Damit Menschen in Würde sterben können

Sterbebegleitung: Hospiz- und Palliativdienste informieren im Elsenfelder Bürgerzentrum - Landrat Scherf: Region »sehr gut aufgestellt«

Symbolbild: Julia Preißer

Elsenfeld. Letztendlich ist es ein Buch in schwarz-weiß, das ein bisschen mulmig macht. Denn eigentlich ist die Stimmung auf dem 13. Palliativ- und Hospiztag am Mittwoch im Bürgerzentrum freundlich, und nicht gedrückt, wie mancher vielleicht befürchtet hat. Die Betreuer der regionalen Hospizdienste tragen gerne ein Lächeln weiter, auch oder gerade weil das Thema ein ernstes ist.

Das Buch aber mit den Fotografien ehemaliger Bewohner von Hospizen in ganz Deutschland lässt schlucken. Autor und Fotograf haben Lebens- und Sterbegeschichten eingefangen - Augenblicke des Todes, die den Betrachter gerührt zurück lassen. Auf der linken Seite lacht ein Bewohner in die Kamera, die rechte Seite zeigt ihn als Verstorbenen.

“Da wird einem bewusst, dass wir alle diesen Weg gehen müssen”, sagt Roswitha Imhof. Sie ist Hospizbetreuerin und kann viel erzählen. Davon, was passiert, wenn die Medizin nicht mehr heilen kann. Die Patienten, die Imhof betreut, wollen daheim sterben. Deshalb besucht die ambulante Betreuerin sie mehrmals in der Woche, unterstützt die Angehörigen, spendet den Sterbenden Trost.

Zwei Patienten sind es derzeit, viele waren es in den vergangenen drei Jahren, seit Roswitha Imhof ihren ehrenamtlichen Dienst für die Hospizgruppe Aschaffenburg angetreten hat. “Es ist nicht immer einfach”, sagt sie. “Aber ich erlebe meine Arbeit als bereichernd. Es ist ein gutes Gefühl, jemandem beistehen zu dürfen. So wie ein Geschenk, an dem man mitunter schwer trägt.”

Glücklich ist Imhof dann, wenn Angehörige den Sterbenden auf seinem letzten Weg begleiten. Selbstverständlich sei das nicht. Ein Ende zu Hause im Familienkreis wünschen sich 76 Prozent der Todkranken. Doch rund die Hälfte stirbt im Krankenhaus, jeder Dritte im Pflegeheim.

Das Hospiz soll Zufluchtsort sein für Menschen, die in Würde sterben wollen. Im stationären Hospiz in Alzenau arbeitet Pflegedienstleiter Markus Höfler. Er weiß: Die letzte Meile ist kurz. Oft sind es nur ein paar Tage, in Ausnahmefällen Monate. 12 Tage verbringt ein Bewohner durchschnittlich in der Alzenauer Einrichtung.

Nur schwerstkranke Menschen mit kurzer Lebenserwartung haben Anspruch auf einen Platz. Krankenkassen prüfen Anträge genau, bevor sie bewilligt werden. Mit durchschnittlich acht Betten sind die meisten Hospize in Deutschland klein. Hinzu kommt, dass gut ein Viertel aller Stadt- und Landkreise keine stationären Hospize oder Palliativstationen vorweisen kann.

Deutschlandweit habe sich die Versorgung in den letzten Jahren aber verbessert, so Landrat Jens Marco Scherf. Die Region sei ambulant wie stationär sogar sehr gut aufgestellt. Das Rotary Hospiz in Erbach, das Hospiz in Walldürn und das Hospiz Alzenau werden ergänzt durch ambulante Projekte wie die Hospizgruppe Aschaffenburg, den Kinderhospizdienst Miltenberg/Aschaffenburg und die Kinder- und Jugendhospizarbeit der Malteser.

Kinderhospizdienste sprechen nicht von todkranken Kindern. Auch das Wort Lebensbegrenzung muss weichen. Stattdessen ist von lebensverkürzenden Erkrankungen die Rede. Man will Kinder nicht auf Grenzen reduzieren. Auch wenn am Ende der Tod steht, kann davor noch Schönes sein.

“Im Hospiz wird auch gelacht”, sagt Roswitha Imhof und räumt mit Vorurteilen auf. Es gäbe Tränen - das schon - aber eben auch Freude in den letzten Tagen des Lebens. Etwa dann, wenn der Hospizdienst Wünsche erfülle. Kleine Wünsche, die noch möglich sind, wenn der Tod naht. Noch einmal Lasagne essen, Mozart hören, die Lieblingssendung im Fernsehen ansehen.

Sie finde es schade, dass das Thema Hospiz für viele Tabu sei, sagt Imhof. Wer sich im Bürgerzentrum informiert, ist entweder selbst erkrankt, oder kümmert sich um einen kranken Angehörigen. Das eigenen Sterben zu planen ist etwas, das die meisten nur dann tun, wenn ihnen keine Wahl bleibt.

Dabei sollte man sich frühzeitig über Hilfsdienste informieren, empfiehlt Pflegedienstleiter Markus Höfler. Etwa dann, wenn man bereits erkrankt, der Tod aber noch nicht abzusehen ist.

Drei Fragen: »Die meisten schlafen friedlich ein«

Markus Höfler ist Pflegedienstleiter im Hospiz in Alzenau. Im Interview spricht er über persönliche Motivation, den Umgang mit schweren Schicksalen und die Angst vor dem Tod.

Was war Ihre Motivation, im Hospiz zu arbeiten?
Ich habe früher auf der Intensivstation im Krankenhaus gearbeitet und viele negative Erfahrungen gemacht. Das Wort Pflegenotstand sagt ja heutzutage jedem etwas. Außerdem hat mich gestört, dass Krankenhäuser zu stark auf Profit ausgerichtet sind. Da bleibt die Menschlichkeit oft auf der Strecke. Im Hospiz kann ich mir Zeit für die Bewohner nehmen, ihnen ein Stück Lebensqualität zurück geben. Ein 90-jähriger Bewohner vertrug Getränke schlecht, wünschte sich aber sehnlichst, mal wieder ein Bier zu trinken. Wir erfüllten ihm den Wunsch. Er schluckte das Bier, erbrach es wieder und sagte: “War das gut!” Im Krankenhaus wäre so etwas unmöglich.

Fällt es Ihnen schwer, nach Feierabend die Schicksale der Bewohner hinter sich zu lassen?
Man darf es sich nicht einfach vorstellen, im Hospiz zu arbeiten. Da treffen viele Schicksale aufeinander, auch die der Angehörigen. Wir haben 100 Sterbefälle pro Jahr. Da stellt sich die Frage: Wie viel Tod verträgt ein Team? Nach sieben bis acht Jahren Arbeit kommen viele an ihre Grenzen. Ich glaube, man braucht privat einen Ausgleich. Mir hilft meine Familie und mein Hobby bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Hat sich Ihre Sicht auf Leben und Tod durch Ihre Arbeit verändert?
Ich glaube schon, dass die Angst vorm Sterben weniger geworden ist. Man hört überall, wie furchtbar schwerkranke Menschen sterben. Doch die Wahrheit ist: Kaum jemand mit einem Lungenkarzinom erstickt, kaum jemand mit HNO-Tumor verblutet. Die meisten verlieren das Bewusstsein und schlafen friedlich ein.jup

Erschienen am 9. November 2018 im Main Echo 
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