Gammeln statt sammeln?

Wildes Obstpflücken: Grundstückseigentümer beschweren sich beim Landratsamt über freche Pflücker – anderweitig verfault das Obst auf verlassenen Wiesen

Heimlich mit dem Erntekorb fremde Wiesen unsicher machen: Das wilde Obstsammeln ist derzeit ein Problem für Grundstückseigentümer im Landkreis. Foto: Julia Preißer

Miltenberg. Darf man Obst von fremden Bäumen pflücken? Die Antwort ist klar: Nein. Selbst dann nicht, wenn der Baumbesitzer die Früchte hängen lässt. Wem das Grundstück gehört, der ist rechtmäßiger Besitzer des Obstes und nur er darf es auch ernten. Einigen Menschen aus dem Landkreis Miltenberg scheint dies jedoch unbekannt zu sein oder vielleicht auch einfach nicht zu interessieren.

Das Telefon von Roman Kempf von der Kreis- und Gartenfachberatung des Landratsamtes hat in den vergangenen Wochen deutlich öfter geklingelt als gewöhnlich. Der Grund: Beschwerden verärgerter Grundstückseigentümer über wilde Obstsammler. Vor allem Besitzer von Nussbäumen klagen ihr Leid. „Ich kann es verstehen“, sagt Kempf. „Das ganze Jahr über pflegen die Eigentümer Baum und Grundstück und bei der Ernte ist die Hälfte schon weg.“

Die Tabula Rasa auf heimischen Streuobstwiesen trifft in erster Linie Grundstückseigentümer, die ihre Ernte für den Eigenbedarf nutzen. Landwirte, die finanziell vom Obstverkauf leben müssen, sind seltener betroffen, da ihr Gelände meist außerhalb der Ortschaften liegt. Ein vermeintlich verlassener Obstbaum am Wegesrand verlockt zum Zugreifen. Das weiß auch Ralf Ühlein aus Trennfurt. Er besitzt selbst Nuss- und Apfelbäume am Trennfurter Radweg.

„Mit den Nussbäumen haben wir jedes Jahr Probleme“, erzählt er. „Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Radfahrer mal eine Nuss oder einen Apfel mitnimmt. Aber wir haben schon beobachtet, wie Leute in Gruppen herkommen und wesentlich größere Mengen ernten“. Ühlein nutzt sein Obst im Normalfall selbst oder verschenkt es an Familie und Freunde. Vor drei Jahren war das nicht mehr möglich. Wilde Obstsammler hatten alle sieben seiner Apfelbäume auf einen Streich geleert.

„Manche Menschen wissen sicher nicht, dass der Baum Privateigentum ist. Wenn da kein Zaun ist und der Rasen nicht gemäht wurde, denken die: Das sieht verwildert aus, das gehört niemandem“, vermutet Ühlein. Einige der Obstsammler haben Ühlein und seine Familie schon gezielt angesprochen. Die wenigsten hätten sich jedoch einsichtig gezeigt. Für viele wilde Obstsammler gilt das Credo: Besser selbst pflücken als möglicherweise am Baum verfaulen lassen.

Tatsächlich verderben in Deutschland pro Jahr tausende Tonnen Obst an herrenlosen und vergessenen Obstbäumen oder auf Grundstücken von Menschen mit wenig Zeit. Finanziell schlecht gestellte Familien könnten sich hier prima mit Früchten eindecken – wenn es denn erlaubt wäre. Aus diesem Grund gibt es in Deutschland den Brauch des Nachstoppelns. Er besagt, dass Bürger nach dem kirchlichen Feiertag Allerheiligen am 1. November liegen gebliebenes Fallobst aufsammeln und selbst nutzen können.

Doch auch das ist verboten, solange der Grundstückseigentümer nicht explizit zugestimmt hat. Lieber verrottet also das Obst auf dem Boden, statt Menschen zu helfen, die es nötig haben. Gammeln satt sammeln? „Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust“, sagt Roman Kempf vom Landratsamt. Einerseits seien solche Gesetze notwendig, um Ernteeinbußen bei Grundstückseigentümern zu verhindern, andererseits könne caritatives Sammeln auf verlassenen Streuobstwiesen Bedürftigen zu gute kommen.

Statt ihnen profitieren derzeit die Tiere vom Fallobst. Igel, Amseln und Wildschweine haben so ein gefunden Fressen, wobei letztere ungern in der Nähe von Straßen oder Wohngebieten gesichtet werden. Wer auf Supermarktobst keine Lust hat, muss aber nicht ganz ohne Nuss und Apfel durch den Winter. Die Seite mundraub.org bietet eine getaggte Landkarte mit all jenen Obstwiesen, auf denen Ernten und/oder Nachstoppeln vom Grundstückseigentümer erlaubt ist. Na dann: Frohes Pflücken!

Heimischer Brauch: Das Nachstoppeln

Das Nachstoppeln, mancherorts auch als „Nachstopfeln“ bekannt, bezeichnet einen seit langer Zeit gepflegten Brauch, nach dem Bürger liegen gebliebenes Fallobst nach dem Feiertag Allerheiligen am 1. November auflesen und für den Eigengebrauch verwenden dürfen. Doch dieses heimische Brauchtum verstößt gegen geltendes Recht. Laut Gesetz ist das Auflesen von Fallobst eine „rechtswidrige Aneignung fremden Eigentums“ und somit Diebstahl. Nur wenn der Grundstückseigentümer einwilligt, dürfen Bürger nachstoppeln. Einige Ortschaften in der Region erlauben das Nachstoppeln auf Gemeindegrundstücken. Ursprünglich sollte mit dem Brauch die arme Bevölkerung unterstützt werden. Bürger ohne eigenen Grundbesitz konnten sich so mit Obst und Feldfrüchten für den Winter eindecken. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der damit zusammenhängenden Armutswelle hatte das Nachstoppeln vielerorts jedoch so stark zugenommen, dass die Gemeinden Flursperren einrichten mussten, um dem Problem Herr zu werden.

Erschienen am 9. Oktober 2015 im Main Echo 
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