Erlöserschwestern verlassen Erlenbach

Kirche: Schwestern Pietra und Dagmar blicken auf jahrzehntelangen Dienst zurück - Profess als Berufung

Abschiedsblick zum Kirchturm: Schwester Pietra und Schwester Dagmar kehren ins Kloster zurück. Foto: Julia Preißer

Erlenbach. Im Zimmer stapeln sich Umzugskartons, Schränke und Kommoden sind leergefegt. Die Madonnenstatue ist verpackt und unterwegs zum “Mutterhaus” nach Würzburg. Im Juli folgen ihr die Erlöserschwestern Pietra und Dagmar. Dann geht es für beide zurück ins Kloster - ein Kreis schließt sich.

Am Wohnzimmertisch sitzen die Schwestern mit Fotoalben und Chroniken der letzten Jahrzehnte. Zwischen Frühstück und Mittagessen zwei Lebensgeschichten erzählen? Unmöglich. Doch die Alben geben erste Einblicke und beide sind redselig, so dass sich langsam ein Bild formt.

Zwei Mädchen, die eine 17, die andere 22, entscheiden sich vor vielen Jahrzehnten für das Novizenamt. Beide fühlen sich berufen, beide kämpfen mit dem Unverständnis der Familien. “Ich kauf dir eine Nähmaschine, wenn du da bleibst”, verspricht Dagmars Mutter ihrer Tochter. Schwester Dagmar, passionierte Schneiderin, kann heute darüber lachen.

Doch was ist, wenn man von einer eigenen Familie träumt? Wie trifft man eine Entscheidung, die sich derart auf das Leben auswirkt? “Mit 20 war mir beides wichtig - Heiraten und Kinder bekommen oder in den Orden eintreten”, erzählt Schwester Pietra. “Aber das sucht man sich nicht aus; man wird berufen.”

Fotos und ausgeschnittene Zeitungsartikel zeigen die Schwestern im Schuldienst, in der Kirche und im Kindergarten. Stets lächelnd, stets gut gelaunt. Sie erinnern sich gerne, schwärmen von Gemeindefesten und dem Zusammenhalt der Nonnen. “Anfangs waren wir sieben”, erzählt Pietra. “Natürlich gab es manchmal Reibereien. Aber da packt man nicht sein Bündel, sondern man sagt “ja” zur Gemeinschaft.”

2003 stößt Schwester Dagmar zu der Nonnen-Gruppe in der Brückenstraße. Sie kommt aus der Bischofsresidenz - hatte dort den Pförtnerdienst inne. Kommunion- und Messgewänder nähen, die Senioren in der Tagesstätte betreuen und Andachten vorbereiten. Sie hilft, wo man sie braucht. “Ohne sie hätten wir anderen unsere Berufe nicht ausüben können”, sagt Schwester Pietra.

Pietra diente 52 Jahre in Erlenbach. Sie habe stets “den Karren weitergeschoben”, sagt sie von sich. Mit knapp 30 trat sie ihre Stelle in der Barbarossa Mittelschule an, als Handarbeits- und später Hauswirtschaftslehrerin. 1999 verließ sie die Schule, arbeitete in der Kommunionvorbereitung und danach im Seniorenstift.

Schüler, die längst erwachsen sind, erkennen Schwester Pietra auf der Straße wieder. Sie sieht aus wie vor 20 Jahren - rotwangig und zierlich. Man kann kaum glauben, dass sie 82 Jahre zählt.

Doch jetzt ist er da, der Ruhestand. Und die Schwestern tauschen Kinder- gegen Klostergarten und Mittelschule geben Morgenmesse. Schwester Dagmar kann ihrem liebsten Hobby nachgehen: dem Nähen. Den Dienst an der Klosterpforte lehnte sie ab - “zu viel Technik.” Schwester Pietra ist mutiger: Sie wird künftig als Pförtnerin Anrufer per Computer mit den Schwestern verbinden. “Da gewöhn ich mich schon dran.“

Bald dürfen sich Kleinkinder in der Nonnen-WG austoben. Der Kindergarten Brückenstraße will die Räume für eine neue Gruppe nutzen. Bis zum 20. Juli müssen die Nonnen alles loswerden. “Rumänien”, “Afrika”, “Martinsladen Erlenbach” - Etiketten verweisen auf die Zustelladresse von Möbel und Inventar. Vieles ist Spende, manches verkaufen die Nonnen per Ebay. Nur die Schrankwand aus Kirschholz will keiner haben - “zu monströs”.

Und die letzte Amtshandlung? Die Schwestern schmunzeln. “Wir haben die ehrenvolle Aufgabe, die Lichter zu löschen.”

Hintergrund: Was sind Erlöserschwestern?

Erlöserschwestern gehören römisch-katholischen Ordensgemeinschaften an, die auf eine Gründung in Niederbronn-les-Bains im Elsass zurückgehen. Die Schwestern Pietra und Dagmar zählen zum Orden “Kongregation der Schwestern des Erlösers” und haben ihr Mutterhaus (Kloster) in Würzburg. Der Orden wurde 1849 gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kranke zu pflegen und Arme zu unterstützen. Die Schwestern des Ordens dienten früher vor allem an der Würzburger Universitätsklinik. Heute widmen sie sich der Kranken- und Altenpflege, der Erziehung und Ausbildung, sowie der Pastoral- und Seelsorge. Ihre Einsatzgebiete verstreuen sich über ganz Unterfranken, deshalb leben die Schwestern vor Ort in Wohngemeinschaften. Der Orden ist auch in den USA (Sisters of the Holy Redeemer) und in Tansania vertreten.

Erschienen am 26. Juni 2017 im Main Echo 
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