Rauschbrille, Vollbremsung, Trockenübung

Verkehrserziehung: „Hallo Auto“ macht Zehnjährige fit für den Straßenverkehr – hautnah dabei sein

Komplizierte Sache einfach erklärt: Reaktionsweg plus Anhalteweg ist Bremsweg. Beim Verkehrserziehungsprogramm „Hallo Auto“ lernen die Fünftklässler des Erlenbacher Gymnasiums wichtiges fürs Leben. Foto: Julia Preißer

Erlenbach. Viel zu schnell rast das Auto auf die Haltelinie zu. 50 Stundenkilometer – bei dieser Geschwindigkeit wird es garantiert nicht rechtzeitig halten können. Die Schüler am Straßenrand sind gespannt, denn die hohe Geschwindigkeit ist keinesfalls unbeabsichtigt. Dagmar Mayer vom ADAC Nordbayern steuert das Auto bewusst so rasant. Sie möchte den Fünftklässlern aus dem Hermann-Staudinger-Gymnasium zeigen, wie lange der Bremsweg wirklich ist.

„Hallo Auto“ heißt das Projekt des ADAC. Verkehrserziehung mal auf die andere Art ohne graue Theorie. Die Kinder haben Spaß, vor allem, weil sie selbst hautnah mitmachen dürfen. Zuerst wird gerannt und dabei die eigene Reaktionszeit getestet. Wer auf der zehn Meter langen Teststrecke so richtig Fahrt aufnimmt, merkt wie schwierig es ist, plötzlich stehen zu bleiben.

Moderatorin Dagmar Mayer bringt sich mit der Zielfahne in Position. Wenn Sie schwenkt lautet das Kommando: Stopp! – und zwar so schnell wie möglich. Bei einigen klappt es besser, bei anderen schlechter. Doch alle sind überrascht wie lange es dauert, bis sie zum stehen kommen.

Die Trockenübung ohne Auto ist für die Zehnjährigen obligatorisch. Fahren dürfen selbstverständlich nur Dagmar Mayer und ihre Kollegin Sylke Neumann. Die beiden ADAC-Mitarbeiterinnen touren als Moderatorinnen durch Südbayern und unterrichten Schüler im Straßenverkehr. „Hallo Auto“ ist ein Verkehrserziehungsprojekt, das sich speziell an Fünftklässler richtet. Sie lernen den Bremsweg und das richtige Anschnallen.

In anderen Projekten üben Grundschüler, wie man sicher die Straße überquert und erfahren was ein Toter Winkel ist. Jugendliche wiederum können nüchtern aber mit Rauschbrille auf der Nase den Alkoholrausch „austesten“. Wer bereits den Führerschein hat, darf mit der Rauschbrille einen Hindernisparcours bewältigen.

„Wir wollen die Schüler einerseits ermutigen, auf sich selbst zu achten und sich andererseits als Verkehrsteilnehmer richtig zu verhalten“, erklärt Sylke Neumann. „Heute sollen sie lernen, wie schnell jemand abgelenkt wird – zum Beispiel Mama und Papa, wenn man sie beim Autofahren nervt.“

Dagmar Mayer stellt den Kindern Fragen: „Wann muss man denn eine Vollbremsung machen?“ „Wenn Ampeln rot werden“, sagt einer. „Oder wenn Tiere auf der Straße sind“, ergänzt ein anderer. „Darf ich denn bei Tieren immer eine Vollbremsung hinlegen?“, fragt Mayer. Die Kinder sind sich unschlüssig und die Moderatorin klärt auf. „Nur bei Tieren, die ein Verkehrsrisiko darstellen. Bei kleinen Tieren nicht. Da geht die Sicherheit der anderen Autofahrer vor.“

Am Ende der Fragerunde wissen die Zehnjährigen, dass neben der Geschwindigkeit auch die Bodenbeschaffenheit, der Reifenbelag und das Reaktionsvermögen ausschlaggebend für den Bremsweg sind. Außerdem erfahren sie, wie gefährlich es sein kann, sich gar nicht oder verkehrt anzuschnellen.

„Als Fahrlehrerin weiß ich, wie sorglos manche Eltern in puncto anschnallen mit ihren Kindern umgehen“, sagt Sylke Neumann. Ein Kindersitz sei bis zu einer Körpergröße von 1.50 Meter nötig und nicht etwa wie angenommen bis zum Alter von zwölf Jahren. Sonst könne es sein, dass der Gurt bei einer Vollbremsung in den Hals schneidet oder dem Kind schlimmstenfalls die Luft abdrückt. „Ebenso wichtig: Den Gurt immer nachziehen, damit er optimal schützt!“

Zum Schluss dürfen die Gymnasiasten selbst im Auto sitzen – als Beifahrer natürlich. Dagmar Mayer lässt jeden eine Vollbremsung bei 20 Stundenkilometern hautnah miterleben. „Voll cool!“, finden das die Kinder. Die unkonventionelle Verkehrserziehung hat Eindruck hinterlassen. Als nächstes sind die Kinder der Barbarossa Mittelschule an der Reihe. Danach touren Mayer und Neumann weiter.

Das haben die Fünftklässler bei „Hallo Auto“ gelernt:

Finja (10 Jahre): „Ich hätte nicht gedacht, dass man so lange braucht, um zu bremsen. Jetzt würde ich als Fußgänger nicht mehr so schnell auf die Straße zulaufen, denn das kann leicht schief gehen.“
Efe (10 Jahre): „Man muss sich immer sicher verhalten. Man darf zum Beispiel nicht einfach gemütlich im Auto lümmeln und die Beine auf das Armaturenbrett legen, weil das bei einem Unfall sehr gefährlich werden kann. Und man muss immer links und rechts gucken, bevor man die Straße überquert und sich einfach anständig verhalten.“
Anton (10 Jahre): „Ich finde es interessant, dass der Bremsweg bei 50 Stundenkilometer so lang ist – 25 Meter. Ich hätte ungefähr sieben Meter geschätzt. Man sollte eigentlich als Fußgänger immer gut auf die Autos achten – selbst bei Zebrastreifen oder auch Ampeln – denn man weiß nie, was passieren kann.“

Erschienen am 17. April 2015 im Main Echo 
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