Höher. Weiter. Extremer

Motocross-Freestyle: Gruppe aus Mecklenburg-Vorpommern präsentiert auf dem Frühlingsfest Stunts, die es in sich haben – heulende Motoren inklusive

Steile Flugbahn: Motocross-Freestyler Tobias Finck springt auf dem Mömlinger Frühlingsfest über eine Distanz von 21 Metern. Foto: Julia Preißer

Wörth. Die Straße staubt, der Motor dröhnt. Motocross-Freestyler Tom Ferber macht sich auf dem Frühlingsfest am Samstag bereit für seinen ersten Stunt. Die rund 100 Zuschauer erwartet eine Show der Extreme. 20 Minuten dauert der Spaß, der es in sich hat.

Noch dreht Ferber seine Runden auf dem stabilen Boden, doch gleich wird er sich in die Luft wagen. Die Rampe ragt schwarz in den Himmel. Bis zur anderen Seite sind es 21 Meter. Zentimetergenau muss er nach dem Sprung aufsetzen, sonst verliert er das Gleichgewicht.

Ferbers Teamkollege Tobias Finck setzt sich auf seine Maschine: Zweitakt Suzuki – 250 Kubikmeter. Für die Stunts hat Finck das Teil gepimpt. Der Lenker ist höher, die Pedale justiert. Alles muss passen, damit später nichts schief geht.

Tobias Finck ist 26. Seitdem er zehn ist, sitzt er auf dem Bike. FMX - Freestyle Motocross übt er seit 2005. Unter den Crossern zählt er als Profi, doch die Angst fährt immer mit. „Wenn ich merke, dass was falsch läuft – ich nicht genug Höhe habe zum Beispiel – dann muss ich schnell entscheiden. Gebe ich mehr Gas, oder weniger? Wie verlagere ich mein Gewicht? Ich hoffe natürlich, es geht glatt.“

Der Moderator greift zum Mikro und will Stimmung machen. Leider versteht man kaum ein Wort – die Musik lärmt, das Mikro nuschelt. Aber heute zählt mehr das Auge als das Ohr. Es geht los. Tom Ferber lässt die Maschine aufheulen und rast zur Rampe. Schneller. Noch schneller. Rasend schnell. Das Bike hebt ab in den betongrauen Himmel. Der erste Sprung ist harmlos. Fliegen, winken und triumphal die Hand in die Höhe recken.

Für die Grundschuljungs aus der ersten Reihe ist das bereits Wahnsinn. „Wooooaaaaah!“, kreischt es. Später werden sich die vier ein Autogramm holen. Ob Mama und Papa ihnen das mit der Motocrosskarriere heute Abend ausreden müssen?

Tobias Finck springt jetzt. Höhe: 10 Meter. Windrichtung: Optimal. Er fliegt und fliegt und fliegt und hebt die Füße von den Pedalen. Als er aufsetzt atmet die Menge aus. Gut gegangen. Die Blitzlichter werden weniger, man wartet auf den nächsten Stunt. Hinter dem Landehügel lagern Heuballen. Ein Minihaufen – mehr Showeffekt als Schutz. Dahinter dann der Rettungswagen. Wird der vielleicht gebraucht? Lieber nicht dran denken!

Es folgt der „Superman“ – im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Stunt wie gemacht für Tom Ferber. Beine nach hinten, Hände am Lenkrad. Kein Kryptonit der Welt kriegt Ferber zu Fall. Die Sprünge haben seltsame Namen. Nerdig irgendwie. Da ist der „Double Seat Grab“ – Beine nach hinten, Hände an der Sitzbank. Dann der „Tsunami“ – ein Handstand. Und schließlich der „Rock Solid“. Der ist am coolsten, weil Biker und Bike losgelöst voneinander in der Luft schweben.

Die Zuschauer sind mittlerweile gehyped. Ihre Augen wandern hypnotisiert von rechts nach links. Genau das wollen die Motorockitz – so nennt sich die Freestyle-Gruppe aus Barkow in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 2005 sind sie ein Team, treten regelmäßig auf. Das Showprogramm in Mömlingen ist eher klein. Superevents sind das „Kings of Extrem“ in Leipzig und die „Night of the Jumps“ in Hamburg.

In der Szene haben die Rockitz Fans, in Mömlingen auch. Damit die nicht zu kurz kommen, wird abgeklatscht. Ferber und Finck drosseln die Maschinen und cruisen an der ersten Zuschauerreihe vorbei. Wer die Hand ausstreckt, darf High-Five geben. Cool! Dann ist die Sause auch schon vorbei. Für die Zuschauer geht’s jetzt auf den Markt – Bratwurst essen, Bierchen trinken und Taschen shoppen. Wenn das kein chilliger Tag ist.

Erschienen am 27. April 2015 im Main Echo 
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