Falkenflüsterer unter grünen Wipfeln

Waldpädagogik: Der Leidersbacher Frank Wendland geht mit Kindern im Spessart und Odenwald auf Entdeckungstour

Einfach mal schauen, was da so fliegt: Waldpädagoge Frank Wendland mit seinem Falken. Foto: Julia Preißer

Leidersbach. Frank Wendland liebt den Wald. Allem voran die Stille, die den Kopf frei macht. “Einfach den Alltagsmüll vergessen - ohne Stress und Smartphone”, sagt er. “Sich mal bewusst umsehen, was da fliegt und krabbelt.” Der Leidersbacher nennt sich selbst Waldpädagoge.

Schulklassen und Kindergartengruppen folgen ihm durch das Dickicht von Spessart und Odenwald. Der 55-Jährige - in Funktionshose und Feldmütze - zeigt ihnen den Lebensraum Wald. Er erklärt warum Bäume Sauerstoff geben, woran man das Lebensalter einer Buche erkennt und wie man auf schneebedecktem Boden Spuren sucht. Auf jedem Ausflug begleiten ihn seine Greifvögel: der Steinadler, der Wanderfalke und der Wüstenbussard.

Vor der Jugendherberge in Erbach haben sich an diesem Morgen Hortkinder versammelt. “Boah, cool” ruft einer, als Wendland den 4,5 Kilo schweren Steinadler aus dem Käfig nimmt. Er ist der Falkenflüsterer, der Boss der Bussarde und Adler. Auf sein Zeichen fliegen die Greifvögel, pfeift er, kommen sie zurück auf seinen Arm.

Der Leidersbacher entdeckte seine Liebe zu Tier und Wald schon als Kind. Zur Konfirmation bekam er einen Kanarienvogel. “Da hat alles angefangen.” Als Jugendlicher beobachtete er den Heuschreckenfalken bei der Jagd: Ein scharfer Blick aus schwarzen Augen, das Rütteln über der Beute, und dann der Sturzflug auf das unterlegene Tier. Wendland machte erst den Jagd- und später den Falknerschein.

Bei der Falknerprüfung erzählte ihm ein Kollege von seiner Tätigkeit als Waldpädagoge. Wendland war sofort begeistert und wollte bei dem Besten lernen: Altmeister Franz Schnurbusch aus Düsseldorf. Ein kauziger Typ, ein Urgestein mit einem Rauschebart bis zur Brust. “Der weiß alles”, sagt Wendland. Drei Monate dauerte die Lehrzeit.

“Kinder können nichts mehr mit dem Lebensraum Wald anfangen”, findet der 55-Jährige. “Welche Tiere in einem Baum wohnen, weiß kaum jemand.” Bei seiner Arbeit im Freien hält er nichts von den Regeln des Klassenzimmers. “Lehrer instruieren die Schüler, still zu sein und brav nebeneinander herzulaufen. Das wird bei mir gleich über Bord geworfen.” Wendland will, dass Kinder Neugier zeigen und auch mal unaufgefordert Fragen stellen.

Im Umgang mit seinen Schützlingen ist der Waldpädagoge pragmatisch, hält sich nicht mit vielen Worten auf. “Du willst mal den Bussard halten? Na dann los!” Fünf Sekunden später sitzt der Vogel auf dem lederbewehrten Arm der Achtjährigen. Die strahlt und die Hortleiterin macht Fotos.

Manchmal inszeniert Wendland einen Tatort. Dann legt er ein paar Federn zwischen Moos und Farn auf den Waldboden. Die Kinder erkennen: Da gab’s eine Vogel-Rauferei. Der Angreifer hat ein Indiz hinterlassen: eine der Federn stammt von ihm. Die Gruppe rätselt, wer wen attackiert hat und lernt dabei eine Menge über das Aussehen und Revierverhalten der Vögel.

“Kinder werden aus Erfahrung schlau”, sagt Wendland. Dass es im und um den Wald Leckerbissen gibt, zeigt er persönlich. Der rote Klee wird gezupft und gelutscht, der Ahornsaft ausgesaugt und das Brennesselblatt wandert gefaltet in den Mund. “Kann man das essen?” fragt ein Kind verblüfft. “Freilich”, sagt Wendland. “Im Mund brennt nix. Du musst nur schauen, dass du an den Lippen vorbeikommst.”

Und wenn die Nessel trotzdem schmerzt? Auch da weiß der Waldpädagoge Rat. Kurzerhand pflückt er drei Stängel Spitzwegerich und reibt ihn zwischen den Fingern. Der Saft quillt aus der Handfläche. “Einfach auf die Wunde träufeln”, sagt er. “Das hilft sicher.”

Hintergrund: Wurzeln und Ziele der Waldpädagogik

Als Pionier der Waldpädagogik gilt der schweizer Reformpädagoge Han Coray, der seine Primarschulklasse um 1910 jeden Mittwoch ins Freie zum Waldschulunterricht führte. Coray wollte in einem Zeitalter der Maschinen ein erzieherisches Gegengewicht setzen. Eine tragende Säule der Waldpädagogik ist das ganzheitliche Lernen “mit Kopf, Herz und Hand” nach Johann Heinrich Pestalozzi. Das Erleben mit allen Sinnen, Neugierde und das Abenteuer Forschung stehen im Zentrum. Waldpädagogik ist kein starrer Begriff, sondern wird als Beschreibung für eine Reihe naturpädagogischer Konzepte verwendet. Neben erlebnisorientierten Methoden wie dem Waldspaziergang stehen auch Rollenspiele, Diskussionsforen, Meditative Methoden, Experimente und selbstorganisiertes Lernen auf der Agenda.

Erschienen am 9. August 2017 im Main Echo 
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