Vergiftete Köder beunruhigen Tierhalter

Rattengift Cumarin: In Großwallstadt sind mit Gift gespickte Käsewürfel und Hackfleischköder gefunden worden — Giftleger bisher unbekannt

Ob es ihm gefällt oder nicht – Hund Pepper muss neuerdings Maulkorb tragen. Frauchen Nicole Kruck befürchtet, er könne in Großwallstadt vergiftete Köder fressen. Foto: Julia Preißer

Großwallstadt. Hund Pepper trägt neuerdings beim Gassigehen einen Maulkorb. Doch gefährlich ist Pepper nicht. Der Korb vor der Schnauze schützt nicht die Spaziergänger, sondern Pepper selbst. Frauchen Nicole Kruck will Pepper davor bewahren, mit Gift gespickte Käsewürfel oder vergiftetes Hackfleisch zu fressen. Beides findet sich Aussagen zufolge derzeit am Großwallstädter Mainufer, unterhalb des Weinbergs und vermutlich an anderen Orten in der Gemeinde.

Wer die Giftköder legt und warum, ist unklar, doch mittlerweile gibt es Hinweise auf die Art des Giftes. Laut Sabine Stransfeld von der Katzenpäppelstation in Großwallstadt könne es sich um Cumarin handeln. Stransfeld hat sechs kranke Katzen vom Tierarzt untersuchen lassen. Alle sechs zeigten eine deutliche Verzögerung der Blutgerinnung – typisch für eine Cumarinvergiftung. Andere Gründe schloss der Arzt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus.

Cumarin ist ein natürlich vorkommender Pflanzenstoff mit angenehm würzigem Geruch, der in größeren Mengen gesundheitsschädlich ist. Als Arzneimittel wird er zur Hemmung der Blutgerinnung eingesetzt. Außerdem ist Cumarin Bestandteil von Rodentiziden – Mitteln zur Bekämpfung von Ratten und anderen Schadnagern. Hochdosiert führt es zu tödlichen inneren Blutungen.

In der Natur kommt Cumarin zwar häufig vor – etwa bei Steinklee oder Waldmeister – jedoch sind erst die chemischen Abkömmlinge des Cumarins, sogenannte Cumarinderivate, hochgiftig. Dass die bisher erkrankten und untersuchten Hunde und Katzen in Großwallstadt das Cumarin über einen Giftköder aufgenommen haben, ist deshalb wahrscheinlich.

In Großwallstadt geht nun das Gerücht um, jemand wolle gezielt Hunde und Katzen vergiften. Nicole Kruck, die dem anfangs skeptisch gegenüberstand, ist mittlerweile hellhörig geworden: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Köder für Ratten bestimmt sind. Von einem Rattenproblem bei uns habe ich noch nie gehört.“ Die weit voneinander entfernt liegenden Orte und die Tatsache, dass die Köder genau auf den Spazierstrecken vieler Hundehalter gefunden wurden, verstärken den Verdacht.

Sorgen macht Kruck vor allem, dass ein Kind unwissentlich einen vergifteten Köder in den Mund stecken könnte. In der Nähe des Mainufers, wo Spaziergänger Köder gefunden hätten, seien durch Kindergarten und Spielplatz um die Ecke einige Kinder gefährdet. Ihre dreijährigen Zwillinge hat die junge Mutter deshalb gewarnt. Laut der Tierarztpraxis Verst aus Kleinostheim sind bereits geringe Mengen des Giftes für Kinder gefährlich.

Da Cumarin zudem zeitverzögert wirkt, macht sich die Vergiftung erst spät bemerkbar. Um Ratten, die im Rudel leben und sich gegenseitig warnen, erfolgreich zu bekämpfen, wird oft ein zeitverzögert wirkendes Gift gewählt, damit die Tiere das vergiftete Futter nicht meiden. Der Cumarin-Leger könnte also durchaus Ratten oder andere Schadnager im Visier haben.

Um alle betroffenen Gebiete abzudecken, müsste der Unbekannte allerdings große Mengen an Cumarin gekauft haben. Das Gift erhält man in Gärtnereien und landwirtschaftlichen Betrieben. Laut einer Mitarbeiterin des Gartencenters Löwer sei es nicht einfach, Cumarin in großen Mengen zu erwerben. „Die Maximalgröße eines Päckchens liegt bei 500 Gramm. Wer mehrere davon kauft, wird an der Kasse nach seinem Grund gefragt.“ In landwirtschaftlichen Betrieben ist es sogar üblich, beim Großeinkauf die Personalien abzufragen.

Generell ist das Auslegen von Giftködern an öffentlich zugänglichen Plätzen per Gesetz verboten. Lediglich eine Köderbox mit verzweigtem Eingang für Kleintiere darf verwendet werden. Hunde, Katzen und Kinder können so das vergiftete Futter nicht erreichen.

Nicole Kruck und Sabine Stransfeld wissen, dass es kaum möglich sein wird, den unbekannten Täter zu finden. Sie wollen dennoch die Gemeinde dazu anregen, einen Finderlohn auszusetzen. So hoffen sie, die Spaziergänger für das Thema sensibilisieren zu können.

Erschienen am 16. Mai 2015 im Main Echo 
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