karohose dürfen dabei nicht fehlen. Im hinteren Bühnenbereich warten bereits zehn weitere Knalleroutfits auf ihren Einsatz. Nun wird es aber erst einmal besinnlich.

Um dem Titel ihrer Bühneshow „Eine Weihnachtsfrau zum Knutschen“ gerecht zu werden, wirft sich Obier in Filzmantel und Bommelmütze. Bei „Leise rieselt der Schnee“ kommt Weihnachtsstimmung auf – zu romantisch allerdings um lustig zu sein. Doch Obier will das Publikum aus der Reserve locken und zum Mitsingen animieren. Mit Weihnachtsliedern, die jeder kennt, funktioniert das ganz gut.

Obiers Stärken liegen allerdings – fernab der besinnlichen Weihnachtszeit – auf den Showbühnen der Welt. Mit Federboa, Sonnenbrille und Samtkleid gibt sie Zarah Leander – tiefe, sonore Samtstimme inklusive. Im Kontrast stehen Nickis Gequäke bei „I bin a bayerisches Cowgirl“ und Margot Hellwigs jodelnd flötendes „Servus, gruezi und hallo“.

Niemals unmäßig überspitzt aber immer ein bisschen schriller oder verruchter als im Original sind Ellen Obiers Parodien. Tina Turner stapft breitbeinig über die Bühne, Nena klatscht hüpfend mit den Händen über dem Kopf und Marlene Dietrich nutzt zwar statt Pulverfass einen Cocktailsessel, ist aber deshalb nicht weniger Femme Fatale.

Einen Narren hat Ellen Obier an den männlichen Zuschauern gefressen. Bernhard wird auf der Bühnen kurzerhand zu Bernie und soll Obier, alias Kylie Minogue, beim Ankleiden helfen. „Können Sie Frauen anziehen?“ fragt die Entertainerin und Bernie antwortet schlagfertig: „Na ja, ausziehen geht besser.“ Das Zwängen in den obligatorischen weißen Kylie-Kapuzenfummel klappt trotzdem gut.

Schwerer hat es da Michael. Er muss musikalische Mäxchen machen und zu Shakira tanzen. Obier macht es vor: Wackelpo, Hüftschwung und lasziv in die Haare greifen. Michael schlägt sich tapfer, seine weiblichen Fans feuern ihn an. Wenn Obier einen Gast auf die Bühne holt, sich beim Singen auf den Schoß älterer Herren setzt oder Mitmachlieder anstimmt, hat sie das Publikum auf ihrer Seite.

Wer allerdings gesellschaftskritisches Kabarett oder Stand-up-Comedy erwartet hatte, wurde beim 34. Dinnerkaberett enttäuscht. Ellen Obier ist eine fantastische Imitatorin und Parodistin – sowohl musikalisch als auch schauspielerisch. Sie ist nicht deshalb witzig, weil sie Witze erzählt. Sie ist witzig, weil sie die skurrilen Eigenarten der Grand Damen und Showsternchen offenlegt – mit vollem Körpereinsatz.

Erschienen am 10. Dezember 2014 im Main Echo 
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