Was Leute alles wegwerfen

Saubere Flur: Erlenbacher Musikcorps wühlt sich durchs Gelände – 3500 Helfer im ganzen Landkreis unterwegs.

Leichter Fund: Gudrun Kaufmann pflückt eine achtlos weggeworfene Getränkedose aus dem Gras. Foto: Julia Preißer

Erlenbach. Das Tempotaschentuch von anno dazumal gammelt am Straßenrand. Nebenan geben sich die Bananenschale und der Q-Tipp ein Stelldichein. Der Müll muss weg! Tausende Helfer waren deshalb am Samstag im Landkreis unterwegs, um die Flur zu säubern.

Ausgerüstet mit Gummihandschuhen und Müllsäcken rücken Mitglieder des Erlenbacher Musikcorps am Morgen aus – sechs Frauen, ein Mann. Bis zum Mittag wollen sie die Wiesenrandstücke an der Hauptverkehrsstraße säubern – von der Schiffswerft bis zur Turnhalle. Am Fußgängerweg neben der Straße vermisst man Abfalleimer. Umso mehr liegt auf dem Boden.

Mit Adlerblick durchkämmt Vereinsvorsitzende Gudrun Kaufmann das Gras. In ihrem 65-Liter-Sack finden sich nach fünf Minuten nebst Zigarettenstummeln und Getränkedosen bereits zwei Kochtöpfe – aufgespürt am Glascontainer. Der skurrilste Müllfund ist das bei Weitem nicht. Im vergangenen Jahr entdeckten die Musiker ein Lattenrost zwischen den Obstbäumen und ein Fahrrad am Mainufer.

"Es ist dreist, welchen Kram die Leute hier abladen", sagt Kaufmann. Einfach wegschauen will sie nicht. Deswegen sammelt sie seit mehr als zehn Jahren am Samstag vor Palmsonntag den Abfall fremder Leute auf. Anstrengend sei es – vor allem für das Kreuz – aber sie tue es gerne, um die Stadt wieder schöner zu machen. "Eine gute Sache", findet sie.

Bis vor einigen Jahrzehnten gab es in Erlenbach noch wilde Deponien. Dort landete vor allem Elektroschrott. Heutzutage ist nicht mehr die illegal entsorgte Waschmaschine das Problem. Die nunmehr drei Wertstoffhöfe im Landkreis und zahlreiche Container für Elektrokleingeräte in den Kommunen fangen den Schrott auf.

Das meiste, was Gudrun Kaufmann und die anderen Helfer am Samstag von den Wiesen lesen, ist Verpackungsmüll: Flaschen, Kaffeebecher oder die achtlos aus dem Autofenster geworfene Frittentüte mit Restinhalt. Und Plastik – immer wieder Plastik. In manchen deutschen Städten wird das Gras, das Gärtner an Straßenböschungen mähen, mittlerweile als Restmüll entsorgt.

30 Tonnen Abfälle trugen die Flursäuberer im Landkreis Miltenberg bis 2010 jährlich zusammen. Danach sanken die Zahlen: Vergangenes Jahr waren es nur noch 19 Tonnen. "Das muss erstmal nichts heißen", weiß Thomas Bräutigam von der Bodenschutzbehörde im Landratsamt. "Es gibt Jahre, in denen sich weniger Gemeinden beteiligen und deshalb auch weniger Müll anfällt. Wir müssen langfristig beobachten", so der Sachbearbeiter.

Hoffnung macht allerdings eine andere Statistik: 2017 stellten die Flursäuberer mit 3755 Teilnehmern einen kreisweiten Rekord auf – 250 mehr, als im Jahr zuvor. Und das, obwohl einige Gemeinden abgesprungen waren.

Gudrun Kaufmann ist nur eine von vielen Helfern in Erlenbach. 35 Vereine sowie kirchliche Organisationen packen mit an. Schüler und Lehrkräfte aus Mittelschule und Gymnasium wollen nach den Osterferien loslegen. Der gesammelte Abfall landet in Containern beim Erlenbach Bauhof und später in der Müllumladestation. Von dort geht es in Richtung Schweinfurt zur Verbrennungsanlage.

Die sieben Musiker machen sich derweil einen Spaß aus der Knochenarbeit: Wer macht den verrücktesten Fund? Die Schallplatte hat das Topfset von Platz eins verdrängt. Nach einer Stunde sind drei Säcke ganz und vier halbvoll. Die Musiker machen Mittag. In der Turnhalle bewirten Stadt und Turnverein die Helfer. Der Biss in die Rindswurst wärmt den Magen und stärkt den Trupp für den Rückweg.

Erschienen am 26. März 2018 im Main Echo 
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