Triefende Terrier und begossene Pudel

Hundefriseur: Karin Roos aus Elsenfeld hübscht jährlich 300 tierische Kunden auf - Rassenkunde und Hundeerziehung im Repertoire

Klatschnasser Cockerpoo: Nach dem Baden frottiert Hundefriseurin Karin Roos ihre Kundin Emmi trocken. Gleich wird Emmi schön gemacht. Foto: Julia Preißer

Elsenfeld. Schwierige Kunden kennt jeder Friseur. Auch der Coiffeur für Hunde bildet keine Ausnahme. Wasch mich, aber mach mich nicht nass ist die Devise vieler Vierbeiner. Doch wer ein glänzendes Fell will, muss Wasser und Seife in Kauf nehmen. Dass ein Friseurbesuch die reinste Wellness ist, wird dem pelzigen Partner spätestens auf dem Kosmetiktisch klar.

Die Wallemähne weht im Wind. Emmi genießt die Beauty Prozedur. Die heiße Föhnluft sorgt für Behaglichkeit und wohlige Wärme im Hundeherzen. Emmi zählt zu den Stammkunden im Salon von Karin Roos. Seit vier Jahren wird der Cockerpoo alle sechs bis acht Wochen gewaschen, geföhnt, geschnitten, gebürstet und manikürt.

Heute ist Emmi nervöser als sonst, hechelt viel, mag nicht fotografiert werden. Im Bad lugt sie scheu über den Wannenrand, aber der dröhnende Föhn, der auf den ersten Blick wie ein zu groß geratener Staubsauger aussieht, scheint sie zu beruhigen. Karin Roos achtet darauf, ihren tierischen Kunden ein Stück Sicherheit zu geben. Deshalb spielt sich das Prozedere immer gleich ab.

Roos hat das Handwerk des Hundefriseurs - in der Fachsprache Groomer genannt - von der Pike auf gelernt und schließlich das Carport vor dem Haus zum Salon umgebaut. Dass es in Deutschland keine geregelte Ausbildung zum Hundefriseur gibt, sieht sie kritisch: “Es gibt viele schwarze Schafe. Dabei braucht es mehr als Geduld und Geschicklichkeit. Kunden achten auch auf die Rassestandards - etwa die berühmte Krone beim Pudel.”

Rassenkunde und Hundeerziehung gehören für einen Groomer zum Repertoire. “Jeder Hund ist anders, hat seine eigenen Gewohnheiten”, sagt Roos. In 18 Berufsjahren hat sie beinahe jede Rasse einmal frisiert: Triefende Terrier, pitschnasse Pinscher und begossene Pudel. Wuselig und nervös seien die Kleinen, gelassen und gemütlich die Großen.

Ist ein Hund sehr aufgeregt, bekommt er vom Tierarzt eine Beruhigungstablette. Denn wenn die Hunde-Kunden auf dem Frisiertisch toben, können sie sich am Trimmer oder der Schere verletzen. Auf Karin Roos Arm zeigen sich Narben von Bisswunden. Die stammen allerdings vom eifersüchtigen Hund ihres Mannes. Ihren bissigen Kunden verpasst die Friseurin einen Maulkorb. Das Pfefferspray auf der Ablage kommt nur in Notfällen zum Einsatz.

Trotz Bissverletzungen hat Roos ihr Vertrauen in die Vierbeiner nicht verloren. “Hunde sind treue Begleiter. Diese Freude, wenn man nach Hause kommt…” Seit sieben Jahren lebt Biewer Yorkshire Hündin Josie an ihrer Seite, sitzt brav im Körbchen, während die Friseurin werkelt. Josie hat einen großen Freundeskreis. 300 Hunde zählt Roos zu ihren Stammkunden. Die meisten werden alle drei Monate aufgehübscht.

Besonders wichtig sei die Fellpflege im Winter: “Hunde leiden unter Schneeklumpen an Beinen und Bauch, können schwer laufen. Wenn das Haar dann noch verfilzt, hält es die Feuchtigkeit länger und der Hund friert.” Um die Pfoten zu schützen, verreibt Roos Salben. Auch bei Beautyprodukten für Hunde gilt: Bio ist besser. Auf den Regalbrettern hinter dem Frisiertisch reihen sich herkömmliche Shampoos nebst veganer Edelpflege. “Ich bin selbst Vegetarierin und wollte meine Philosophie in den Salon bringen”, erzählt Roos. Vegane Produkte seien nur minimal teurer und verkauften sich gut.

Manchmal kommen auch Notfälle in den Salon. Wie der Yorkshire Terrier, dessen Schnauze und Rücken mit Kletten verklebt waren. Der kleine Kerl hatte sich die hakeligen Pflanzenteile beim Toben auf einer Wiese eingefangen. Karin Roos musste das Hündchen komplett scheren. Noch mehr Haar ließ ein Neufundländer, der mit seinen 103 Kilogramm eher an einen kanadischen Bären als einen Hund erinnerte. Zwei Schermesser waren nötig, um die Fellmasse des Beinahe-Bären zu bändigen.

Cockerpoo Emmis Fell bauscht sich mittlerweile in Flocken auf dem Frisiertisch. Eineinhalb Stunden sind vergangen. Vor der Tür wartet bereits das Frauchen, um Emmi abzuholen. Jeder tierische Traum hat einmal ein Ende. Emmi dankt der Schönheitsexpertin für ihre Gefälligkeit, indem sie ein paar Mal fröhlich mit dem Schwanz wedelt und mopsfidel den Salon verlässt.

Hintergrund: Vom Schönheitstrend für Hunde

Ein Coiffeur für Hunde? Klingt neu. Doch bereits vor 100 Jahren machte der Adel den Beruf des Hundefriseurs (Groomer) salonfähig. Um Jagdhunden ihre Arbeit zu erleichtern, trimmte man das Fell. So konnten Pudeln mit geschorenem Hintern und “Krone” leichter schwimmen und Enten fangen. Nach und nach wurde aus den praktischen Frisuren ein Modetrend. Eine handwerkliche Genehmigung braucht es nicht, dennoch müssen Groomer ihr Handwerk beherrschen. Sie scheren (Pudel), trimmen (Terrier), strippen (Spaniel), kürzen Krallen, kontrollieren Körper und Gebiss, pflegen die Ohren und cremen die Pfoten ein. Körperlich geraten Groomer oft an ihre Grenzen, müssen zupacken können, wenn ein 110 Kilo schwerer Neufundländer in die Wanne gehoben werden will.

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