Ein Ort der radikalen Liebe zur Welt

Festakt: Evangelischen Johanneskirche in Miltenberg bekommt neues Gemeindehaus — Bischof Beford-Strohm erläutert Positionierung der Kirche in der Welt

Foto: Julia Preißer

Miltenberg. Ein Kanon-Glockenspiel der evangelischen und katholischen Kirchen in Miltenberg hat am Sonntag den Festgottesdienst zur Einweihung des neuen evangelischen Gemeindehauses eingeläutet. Auftakt gab die Johanneskirche, dann antwortete die St. Jakobuskirche. Das Sommerfest anlässlich der Einweihung war bewusst ökumenisch gehalten, denn die Gemeinde betrachtet das Gebäude als offene Stätte für christliches Beisammensein.

Ehrengast zu Gottesdienst und Gemeindefest war Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, der das Gebäude segnete. Er stellte einen Bibelvers aus der Bergpredigt in den Mittelpunkt seiner Ansprache. Christen seien das Salz der Erde und das Licht der Welt, doch sie müssten sich als Kirche in der Welt positionieren. Hier gebe es mehrere Möglichkeiten.

Zum einen könne sich die Kirche als Kontrastgesellschaft verstehen und sich nicht vom Zeitgeist beeinflussen lassen. In diesem Falle fänden im neuen Gemeindehaus vor allem diejenigen Heimat, die sich als Vertreter eines entschiedenen Christentums verstünden. Dies sei radikal und vermittelte das Bild einer sündigen Welt und der erlösten Kontrastgesellschaft als Gegenüberstellung. „Bleibt dabei nicht das Bewusstsein für die eigene Unzulänglichkeit auf der Strecke?“, fragte der Bischof.

Konträr dazu stünde die zweite Möglichkeit: Die Gesellschaftskirche. Sie versuche ihre Relevanz darin zu zeigen, dass sie sich der Welt anpasse. Ein Gemeindehaus gleiche hiermit einem Bürgerhaus, in dem bei der Auswahl der Veranstaltungen nicht auf deren Inhalt, sondern auf die Nachfrage der Bürger Wert gelegt werde. „Wenn die Kirche aber nur nachbetet und abbildet, was die Gesellschaft ohnehin weiß, dann ist sie überflüssig“, so die Kritik des Landesbischofs.

Eine Version, die die Stärken beider Vorgänger aufnehme, die Schwächen aber vermeide sei die authentische öffentliche Kirche. Sie habe ein klares, theologisches Profil und entwickele aus ihrer radikalen Christusliebe eine radikale Liebe zur Welt. Im Licht dieser Vision sei das neu errichtete Gemeindehaus am Burgweg ein Ort, der eine tiefe Liebe zur Welt ausstrahle. Hier solle leidenschaftlich gebeten, geglaubt, geliebt und für soziale Gerechtigkeit eingetreten werden.

„Dieses Gemeindehaus soll seine evangelische Identität nicht dadurch gewinnen, dass es andere Konfessionen abwertet, sondern es kann zu einem Ort werden, an dem die evangelische Identität gerade durch eine große ökumenische Leidenschaft sichtbar wird,“ so Bedford-Strohm. Die Architektur des Hauses mit ihren großen Glasflächen bringe die damit verbundene Transparenz und Dialogoffenheit wunderbar zum Ausdruck.

Beim Neubau des Gemeindehauses hatte Architekt Frank Welzbacher vom Architekturbüro Ritter-Bauer aus Aschaffenburg darauf geachtete, die Umgebung miteinzubeziehen. So ist die alte Stadtmauer optisch integriert, indem eine Glaswand den Blick auf die Steine freigibt. Auch die anderen Seitenwände sind größtenteils aus Glas und schaffen ein modernes Flair, das dank Zwischenwänden aus Holz und Beton robust und kompakt wirkt.

2012 hatte der Kirchenvorstand mit der Planung des Objektes begonnen. Baubeginn war im März letzten Jahres. Bereits ein Jahr später konnte die Kirchengemeinde das Gemeindehaus intern mit einer ersten Veranstaltung einweihen. Die Gesamtkosten des Hauses beliefen sich auf rund 947.000 Euro. Kirchengemeinde, Landeskirche, Stadt und Dekanat teilten sich die Kosten untereinander auf. Ein Teil des Geldes kam auch über Spenden zusammen.

Projekt Gemeindehaus

Erste Ideen für ein neues evangelisches Gemeindehaus in Miltenberg entwickelten Kirchenvorstand und Gemeindemitglieder 2009 in einer Befragung. Das alte Gemeindehaus erschien zu klein, dunkel und ungemütlich. Zunächst wollte die Gemeinde um- oder anbauen, entschied sich aber recht bald für einen Neubau. Den ausgeschriebenen Architektenwettbewerb gewann 2012 das Architekturbüro Ritter-Bauer aus Aschaffenburg. Der Entwurf überzeugte die Jury durch eine einfache Konstruktion, filigrane Ränder, ein Flachdach mit unterschiedlichen Dachvorsprüngen und viel Glas. Das jetzige Gebäude ordnet sich der denkmalgeschützte Johanneskirche unter und gibt in seinem Inneren den Blick auf die Stadtmauer frei. Zwei unterschiedlich große Räume können durch bewegliche Zwischenwände zusammen genutzt werden. Die Küche hat eine Durchreiche, die die Bedienung bei Gemeindefesten erleichtert. Im Erdgeschoss befindet sich eine behindertengerechte Toilette und das Haus ist nach modernen ökologischen Standards gebaut. Der Keller bietet zusätzliche Archiv- und Lagerräume und der Außenbereich zwei große Terrassen und kleine Grünstreifen. Außen- und Innenarbeiten übernahmen hauptsächlich regionale Firmen. Ab August vermietet die Gemeinde das Gebäude für private Feste wie Hochzeit, Taufe, Konfirmation und Geburtstag. Die aktuelle Vermietungsordnung kann auf der Gemeindewebseite www.evangelisch-miltenberg.de eingesehen werden.

Erschienen am 27. Juli 2015 im Main Echo 
Beim Tänzchen weicht die letzte Scheu
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