Kleinode aus Elfenbein und Perlmutt

Kunst: Marie Luise Becker aus Elsenfeld pflegt altes Handwerk - Stand auf Obernburger Weihnachtsmarkt

Feinarbeit: Millimeter für Millimeter fräst Marie Luise Becker das sibirische Mammutelfenbein. Foto: Julia Preißer

Elsenfeld. Der Dentalfräser in der Hand von Marie Luise Becker gleitet surrend über den Zahn. Das Mammut zu dem er gehört spürt keinen Schmerz mehr. Es ist bereits seit mindestens 10.000 Jahren tot. Die Elsenfelder Elfenbeinschnitzerin legt mit dem zahnärztlichen Instrument letzte Hand an Schmuck und Figuren, die sie am Wochenende auf dem Obernburger Weihnachtsmarkt verkaufen will.

Ohrringe, Amulette, Broschen, Kreisel, ein Hirsch, ein Frauentorso, eine Venusfigur: Die Liste der Werkstücke, die sich in Beckers Atelier am Kobenrain aufreihen, ist lang. Endlos ist die Kreativität der Elfenbeinschnitzerin. Einiges ist noch unfertig, doch Becker sitzt schon am nächsten Projekt. “Die besten Ideen kommen mir unter der Dusche”, lacht sie.

Auf eine grobe Skizze folgt die dreidimensionale Zeichnung in Reinform. Dann modelliert Marie Luise Becker den Entwurf aus Ton und gießt einen Silikon- oder Gipsabdruck. Erst jetzt wendet sie sich den eigentlichen Materialien zu. Nebst Elfenbein arbeitet sie mit Abwurfgeweihen, Rinderknochen, Horn, Perlmutt, Grenadill-Holz und der Taguanuss. “Das sind alles edle Materialien. Schade, dass sie fast in Vergessenheit geraten sind”, bedauert sie.

Beinahe vergessen ist auch das Handwerk des Elfenbeinschnitzers. Im Odenwald gehört es seit dem 18. Jahrhundert zur Tradition und brachte der armen Region lange Zeit wirtschaftliche Vorteile. Heute lernen nur zwei bis vier Schüler pro Jahrgang das Handwerk an der europaweit einzigen Berufsfachschule für Holz und Elfenbein in Michelstadt. Das Material ist teuer und der Beruf wirft nur wenig Gewinn ab.

Seit dem Washingtoner Artenschutzabkommen von 1973 ist der Handel mit Elefantenelfenbein verboten. Deshalb verwendet Becker Mammutelfenbein. Das hat einen langen Weg hinter sich, ehe es auf der Werkbank der Künstlerin landet. Es stammt aus Sibirien, wo der tauende Permafrostboden der Tundra prähistorische Tiere zum Vorschein bringt. Und auch die Taguanuss kommt von fernen Gefilden. Sie wächst bevorzugt in Ecuador, aber auch in Panama, Kolumbien, Brasilien und Peru.

Schwierig bei diesen beiden Materialien sind feine Risse und Hohlkammern. Ein Kilogramm Elfenbein von guter Qualität kostet deshalb bis zu 600 Euro. Als Becker mit dem Schnitzen anfing, mussten günstigere Stoffe herhalten. “Ich zog von Sperrmüll zu Sperrmüll und suchte Materialien für meine ersten Basteleien.” Später absolvierte Becker eine Ausbildung zur Holzschnitzerin.

Ihr Lebens- und Berufsweg war immer zielstrebig aber nie geradlinig. Steuergehilfin, zwei Jahre mit dem Rucksack durch Indien und Sri Lanka, Ausbildung zur Krankenschwester und Arbeit auf der HIV Infektionsstation an der Uniklinik in Frankfurt, Praktikum in Israel, Kurs zur ganzheitlichen Yogalehrerin.

Aus der fernöstlichen Lehre blieb ihr ein Spruch bis heute im Gedächtnis haften: “Das Wichtigste am Lernen ist positives Denken.” Auf dem langen Weg hin zum eigenen Atelier war ihr dieses Wort stets präsent. “Wenn einmal etwas nicht klappt: Was solls? Man ist doch auf der Welt, um Erfahrungen zu sammeln”, sagt sie.

Mit 50 wollte sie noch einmal neue Wege beschreiten. Sie meisterte die Aufnahmeprüfung an der Michelstädter Berufsfachschule und begann 2012 mit der Ausbildung. Im zweiten Lehrjahr erschaffte sie eine Figur, die sie “Gefangen im Rahmen der Konventionen nennt”. Ein Frauenkörper ist an einen dunklen Holzrahmen gekettet. Wenn man Becker kennenlernt, weiß man: Es kann kein Selbstportrait sein.

Hintergrund: Die Berufsfachschule für Holz und Elfenbein in Michelstadt

Eingeführt hat die Elfenbeinschnitzerei im Odenwald Franz I. Graf zu Erbach-Erbach. Ab 1783 gab es erste Schnitzer, die sich in einer Zunft zusammenschlossen. Etwa 100 Jahre später wurde in Erbach die “Großherzogliche Fachschule für Elfenbeinschnitzerei und verwandte Berufe” gegründet. Später wechselte die Lehranstalt ins benachbarte Michelstadt. Lange Zeit florierte die Branche, bis in den 1970er Jahren wegen des Artenschutzes der Handel mit Elefantenelfenbein verboten wurde. Die Schule suchte sich neue Materialien, wie die kastaniengroße Taguanuss aus Südamerika, deren wässrige Flüssigkeit im Inneren durch Trocknung steinartig aushärtet.

Erschienen am 8. Dezember 2017 im Main Echo 
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