Beim Tänzchen weicht die letzte Scheu

Flüchtlings-Helferkreis: Team organisierte am Freitag Willkommensfest im evangelischen Pfarrgarten — Veranstaltung zeigte: Flüchtlinge integrieren sich gerne

Mit Bayernschürze, Fladenbrot und Schweinefleisch freiem Grill. Auf dem Willkommensfest für die Syrischen Flüchtlinge in Erlenbach treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander. Foto: Julia Preißer

Erlenbach. In 28 Sprachen steht auf einer Pinnwand im Pfarrgarten der Martin Luther Kirche ein einziges Wort: Willkommen. Daneben liegen Stift und Papier. Jeder, der heute zum Willkommensfest für die Erlenbacher Flüchtlinge erschienen ist, darf Wünsche, Anregungen und Fragen aufschreiben und an die Wand heften.

„Wir wollen gegenseitig in Kontakt kommen, die Bedürfnisse der Menschen erfahren und von den Flüchtlingen wissen, wo Hilfe nötig ist“, sagt Rudi Großmann vom Flüchtlings-Helferkreis. Der Erlenbacher hat das Hilfsteam gemeinsam mit Hartmut Stahl und Pfarrer Gregor Kreile gegründet. Mittlerweile kümmern sich 25 Freiwillige um die 28 Flüchtlinge, die derzeit in Erlenbach leben. „Wir bieten zum Beispiel Hilfe bei Arztbesuchen, Behördengängen und Vereinsanmeldungen. Wenn sich ein Kind ein Fahrrad oder Spielzeug wünscht, versuchen wir auch das zu vermitteln“, so Großmann.

Dreimal hat sich der Helferkreis bislang getroffen. Ab dem 1. August wollen die Mitglieder jeden zweiten Samstag im Monat ein Internationales Café organisieren. Der Kontakt mit den Flüchtlingen ist schon jetzt rege, wie das Willkommensfest am Freitag beweist. Fast alle Asylanten haben den Weg in den evangelischen Pfarrgarten gefunden, unterhalten sich mithilfe von Mimik, Gestik, Englischkenntnissen und Dolmetschern mit den Erlenbachern.

Um die Kommunikation zu vereinfachen tragen die Gäste Schilder mit Name und Sprachkenntnis. So weiß jeder, wer übersetzen kann und an wen er sich mit seinem Anliegen wenden muss. Einer der Dolmetscher ist der Erlenbacher Harun Karacavus, der gerade mit einem Flüchtling aus Syrien spricht. Schwierig sei die Flucht gewesen, vor allem in Ungarn habe er Probleme gehabt und sei ungerecht behandelt worden, sagt der Mann und ergänzt: „In Deutschland herrscht Menschlichkeit, Frieden und es geht den Leuten gut.“

Harun Karacavus kennt den jungen Mann gut. Karacavus ist der Vermieter der Erlenbacher Flüchtlingsunterkunft. Er fühlt sich für die Asylanten verantwortlich, besucht sie regelmäßig und hat jedem seine Handynummer gegeben. Manchmal ruft ihn nachts jemand an – etwa weil ein Kind Fieber hat und zum Arzt muss. Schon mehrmals hat Karacavus sein Bett verlassen, um mit einem Flüchtling ins Krankenhaus zu fahren. „Das sind Menschen wie du und ich. Ich könnte nicht ruhig weiterschlafen, wenn einer Probleme hat“, sagt er.

Auch für Pfarrer Gregor Kreile und seinen katholischen Kollegen Franz Kraft ist die Arbeit im Helferkreis selbstverständlich. Kreile scherzt momentan gestikulierend mit einem Iraker. Der hatte ihm zuvor weisgemacht, er genieße im Irak als Sänger große Berühmtheit. Dass der Flüchtling damit bei den umstehenden Erlenbachern bewundernde Blicke erntete, weil die ihm die Geschichte abnahmen und ein Ständchen forderten, hätte er nicht gedacht.

Gegen 17.30 Uhr schmeißt das Helferteam die Grills an – einer für Schweinefleisch, einer für den Rest. Damit keine Verwirrung aufkommt, weist ein Schild den Weg: Ein rosa Schweinchen, durchgestrichen mit zwei fetten Balken. Auf dem schweinsfreien Grill landet neben deutscher auch typisch syrische Kost: Fladenbrote, Hähnchenkeulen und Lammspieße. Dass der Grillmeister eine bayerische Küchenschürze trägt, sorgt bei den Gästen für Erheiterung.

Wenn man seinen Blick über die Bierbänke schweifen lässt, fällt auf, dass beim Willkommensfest niemand allein steht. Deutsche und Asylanten scherzen miteinander oder vertrauen sich ihre Wünsche und Sorgen an. Fremdenangst ist nicht zu spüren und jeder merkt, dass die Flüchtlinge interessiert sind und sich wirklich integrieren wollen. Die letzten Unsicherheiten fallen spätestens bei den gemeinsamen Volkstänzen am Ende des Abends.

Erschienen am 28. Juli 2015 im Main Echo 
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