Mehr Fachkräfte in den Landkreis locken

Wirtschaft: Diskussion im Zentec über Recruiting-Messen und Speed-Dating - Problem: Knapper Wohnraum

Speed-Dating und Recruiting-Messen sollen die Wirtschaftsregion Bayerischer Untermain stärken. Foto: Michal Jarmoluka

Großwallstadt. Der Landkreis Miltenberg braucht mehr Fachkräfte. Darüber waren sich die Teilnehmer einer Diskussionsrunde des Wirtschaftsclubs der Bayern SPD am Donnerstag einig. Im Existenzgründerzentrum Zentec debattierten Landrat Jens Marco Scherf, Unternehmer Johannes Oswald, Regionalmanager Markus Seibel und Wirtschaftsförderin Diana Schmitt darüber, wie man Fachkräfte gewinnen, binden und zurückholen kann.

Für Markus Seibel von der Marketingorganisation Initiative Bayerischer Untermain ist die Fachkräftesicherung Schwerpunktthema der nächsten Jahre. Er betonte auch: “Uns geht es nicht nur um Akademiker!” Der Demografische Wandel führe dazu, dass immer mehr Fachkräfte in Rente gingen. “In den nächsten 15 bis 20 Jahren scheidet ein Drittel der Arbeitnehmer in der Region aus dem Erwerbsleben aus”, so Seibel. Demgegenüber stehe die Digitalisierung, die zu einem deutlichen Umbruch im Arbeitsmarkt führe.

Ziel sei es, junge, gut ausgebildete Menschen in der Region zu halten. Bereits 2016 hatte die Initiative Bayerischer Untermain deshalb einen regionalen Fachkräftekongress in der Aschaffenburger Stadthalle organisiert. Arbeitgeber, Betriebsräte und Ausbilder konnten sich unter anderem über Strategien zur Mitarbeiterbindung informieren. Ähnliche Themen werden im Oktober diesen Jahres in der Seminarreihe “Fit für Azubis” besprochen.

Seibel will außerdem in Recruiting-Messen, Fachkräfte aus den umliegenden Regionen gewinnen. “Wir müssen im Nahbereich suchen. Junge Menschen aus Frankfurt, Darmstadt oder Fulda können mit unserer Region etwas anfangen, haben ihre Familien in der Nähe und bleiben uns länger erhalten”, so der Regionalmanager

Wie gelungene Fachkräftegewinnung aussehen kann, darüber informierte Wirtschaftsförderin Diana Schmitt von der Stadt Coburg. “Es ist immens wichtig, die Familien der Fachkräfte von Beginn an mit einzubinden”, sagte sie. Im Rahmen der Marketingmaßnahme Option Coburg können sich Neubürger beim Stammtisch, Stadtführungen, Theaterbesuchen und regionalen Wanderungen kennenlernen. Der sogenannte Dual Career Service hilft Angehörigen außerdem, selbst eine Arbeit zu finden. “Unsere Vermittlungsquote liegt bei nahezu 50 Prozent”, so Schmitt.

Ein großes Thema der Diskussionsrunde war die Rückholung von Fachkräften in die Heimat. In Coburg will man sogenannte “Exil-Coburger” durch ein Karrierewochenende anlocken. Dabei können sie sich bei Firmentouren informieren oder beim Speed Dating mit Personalverantwortlichen Bewerbungsgespräche führen.

Dass dies auch im Landkreis Miltenberg möglich wäre, betonte Unternehmer Johannes Oswald. Man müsse die neuen Medien nutzen, um offene Stellen prominent zu platzieren und für die Lebensqualität in der Region zu werben. “Wir haben eine wunderbare Industrie- und Urlaubsregion”, so Oswald. Er halte weiche Standortfaktoren wie das Image der Region, die Wohnqualität und Betreuungseinrichtungen für essentiell.

Landrat Jens Marco Scherf griff das Thema auf: “Kindergärten sind knallharte Wirtschaftspolitik.” Er bedauere, dass junge Menschen oftmals kein umfangreiches Bild von der Industrieregion hätten. “Sie wissen nicht, dass hier einzigartige Elektromotoren entstehen oder dass unsere Wasserturbinen auf der ganzen Welt im Einsatz sind. Wir haben viele Wirtschaftszweige und eine Reihe mittelständiger Unternehmen. Dort ist man kein Rädchen im Getriebe, sondern kann innovativ mitwirken.”

Ein Problem allerdings könnte der Fachkräftegewinnung im Weg stehen: Das fehlende Bauland. “Viele Leute suchen händeringend nach Grundstücken.”, sagte ein Zuschauer. Landrat Scherf erklärte, dass 70 Prozent des Landkreises unter Landschaftsschutz stehe. “Da sind uns die Hände gebunden.” Man könne dem Problem mit Mehrparteienhäusern begegnen.

Hintergrund: Initiative Bayerischer Untermain

Als Marketingorganisation will die Initiative Bayerischer Untermain den regionalen Wirtschaftsstandort stärken. Dazu betreut und berät sie ansässige Unternehmen, entwickelt Fachkräftenetzwerke und pflegt das Image der Region über Werbung in den Medien. Die Organisation wird finanziert von Stadt und Landkreis Aschaffenburg, dem Landkreis Miltenberg, der IHK Aschaffenburg, der Handwerkskammer für Unterfranken, dem Freistaat und der Regierung von Unterfranken. Der Wirtschaftsclub der Bayern SPD versteht sich als Diskussionsforum zwischen Wirschaft und Politik und veranstaltet regelmäßig Debatten.

Erschienen am 09. Juni 2018 im Main Echo 
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