Der Pfarrer und das liebe Vieh

Zweigespann: Pfarrer Prokschi aus Kirchzell verbringt seine Freizeit gerne mit seiner dreibeinigen Adoptiv-Kuh Haribo

Foto: Julia Preißer

Kirchzell /Mudau. Haribo hats gut: Die sechsjährige Kuh genießt die Streicheleinheiten von Pfarrer Prokschi (50) aus Kirchzell. Prokschi hat die vormals kranke Kuh vor zwei Jahren adoptiert und gesund gepflegt. Nun besucht er sie regelmäßig auf dem Milchhof von Familie Wörner in Mudau-Donebach. Mensch und Tier sind ein Herz und eine Seele. Die ungewöhnliche Geschichte begann im Sommer 2019 als Haribo - damals hochträchtig - verunglückte. Wie genau der Unfall passierte, darüber kann Familie Wörner nur mutmaßen. Wahrscheinlich, so vermutet Landwirtin Maria Wörner, ist die schwangere und damit schwerfällige Haribo nachts auf die Metallstange am Rand der Box gefallen.

Pfarrer Prokschi unternahm gerade Hausbesuche in Donebach, als er von Haribos Unglück erfuhr. Dann ging alles ganz schnell. Der Veterinär riet zu zwei Optionen: Entweder er würde Haribo samt ihres schon geburtsreifen Kälbchens einschläfern. Oder man solle warten, bis das Kälbchen auf der Welt sei und Haribo danach den Gnadentod gewähren. Familie Wörner wollte warten. Pfarrer Prokschi ging noch einen Schritt weiter. Er sah die Kuh kämpfen und beschloss: “Haribo wird nicht eingeschläfert!”

Die folgende Stunde wurde Pfarrer Prokschi Zeuge einer Notoperation: Der Veterinär trennte das unrettbar verletzte Bein am Wurzelgelenk ab und verband den Stumpf fachmännisch. Die Wörners erklärten sich bereit, Haribo weiterhin zu versorgen und errichteten ein Krankenlager im Eingangsbereich des Stalls.

Und Pfarrer Prokschi? Der war über Nacht zum Adoptivvater geworden und musste sich erst einmal einlesen: Wie wechselt man einer Kuh den Verband? Wie pflegt man einen Stumpf? Und wie bringt man Priesteramt und Tierpflege unter einen Hut? Prokschi startete einen Aufruf: Wer im Umkreis helfen wolle, könne ihm abgelaufene Verbandskästen vorbeibringen. Er brauche sie für seine Kuh. In den Folgewochen trafen dutzende Verbandskästen im Pfarrhaus und auf dem Hof der Wörners ein. Auch der Strickkreis der Kirchengemeinde hatte eine findige Idee: Er strickte Socken, die Haribos sensiblen Stumpf schützten.

Und noch mehr passierte: “Der Bauernhof wurde unfreiwillig zum Wallfahrtsort”, erzählt Pfarrer Prokschi augenzwinkernd. Die Geschichte vom Pfarrer und dem lieben Vieh hatte sich im Umland herumgesprochen und bald schon strampelten jeden Tag Radfahrer die steile Anhöhe nach Donebach hinauf, um Pfarrer und Kuh bei der gemeinsamen Arbeit zuzusehen. Der Pfarrer wusch, salbte, desinfizierte und verband. Und seine Kuh kämpfte sich zurück auf die - nunmehr drei - Beine.

Wer noch zweifelte, ob das Tier tot nicht besser dran wäre, dem erklärte Prokschi: “Die Haribo will leben. Die hat einen eisernen Willen.” Blieb nur noch eine letzte Frage zu klären: Wie kann eine dreibeinige Kuh unbeschadet ein Kälbchen gebären? Hier war der Veterinär erster Ansprechpartner. Er beschloss, die Geburt einzuleiten und zu überwachen, sobald Haribo den Post-Op-Schreck verkraftet hatte. Nach acht Tagen war Haribo fieberfrei und stabil und es konnte losgehen. Die tapfere Kuh gebar ihr Kälbchen: ein schwarzes Fellknäuel mit weißer Krause um den Hals. Ein Name ward schnell gefunden: Hochwürden sollte das Kalb heißen.

Vier Monate lang pflegte Pfarrer Prokschi Haribo danach noch weiter. Dutzende Streicheleinheiten und zirka 100 Jodbäder zahlten sich aus. Die Kuh erholte sich, konnte bald stehen und kann mittlerweile auch beinahe normal laufen. Unaufmerksame Hof-Besucher sehen erst auf den zweiten Blick, dass da eine Kuh auf drei Beinen unterwegs ist. Denn Haribos Beinstumpf wirkt optisch verlängert, da sie ihr Körpergewicht verlagert und sich die Muskeln angepasst haben. Nur einsperren müssen die Wörners Haribo nicht. Denn sobald sie mit dem Stumpf auf den Asphalt aufkommt, kehrt sie um zum Stall, wo der Boden bequemer ist. Fremde wundern sich manchmal ob der freilebenden Kuh ohne Box und Leine. Doch die Kirchzeller und Donebacher wissen: Das ist die Kuh vom Herrn Pfarrer. Und in der Kirche sitzen seine Schäfchen!

Erschienen am 5. Juni 2021 im Main Echo 
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