Feinschliff für 100 Stimmen

Sonderprobe: Sulzbacher Projektchor profitiert von der Erfahrung einer Opernsängerin - Konzert im Dezember geplant

“O-ho-ho-ho-ho”: Opernsängerin Sybille Philippin macht es vor und ringsum schrauben sich die Stimmen im Chor nach oben. Foto: Julia Preißer

Sulzbach. Vor dem Einsatz gibt es diese winzig kleine Pause, in der alles unbewegt scheint - gespannt, wartend. Dann schwenkt Chorleiterin Olga Bohn-Kaliakina die Arme zum ersten Takt und Bewegung kommt in die Truppe. Der Chor schmettert Vivaldis Gloria in D. Sieben Stunden Sonderprobe liegen heute vor den knapp 100 Sängern.

Anfang Dezember wollen die Sulzbacher Chöre La Movida und Sängerkranz zusammen mit der Gruppe Musicus aus Frammersbach zwei Konzerte meistern. Heute ist die dritte und damit letzte gemeinsame Probe. Und die muss sitzen! Deshalb hat Olga Bohn-Kaliakina ein Ass im Ärmel: Opernsängerin Sybille Philippin. Sie verpasst den Stimmen Feinschliff.

“Alles fängt mit der Atmung an. Wir kippen vornüber und werden völlig leer”, instruiert Philippin und sackt auf ihrem Stuhl zusammen - “Pffff!” “Wir atmen voller Energie aus” - “Hach!” “Wir nehmen Kontakt mit dem Zwerchfell auf und machen bss-bss-bss!”

Nach den Atemübungen ist die Stimme an der Reihe. Der Chor singt Triolen und erntet den Beifall der Profisängerin: “Das ist gar nicht schlecht. Ich hätte Brei erwartet bei so vielen Menschen.” Philippin ist in ihrem Element. Ratzfatz wechselt sie von einer Übung in die nächste. Und sie lacht - viel und laut und motivierend.

Eineinhalb Stunden dauerte das Einsingen. Dann übernimmt Chorleiterin Bohn-Kaliakina und es wird opulent. Vivaldis Gloria in D ist ein anspruchsvolles Stück: vierstimmig, verschiedene Tempi, verschiedene Tonarten. “Für Laien nicht einfach”, weiß die Chorleiterin. “Professionelle Chöre üben es täglich. Bei uns muss einmal pro Woche reichen.”

Doch das ist nicht die einzige Herausforderung. “Ein Chor lebt davon, dass er zusammen probt. Diese Chance haben wir nur dreimal.” Olga Bohn-Kaliakina leitet sowohl die Sulz- als auch die Frammersbacher. Getrennt voneinander muss sie alle Chöre auf ein gemeinsames Level führen. Anders wäre das Projekt nicht möglich.

Heute kann Bohn-Kaliakina jeden ansprechen. “Stellt euch vor, wie der Adel im 17. Jahrhundert gekleidet war - prunkvoll, elegant”, ruft sie ihren Sängern zu. Majestätisch und üppig schallt der Vivaldi - “Propter magnam gloriam”. Und tatsächlich: Würde Ludwig XIV samt Hofstaat in eben jenem Augenblick den Saal betreten, es schiene nicht ungewöhnlich.

“Das klingt doch bombastisch - Gänsehautfeeling”, sagt Sängerin Regina Bartels und wippt im Takt. Es ist bereits zu hören, was zum Konzert hin noch perfektioniert wird: Ausdrucksdichte, Geschlossenheit, drei Chöre, die zu einem verschmelzen.

Um halb eins stürmt der Chor das Buffet. Man blickt in müde, aber glückliche Gesichter. Nach Kuchen und Käsespießchen wird es wieder still im Saal bis die besondere Probe weitergeht und Bohn-Kaliakina den ersten Takt vorgibt: “Drei, vier…”.

Hintergrund: Konzerte in Sulzbach und Frammersbach

“Klassik meets Pop” heißt das vielversprechende Konzert, das der Projektchor gleich zweimal aufführt: Am 2. Dezember um 19 Uhr in der Kirche in Frammersbach und am 3. Dezember um 18 Uhr in der St. Margareta Kirche in Sulzbach. Neben Vivaldis Gloria in D steht ein Werk des zeitgenössischen Komponisten Tjark Baumann auf dem Programm: Missa 4 You(th). Außerdem singt der Chor das Abendlied von Josef Rheinberger und das Ave Maria in der Version von Anton Bruckner.

Erschienen am 24. Oktober 2017 im Main Echo 
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