»Party hard« mit den Herzbuben

Seniorennachmittag: Miltenberger feiern beim Wildecker Stilmix von Volksmusik bis Queen auf der Michelsmess

Seit Mittwoch auf hunderten Handyfotos der Miltenberger verewigt: Die Wildecker Herzbuben im Festzelt. Foto: Julia Preißer

Miltenberg. Das Bier schwappt in den Krügen und auch mal daneben. Im Festzelt auf der Mess’ schunkeln die Senioren. 65 ist das geschätzte Durchschnittsalter und Grund für die feucht-fröhliche Stimmung sind die Wildecker Herzbuben. Das Volksmusik- und Schlager-Duo aus Wildeck in Nordhessen sorgte am Mittwoch mit einem musikalischen Stilmix für gute Laune.

Zuvor haben die Musiker der Schippacher Blaskapelle den Senioren eingeheizt. Mit dem letzten Stück fordert Dirigent Klaus Hammer: “Lasst uns den Herzbuben einen ordentlichen Empfang bereiten. Zeigt mal, wie ihr klatschen könnt!” Das Publikum lässt sich das nicht zweimal sagen. Neben den Händen klappern auch die Tische, als die Senioren mit der flachen Hand darauf schlagen: Rums, rums, rums.

Noch etwas skeptisch sind die beiden Freundinnen Alwine Hermanns aus Freudenberg und Else Clärding aus Mondfeld. “Wir sind ja nicht so Fan”, sagt Else Clärding. “Aber man muss alles mitnehmen.” Sie seien jedes Jahr dabei, wenn zum Seniorennachmittag geladen würde.

Die Schippacher haben die Bühne mittlerweile geräumt. Das Rumsen der Tische schwillt ab, denn jetzt recken sich die Hälse. Der erste Herzbube wurde gesichtet. “Och, ist der grau geworden”, sagt Alwine Hermanns. “Aber singen kann der gut, das weiß ich.” Graue Häupter haben beide Herzbuben - Wolfgang Schwalm ist 64, Wilfried Gliem 71 Jahre alt. Sein Rauschebart macht dem Weihnachtsmann Konkurrenz. Und beide sind beleibt - gelinde gesagt.

Mit Sexappeal können die Herzbuben nicht punkten. Und weil heute Nachmittag weder die tief dekolletierte Helene Fischer, noch die schmollmundige Ella Endlich locken, ist es auch nicht verwunderlich, dass die Jugend um das Zelt einen Bogen macht. Mit einer Ausnahme: Auf einem Tisch im Zelt stehen fünf Freunde in Lederhos` und Karohemd und fallen aus dem Rahmen. Sie sind Mitte Dreißig und machen das, was man unter Jugendlichen als “Party hard” bezeichnet: Klatschen, mitgrölen, ausflippen.

Die Herzbuben haben ihr “Zwei Kerle wie wir” angestimmt und bei den Mitdreißigern gibts kein Halten mehr. “Geile Atmosphäre” sagt Christian König aus Stadtprozelten. Und sein Kompagnon Martin Hock ergänzt: “Ich hab als Kind schon immer das Musikantenstadtl geschaut - kein Witz. Dass ich sowas mal live erleben darf!”

Mit Hits wie “Hallo Frau Nachbarin” spricht das Duo vor allem harmlose Romantiker an. Das beliebteste Lied auf der heutigen Agenda ist wohl “Herzilein”. Der Song machte die beiden 1989 über Nacht berühmt und gilt mit 30 Millionen Platten als einer der größten Hits der deutschsprachigen Volksmusik.

Der schnörkellose Text ist eingängig und reizt die Klischees über bedingungslose Liebe und Heile-Welt-Fantasien aus bis an die Grenzen. Das Trompetenintro erkennen eingefleischte Fans sofort. “Ahh”, säuselt es durch die Reihen”, als der erste Ton erklingt. Wen es jetzt nicht mehr auf der Bierbank hält, schunkelt im Stehen weiter.

Zuschauer Günter Tschersovsky schunkelt nicht mehr, sondern macht sich auf den Heimweg. Der Grund für seinen Besuch im Zelt war nicht die Musik. Tschersovsky ist Autogrammjäger und sammelt Unterschriften auf selbstgebastelten Schneekugeln. Für die Herzbuben ist er aus dem hessischen Oberzent angereist. Stolz zeigt er seine Ausbeute. Die Schneekugel wird sich in eine Sammlung aus 170 weiteren einreihen.

Wo sich die Herzbuben musikalischen einreihen, ist heute schwer zu sagen. Neben Volksmusik und Schlager covern sie “I want to break free” von Queen. Wer sich als Musiker für einen Stilmix entscheidet, kann auch Gegenwind bekommen. Für die Mess` und nach ein oder zwei Maß Bier passt das abwechslungsreiche Programm aber gut.

Hintergrund: Volksmusik im Wandel

Immer mehr verschwimmen die Grenzen zwischen volkstümlicher Musik und Schlager. Sänger wie Florian Silbereisen und Andrea Berg können beides und haben sich auch optisch aus der eingestaubten Ecke der Volksmusik befreit. Viele ehemalige Volksmusikanten springen auf den Zug auf. So veröffentlichten die Wildecker Herzbuben 2014 ihr auf Schlagern basiertes Album “Sommer, Sonne, Herzilein.” Der Schlager verspricht eine Schnittmenge zwischen Alt und Jung. In populären TV-Musiksendungen wie dem “Musikantenstadl” oder dem “Frühlingsfest der Volksmusik” wird längst nicht mehr zwischen Volksmusik und Schlager unterschieden. Im ursprünglichen Sinne grenzt sich die Volksmusik durch ihre Heimatverbundenheit vom Schlager ab.

Erschienen am 31. August 2018 im Main Echo 
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