Gaudi zwischen Plunder und Prunkstücken

Flohmarkt: Unter Obernburgs Mainbrücke treffen sich wöchentlich Schnäppchenjäger und Nippeshändler – Bis zu 10.000 Besucher

Charlotte und Alfred Stock sind fast jeden Samstag auf dem Obernburger Flohmarkt. Sie fahren immer gegen 3.30 Uhr auf den Parkplatz und sichern sich einen guten Standort. Foto: Julia Preißer

Obernburg. Morgens, halb vier – die Stadt schlummert. Doch auf dem Obernburger Festplatz herrscht Betriebsamkeit: Die Trödler trudeln ein. Es sind mehr als hundert Verkäufer, die jedes Wochenende ihre Ware feilbieten. Manche stehen um Mitternacht auf und fahren bis zu 250 Kilometer, um den besten Platz zu ergattern.

Wenn es nach Charlotte und Alfred Stock aus Dettingen geht, liegt der beste Platz unter der Mainbrücke. “Im Sommer ist’s schattig, im Winter geschützt”, sagt er und schmunzelt. Das Rentnerpaar düst samstags schon über die Autobahn in Richtung Obernburg, bevor die Sonne aufgeht. “Wenn du nur eine halbe Stunde zu spät kommst, ist der Platz weg”, wissen beide. Ein Schnäppchenjäger, der gerade den Stockschen Stand begutachtet, erzählt: “Im Winter laufen wir mit der Taschenlampe über den Platz.”

Auch Sabine Krautwurst aus Schaafheim ist auf der Jagd nach dem Besonderen. Privat verpasst sie als Puppendoktor dem ins Alter gekommenen Spielzeug neue Augen, Haare und Gliedmaßen. Heute sucht sie Ersatzteile. Aber auch ein antikes Puppenbett hat es ihr angetan. Die Ausbeute verschwindet im geräumigen Rollkoffer.

Bollerwagen, Rollkoffer, Rucksäcke: Wer kauft, braucht Stauraum – und Geschick zum Handeln. Bis zu einem Drittel geht mancher Verkäufer mit dem Preis nach unten. Die Karlstädterin Kathrin Peetsmann ist eingefleischte Trödlerin. Das Geschäft in Obernburg laufe durchschnittlich: Viele Anbieter, viel Konkurrenz und viele Migranten, die sich beim Handeln unnachgiebig zeigten.

Seit 1995 ist der Obernburger Flohmarkt eine Tradition. Bis zu 10.000 Besucher schlendern an einem Schönwettersamstag durch die Reihen der Händler, die ihre Ware meist aus Wohnungsauflösungen beziehen – so wie Kathrin Peetsmann. Fünfeinhalb Meter misst ihr Stand, der sie 45 Euro Gebühr kostet. Nur selten muss sie draufzahlen. Der Gewinn schwankt zwischen 20 und 1000 Euro. “Vorhersagen kann man das nie”, so die Karlstädterin.

Für die Stocks aus Dettingen ist der Erwerb nebensächlich. “Wir haben eine Super Gaudi!”, lacht Alfred Stock. “Es zählt der olympische Gedanke – dabei sein ist alles!” In ihrer Heimat ist das ungewöhnliche Hobby des Paares längst bekannt. Verwandte, Freunde, Nachbarn und ehemalige Kollegen bringen Fundstücke vorbei. Eine Rarität ist selten dabei, dafür viel Nippes, Figürchen und Tassen, die sich gut verkaufen.

Käufer suchen auf dem Obernburger Flohmarkt selten Gegenstände von Wert. Wer sich für antike Kostbarkeiten interessiert, geht auf den Antikmarkt im Frankfurter Hessen Center oder zum Antiquitätenhändler. In Obernburg ist beliebt, was skurril ist – sei es Prunkstück oder Plunder.

Auf manchen Tischen liegen dennoch einige tausend Euro – sogar wortwörtlich. Ein Anbieten verkauft kostpielige Krügerrandmünzen und chinesisches Papiergeld aus den 1930ern. Wer kruschelt, wird observiert, damit nicht versehentlich eine Goldmünze in der Tasche verschwindet. Die Kunden, die hier kaufen, kennen den Goldpreis genau: 35,54 pro Gramm.

Sabine Krautwurst ist inzwischen einmal durchmarschiert. Der Koffer ist voll, die Schnäppchenjägerin glücklich. Ob der Puppenwagen noch mit soll? Die Entscheidung ist schnell getroffen: “Ich darf daheim nicht zuviel anschleppen. Sonst kriege ich Ärger.”

Hintergrund: Flohmärkte

Seinen Ursprung hat der Flohmarkt im Spätmittelalter. Fürsten überließen damals ihre abgetragenen oder aus der Mode gekommenen Kleider dem Volk. Dabei wechselte auch manches Mal ein Floh den Wirt. Heutzutage stammt das Verkaufsangebot meist aus Haushaltsauflösungen oder Restposten. Auch private Hobbyhändler bieten ihre Ware feil. Hinzu kommen diverse Antiquitäten. Speziell hierfür haben sich allerdings auch reine Antiquitätenmärkte entwickelt, auf denen sich Fachpublikum tummelt und die Besucher oft Eintritt entrichten. Unter den Flohmärkten überregional bekannt sind der Berliner Flohmarkt am Mauerpark, der Frankfurter Flohmarkt am Mainufer, der Trempelmarkt in Nürnberg und der Nachtflohmarkt in München.

Erschienen am 19. Juni 2018 im Main Echo 
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