Handtücher bringen Kunst ins Freibad

Kunstprojekt: Adorno-Stipendiaten organisieren Handtuch-Ausstellung und Performance-Kunst im Amorbacher Freibad

Amorbach. An einer Leine im Freibad baumelten am Sonntag neun Handtücher – eigentlich nichts ungewöhnliches. Doch die Badeutensilien dienten nicht zum Trocknen nasser Körper. Und sie hingen auch nicht zwischen zwei Bäumen, weil sie selbst trocknen sollten. Die Handtücher erfüllten einen anderen Zweck: Sie waren Teil eines Kunstprojektes und brachten die Badegäste zum Nachdenken. Ist das eine Welle oder eine Haifischflosse auf Handtuch Nummer 5? Und was bedeutet der dunkle Balken?

Geschaffen hat die Tücher der Künstler Matthias Numberger, der in München und Berlin arbeitet und derzeit in Amorbach zu Gast ist. Seine Ausstellung „9 Towels for Amorbach“ war am Sonntag Teil eines Kunstprojektes, das die Adorno-Stipendiaten Helin Alas und Maximilian Schmölz organisiert hatten. „Wir wollen Berührungsängste mit Kunst abbauen“, erklärt Kuratorin Alas. „Auch Leute, die sonst nichts damit zu tun haben, sollen Zugang zur Kunst finden.“

Im Amorbacher Freibad tummelten sich neben Erwachsenen auch Kinder jeden Alters. Manch einer beäugte neugierig, mancher skeptisch den Aufbau der Handtuchausstellung. Der Begriff Ausstellung war am Sonntag weit gefasst. „Für mich bedeutet eine Ausstellung nicht nur, dass an einer Wand Bilder hängen. Sie kann jede Form annehmen“, so Alas. Kunst versuche seit Jahren, ihre Grenzen zu erweitern – mehr zu sein, als das gewöhnliche Tafelbild.

Die Ausstellung „9 Towels for Amorbach“ bezieht deshalb die Umgebung mit ein: Das Schwimmbad, die Natur und vor allem die Menschen, die sich das Kunstwerk ansehen. Sie tragen zur Gesamtwirkung bei – ähnlich wie es einst der Künstler Joesph Beuys im Begriff „Soziale Plastik“ beschrieben hatte.

Von Beuys Begriff möchten sich die Aussteller dennoch distanzieren. Es gehe nicht darum, jeden Menschen als Künstler zu sehen, sondern darum, den Besuchern durch die Kunst nahe zu kommen, sagt Kuratorin Helin Alas und Künstler Matthias Numberger erklärt: „Ich habe mir etwas überlegt, das den Körpern der Besucher am nächsten kommt. – deshalb die Handtücher.“

Die Kunsttücher tragen die Namen „Digi-Pard“, „Tsunami“ oder „Akku – full is easy“. Leoparden ähnliche Musterungen finden sich auf dem Digi-Pard. Der Tsunami zeigt eine hoch aufragende, spitze Welle und der dunkle Balken auf zwei der neun Tücher stellt tatsächlich einen Akku dar. Ist der Lebens-Akku aufgeladen, ist der Mensch fit. Gleichzeitig steht er aber unter Spannung.

Eine Möglichkeit, Geist und Körper in Einklang zu bringen, bot Performance-Künstlerin Angela Stiegler. Sie animierte die Schwimmbadbesucher zu Körperübungen frei nach dem Arzt Moritz Schreber. Der hatte im 19. Jahrhundert als Orthopäde und Erziehungsratgeber fungiert. Teile seiner Methoden werden nach heutigen Maßstäben als barbarisch bewertet.

Seine Heilsgymnastik steht dem entgegen und zeigt Parallelen zum fernöstlichen Joga. „Ich möchte altertümliches Gedankengut durch körperliche Ausführung zum Leben erwecken“, sagt Künstlerin Stiegler. Die junge Frau war während der Übungen für die Teilnehmer unsichtbar und kommunizierte ausschließlich über Lautsprecher. Man könnte es als eine Analogie zu Schreber werten, der den durch ihn erzogenen Kindern oft wie eine gottähnliche Gestalt vorgekommen sein muss.

Mit einem Künstlergespräch über Arbeit und Entspannung in zeitgenössischer Kunst endete das Freibad-Projekt. Die jungen Künstler zeigten auf, dass künstlerische Arbeit keine Grenzen kennt und deshalb auch in einem entspannten Rahmen wie dem Freibad ablaufen kann. „Wir sind nirgendwo angestellt und gestalten die Rahmenbedingungen unserer Arbeit selbst, aber wir arbeiten“, so Künstlerin Helin Alas.

Die Freibad-Projekte der Künstler

Neben der Performance-Kunst von Künstlerin Angela Stiegler und der Ausstellung „9 Towels for Amorbach“ haben die Künstler gemeinsam mit der Freien Internationalen Akademie Amorbach noch weitere Projekte ins Leben gerufen. Schwimmbadbesucher konnten ein Yuzu-Eis am Stiel probieren. Das Wassereis wird aus der japanischen Frucht Yuzu gewonnen und schmeckt nach Mandarine und Ingwer. Es hat die Form einer Polizeimarke. Helin Alas gestaltete eine Broschüre – das „Freibad Magazin“. Originale und gefälschte Fotografien stehen sich gegenüber und animieren den Leser zur Fehlersuche. Alas will damit aufzeigen, dass in der modernen Welt Medien und Kunst nicht mehr voll erfasst, sondern nur nach Relevanz „gescannt“ werden. Der Betrachter unterscheidet so kaum noch zwischen High-Art-Kunst und Amateur-Kunst.

Erschienen am 14. Juli 2015 im Main Echo 
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