Biker, Rettungswagen und Schafherde über den Main schippern

Ein Fährmann plaudert über 65 Jahre Berufsleben

Foto: Julia Preißer

Stadtprozelten/Mondfeld. Er hat sie alle gefahren - Sanitäter, die es eilig hatten, Kita-Kinder, die zum Spielen auf die andere Mainseite wollten und den Wanderschäfer samt tierischem Anhang. Bruno Hörnig war 60 Jahre lang Fährmann zwischen Stadtprozelten und Mondfeld. Wenn er heute in seinen Fotoalben stöbert, kommen die Erinnerungen an einen abwechslungsreichen Beruf. Hörnig war für den Südspessart weit mehr als nur Fährmann. Viele kennen ihn von klein auf. Und er kennt ihre Geschichten.

Da ist der Wanderschäfer, dessen 100 Schafe "die Schifffahrt schon gewohnt waren", wie Hörnig sagt. Mehrmals pro Jahr habe der Schäfer seine Schützlinge übergesetzt. "Alle 100 auf einmal", erinnert sich Hörnig. Weil für die Überfahrt viel Vorbereitung nötig war, sprachen sich Fährmann und Schäfer ab. Hörnig befestigte einen Zaun an der Reling. Der Schäfer wiederum redete dem Leitschaf gut zu. Hatte dies seine Hufen auf die schwankende Plattform gesetzt, folgten die anderen mühelos.

Die Fähre zwischen Stadtprozelten und Mondfeld ist für den Südspessart ein wichtiger Standortfaktor. 24 Kilometer liegen zwischen den beiden Autobrücken in Freudenberg und Wertheim. Auf halber Strecke fährt die Fähre. 100 mal täglich. Eine Fahrt - zwei Minuten. Den Fährmann hat Bruno Hörnig im Blut. Vater, Großvater, Urgroßvater - alle waren Fährleute.

1824 taucht der Name Hörnig erstmals in den städtischen Urkunden auf. Bruno Hörnig hat sie kopieren und transkribieren lassen. Alles hat er gesammelt: Zeichnungen vom Treideln aus dem 17. Jahrhundert, die “Geleitkarte” von 1593, die beweist, dass schon in der frühen Neuzeit eine Fähre zwischen Mondfeld und Stadtprozelten fuhr. Und das Schreiben vom Großherzoglichen Innenministerium, das es den Hörnigs 1896 erlaubte, eine Hochseilfähre zu betreiben. Vater Ewald Hörnig nahm die sogennante "Gierfähre" 1948 in Betrieb.

An den Vater Ewald erinnert sich Bruno Hörnig mit Schmunzeln. Bei Wind und Wetter sei er gefahren - im Freien ohne Führerhaus. “Das hab ich später heimlich nachgerüstet”, erzählt Bruno Hörnig. “Nachts als mein Vater geschlafen hat.” Ein Führerhäuschen komme ihm nicht auf die Fähre, habe der Vater gesagt. Doch dann sei er doch froh gewesen - vor allem im Winter, wenn der Wind über den Main blies.

Zwischen 1975 und 1980 baute Bruno Hörnig die Fähre aus. Eine Kompletterneuerung, erstmals mit Antrieb und stählernem Ladeboden. Ein Foto zeigt, wie die Fähre in den Main gleitet. Das Wasser spritzt. Eine Momentaufnahme in schwarz-weiß. Erinnerungen. Nostalgie. Bilder wie dieses haben die Hörnigs 2014 in einer Ausstellung kuratiert.

Schiffstechnik und Lokalkolorit - Bruno Hörnig hat alles fotografiert, das ihm sehenswert erschien: Wallfahrer und Biker, Pferde und Schafe, Kutschen und Planwägen, LKWs und Wohnmobile. Ein Foto zeigt Cowboys in Western-Kluft, die zum Festival in Stadtprozelten pilgern. Ein anderes einen LKW mit Anhänger, der gerade so auf die 24-Meter lange Plattform passt.

An eine Geschichte erinnert sich Bruno Hörnig besonders gern: Wie er einmal ein Auto aus dem Wasser gezogen hat. Der VW sei von der Plattform gerollt als die Fahrerin gerade ausgestiegen war, um ihr Ticket zu kaufen. Hörnig handelte schnell. Er schlang ein Seil um das noch schwimmende Fahrzeug und zog es aus dem Main. Bis zum Lenkrad habe das Wasser im Auto gestanden, erinnert er sich. “Die Fahrerin hat einfach die Tür aufgemacht, das Wasser ablaufen lassen, den Motor gezündet und ist weitergefahren.”

Wenn Bruno Hörnig erzählt, dann ruhig und klar. Ohne Pathos. Er sei keine Besonderheit, habe “einfach 60 Jahre seine Arbeit gemacht.” Wie wichtig diese Arbeit für den Südspessart war, wissen Notärzte und Sanitäter. Die Rettungskräfte aus Faulbach oder Stadtprozelten waren mit Hörnigs Hilfe fünf bis zehn Minuten früher auf der badischen Seite. Das kann im Ernstfall Leben retten. Rief ein Sanitäter an, stoppte Hörnig den Schiffsverkehr per Funk. Frachter und Kreuzfahrtschiffe mussten warten, bis die Rettungswägen passiert hatten.

Den Fährmann Bruno Hörnig kennt im Südspessart fast jeder. Bei seiner letzten Überfahrt im Oktober 2020 winkten die Leute vom Ufer aus. Rundfunk und Presse fragen noch heute nach Interviews. Sohn Jens Hörnig führt nun die Tradition fort. Er ist der neue Fährmann. Souverän und ruhig wie sein Vater. Nur in Familienbesitz ist die Fähre nicht mehr. Jens Hörnig fährt als Angestellter für den Zweckverband Mainhafen - ein Zusammenschluss mehrerer Kommunen, die die Fähre übernommen haben.

Erschienen am 7. August 2021 im Main Echo 
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