Nachhaltigkeitsmanager von Morgen

Sulzbacher Gemeindewald dient künftigen Forstinspektoren als Areal zur Abschlussprüfung

Schluff und Lößlehm in der Erde. Forstschülerin Daphne Weihrich aus Dürrenwald analysiert den Waldboden in Sulzbach. Foto: Julia Preißer

Sulzbach. Die Erde auf der Hand ist schluffig. Feucht klebt sie an den Fingern der angehenden Försterin. Daphne Weihrich formt das Bodengemisch zwischen Daumen und Zeigefinger. „Buntsandsteinboden mit Lößlehmauflage“ sagt sie. Die Prüfer nicken. Weihrich macht heute im Sulzbacher Gemeindewald die Prüfung zur Forstinspektorin – gemeinsam mit 61 Mitstreitern. Wer besteht, trägt den Titel „Staatlich geprüfter Forstingenieur“ und kann als Revierförster arbeiten.

In der Waldprüfung müssen die Kandidaten unter Zeitdruck zwei Prüfungsteile meistern: Die Bodenuntersuchung und die Kurzholz-Klassifizierung. 30 Minuten hat Daphne Weihrich, um die geologische Beschaffenheit des Bodens zu bestimmen. „Bodenart und Waldwuchs hängen zusammen“, erklärt Norbert Staufer, Leiter der Bayerischen Forstschule in Lohr. „Der Boden hat mal mehr, mal weniger Nährstoffe und nimmt mehr oder weniger Wasser auf. Daraus leitet man ab, welche Baumarten gut wachsen.“

Der Spessart besteht zum Großteil aus Buchen und Fichten. Die Fichte wächst auch auf sauren und nährstoffarmen Böden. Dafür hat sie mit Trockenperioden zu kämpfen. Daphne Weihrich weiß, dass Fichten in Sulzbach etwa 700 Millimeter Niederschlag pro Jahr abbekommen. Das ist weniger, als nötig, um die Bäume vor Borkenkäfern zu schützen. Fichten mit Feuchtigkeitsreserven bilden mehr Harz, der die Schädlinge lahm legt.

Der Niederschlag in Süd- und Mitteleuropa nimmt durch den Klimawandel ab. Prüfling Dirk Meißler sieht darin ein großes Problem. „Die Niederschläge gehen nicht nur zurück, sie verteilen sich auch anders. Im Sommer haben wir zu lange Trockenperioden.“ Schlechte Bedingungen für die Fichte, die als „Brotbaum“ der Forstwirtschaft gilt. Fichtenholz dient vor allem als Bauholz sowie zur Papier- und Zellstoffherstellung. Einige Förster setzen statt Fichten auf Douglasien aus Nordamerika. Sie verkraften die Trockenheit besser, sind aber als „Fremdländer“ umstritten.

Dirk Meißler hat seine Prüfung bereits hinter sich. Im Bauwagen von Revierförster Gerhard Eidenschink wärmt er sich am Holzofen. Regen trommelt aufs Blechdach, Meißler dreht sich eine Zigarette. Das Prüfungsergebnis erfahren die Schüler erst nach dem schriftlichen Teil. Sich selbst einzuschätzen sei schwer, sagt Meißler. „Wir bekommen seltene Baumarten zu sehen. Da hat jeder seine Zweifel.“

Draußen bei Nieselregen klassifiziert Forstschüler Maximillian Brückhändler das Kurzholz: Sorte, Stammgröße, Güteklasse, Verwendungszweck und Holzpreis. „Sie sehen hier Hölzer, da bekommt man pro Festmeter 35 Euro und daneben liegen Eichen für 350 oder 400 Euro“, erklärt Norbert Staufer. Der Forstschulleiter will Waldschutz und Waldwirtschaft unter einen Hut bringen. „Wir wollen mit der Natur arbeiten. Aber wir wollen auch eine gewisse Ernte gewährleisten.“

Die Spessarter Forstbetriebe Rothenbuch und Heigenbrücken stehen derzeit in der Kritik. Greenpeace-Aktivisten werfen ihnen vor, den Forstbestand durch zu viele Holzeinschläge zu gefährden. „In der Öffentlichkeit gibt es immer Vorwürfe“, sagt Staufer. „Wir wollen Verständnis für unsere Arbeit. Natürlich denken wir an Nachhaltigkeit! Unsere heutige Prüflinge sind später Nachhaltigkeits-Manager. Sie gewährleisten, dass wir nicht mehr nutzen, als wir brauchen.“ Schutz bedeute, bestimmte Bäume nicht zu ernten. Etwa, wenn ein Baum als Spechthöhle oder Fledermausquartier diene.

Seit 20 Jahren rückt die Forstwirtschaft zunehmend in den Blick der Öffentlichkeit. Die künftigen Förster lernen deshalb in ihrer Ausbildung, zu erklären, was sie tun und warum. In Seminaren werden Softskills und Rhetorik geschult. „Ein Förster ist niemand, der die ganze Zeit allein mit dem Hund durch den Wald läuft. Er hat tagtäglich Kontakt zu Menschen“, sagt Dirk Meißler. Aus England kommt ein Zitat, das in Deutschland Fuß fasst: „Forestry is not about trees, it's about people.“

Nachmittags um halb vier sind die Prüflinge fertig. In den Bauwägen diskutieren sie bei Brotzeit und Heißgetränk über die Aufgaben. Dann geht es heimwärts. Nächste Woche stehen die Theorieprüfung und ein Kurzvortrag an. Nur 15 bis 23 Absolventen werden später als Angestellte oder Beamte in den gehobenen Dienst bei der Bayerische Forstverwaltung übernommen. Für die restlichen Prüflinge bieten sich Berufsaussichten auf dem freien Arbeitsmarkt.

Die Försterlaufbahn

Der Berufsweg zum Förster geht in Bayern über ein Forstwirtschafts- oder Forstwissenschaftsstudium. Beide Studienrichtungen vermitteln Grundlagen aus den Bereichen Biologie, Mathematik und Physik. Wichtig sind außerdem wirtschaftliche Fächer wie Betriebs- und Volkswirtschaftslehre oder Ressourcenmanagement. Das Forstwirtschaftsstudium hat einen hohen Praxisbezug (Waldbegehungen etc.) Nach dem Studium schließt sich eine Ausbildung im Staatsdienst bei der Bayerischen Forstschule in Lohr an. Sie ist Voraussetzung, um im öffentlichen Waldbesitz zu arbeiten. Auch im Privatwald wird sie in der Regel erwartet. Die Ausbildung endet mit der Prüfung zum Forstinspektor oder Forstassessor.

Erschienen am 10. Oktober 2014 im Main Echo 
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