Saugut: Saftige Schweinehaspeln schlemmen

Mai-Tradition: In Hausen isst man Haspeln - Schweinshaxen gekocht und gegrillt - Geheimrezeptur

Herr der Haspeln: Bruno Burkhart ist einer von 60 Hausener Haspelkennern. Er weiß um die Geheimrezeptur. Foto: Julia Preißer

Hausen. Das Rezept will er nicht verraten. “Geheim”, sagt Klaus Heß und schmunzelt. Wer in Bayern Haspel grillt, gibt dem hessischen Traditionsgericht gern eine eigene Note hinzu. So blieb die Zutatenliste für das Hausener Haspelessen am ersten Mai tief verschlossen im Rezeptbuch des Gesangvereins Sängerlust.

Wer die Haspel zuhause nachmachen will, muss notgedrungen das Internet zu Rate ziehen. Die Hausener, da ist sich Bürgermeister Manfred Schüssler sicher, genießen ihre Haspel am liebsten in der Festhalle. Dort füllen sich die Tische bereits um halb elf. 1300 Gäste werden erwartet. “Maximal 15 Minuten Wartezeit auf eine Haspel - selbst zu Stoßzeiten”, sagt Heß stolz.

Für Klaus Heß und rund 60 weitere Helfer ist Planung alles. Bis zu 1000 Haspeln werden in rund fünfeinhalb Stunden vertilgt. “Mehr als 1000 ist logistisch auch nicht drin”, so Heß. Um den Ansturm zur Mittagszeit meistern zu können, bereitet der Verein die Haspeln vor. Wenn draußen noch kein Vogel singt, sind die ersten Sänger des Gesangvereins bereits auf den Beinen. Seit vier Uhr nachts werkelt Klaus Heß hinter dem Tresen.

In Hessen isst man die Haspel gekocht, gegrillt, geschmort oder gegart. Die Haspel in Hausen wandert erst in den Kochtopf und dann in den Grillofen. Dazwischen findet die geheime Gewürzmischung ihren Einsatz. Bruno Burkhart massiert und walgt die Haspel, bis die Haut rostrot bedeckt ist: Anstrengung für die Armmuskeln. Jeder im Team kennt seine Aufgabe - in nunmehr 40 Jahren hat sich Routine entwickelt.

Das Haspelessen in Hausen zählt zu den größten am Bayerischen Untermain. Als Grillfest mit 25 Haspeln nahm es seinen Anfang. Heute kommen Gäste aus Aschaffenburg oder Wertheim. “Dass es so toll einschlägt, hätten wir nie gedacht”, sagt Vereinsvorsitzender Manfred Braun. “Im Prinzip war’s ein Selbstläufer.”

Nur einmal, vor einigen Jahren, stand das Fest für kurze Zeit still. Ein Stromausfall hatte die Elektro-Öfen lahmgelegt. Nach quälend langen Minuten drehten sich die Haspeln am Spieß wieder in gewohntem Tempo. Bis dahin konnte die Gäste auf Kuchen ausweichen. 50 Kreationen locken auch heute an der Torten-Theke - selbstgebacken, ausnahmslos.

Ein Törtchen zum Tee, die Haspel als Hauptgang, dazu Brot oder Pommes, vielleicht noch eine Brat- oder Currywurst und das obligatorische Hefeweizen: Kalorien zählt heute kaum jemand. Die Haspel muss munden und das tut sie, wenn sie innen saftig und außen rösch ist und wenn man sich keine Gedanken um potentiellen Hüftspeck macht. Den kann man ja abtrainieren, bevor er sich festsetzt - beim Mai-Spaziergang danach.

Bevor es wieder nach Hause geht, ziehen zwei alte Haspel-Hasen ihr Resümee: “Fantastisch!”, schwärmt der Großwallstädter Michael Specht. Sein Kompagnon Frank Markert kann mit vollem Mund nur nicken. Seit 20 Jahren kommen beide hierher. Heute lassen sie Platz für den Nachtisch. Deshalb zählen ihre Haspeln mit 500 Gramm zu den kleinen Exemplaren. Ein kräftiges Stück bringt bis zu 750 Gramm auf die Wage.

Selbstversuch: Verführerisches Haspelessen

Da liegt sie, die Haspel - schön schmorig. Die Apfelschorle daneben hält heute als Bier her. Zumindest optisch kaum ein Unterschied. Es ist zehn Uhr morgens. Ich bin nüchtern und will es auch bleiben. Deshalb kein Alkohol. Aber essen will ich schon. Die Haspel schaut mich an. Strahlend und glänzend lockt sie. Verführt mit ihrem Duft. Der Fotograf - mein Mann - macht Gesten. Geduld! Warten! - Och nö! Ich zieh ne Schnute. Er guckt. Streng. Nestelt an der Kamera. Blende. Fokus. Nix stimmt. Die Haspel soll doch scharf sein auf dem Foto, sagt mein Mann. Scharf, denke ich. So Senf- und Pfefferscharf. Beides liegt neben der Haspel auf meinem Teller. Ich schnupper mal vorsichtig. Mjamjam. Mein Magen mag mehr. Er ist es gewohnt, zu frühstücken. Spätestens um acht - besser sieben. Heute gabs nix. In Anbetracht meines Selbstversuchs hab ich verzichtet. Eine Haspel, 750 Gramm. So groß ist mein Magen auch nicht, dass er die Haspel verdaut, wenn er noch an den Haferflocken knabbert. Mittags die Haspel essen? Keine Alternative. Zu viel los. Keiner hat dann Zeit für Interviews. Also Haspel um zehn. Und jetzt dampft sie, die Haspel. Achtung, sagt mein Mann…. Jetzt. Sein Finger verharrt auf dem Auslöser aber ich muss erstmal das Fleisch schneiden. Das Messer kratzt an der Haut. Kross! Gräbt sich ins Fleisch. Hmmm… weich. Der erste Biss - eine Wohltat. Saftig. Das Fleisch fällt vom Knochen. Mein Mann schießt drei Fotos. Drei! Wenn er Enten fotografiert, schießt er ungefähr 200. Ich ahne. Er will auch. Guckt schon ganz gierig. Also teilen. Leider. Während er mampft, sichte ich die Fotos. Die Haspel schaut scharf aus. Ich weniger. Doch mein Mann steht als Fotograf nicht mehr zur Verfügung. Er isst.

Erschienen am 3. Mai 2019 im Main Echo 
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