Spürnasen in Aktion

Rettungshunde: Staffel trainiert Vierbeine im Schippacher Wald – Hunde vom DRK ausgebildet

Dem Opfer auf der Spur: Hund Wasko hat den vermeintlich vermissten Volker Lotzow im Schippacher Wald gefunden. Foto: Julia Preißer

Kreis Miltenberg. „Wir nehmen jeden Hund – Hauptsache verfressen oder verspielt,“ sagt Thore Colhoun und lacht. Der Leiter der DRK-Hundestaffel Miltenberg-Obernburg weiß, dass ein gut ausgebildeter Vierbeiner Menschenleben retten kann. Seit der Gründung im März trainieren sechs Teams in der Staffel. Ein Team setzt sich aus Hund und Hundeführer zusammen. Bestehen beide die Abschlussprüfung, kann das Rote Kreuz sie bei Einsätzen rekrutieren.

Etwa zwei Jahre dauert die Ausbildung. Hund und Hundeführer lernen, auf was es bei der Suche nach vermissten Personen ankommt. Die Miltenberger Hundestaffel übt die Flächensuche. Dabei sucht das Team im unwegsamen Gelände – zum Beispiel im Wald. Jeden Samstag fahren Thore Colhoun und seine Kollegen auf die Schippacher Höhe. Dort hat ihnen die Stadt Miltenberg ein Waldgebiet zur Verfügung gestellt.

Colhoun erklärt, worauf es ankommt. „Das wichtigste ist die Opferbindung. Der Hund muss sich an fremde Leute gewöhnen.“ Zu Opfern zählen im Einsatz oft Kinder oder verwirrte ältere Menschen, die sich im Wald verlaufen. Weil viele Hunde Fremden gegenüber Angst haben, müssen sie speziell trainiert werden. Dafür nutzt die Staffel Futter und Spielzeug. Hund Jambo wartet bereits im Auto von Herrchen Stefan Bücher auf seinen Einsatz. „Jambo“ ist Kiswahili und bedeutet „Guten Tag“. Mal schauen, ob der Bayerische Gebirgsschweißhund heute seinen guten Tag hat.

Stefan Bücher lässt Jambo an der Leine nach draußen. „Verfressen oder verspielt?“, fragt Thore Colhoun. „Definitiv verfressen“, sagt Bücher und zieht ein Leckerli aus der Tasche. Das bekommt Jambo vorerst aber nicht. Erstmal muss er auf eine für ihn fremde Person – Volker Lotzow vom DRK – zugehen. Lotzow nimmt etwa 20 Meter Abstand zur Gruppe und Jambo schaut ihm neugierig nach.

„Leine loslassen“ sagt Übungsleiter Thore Colhoun – Jambo zögert. In seinen Augen steht ein deutliches „Was wollen die von mir?“ Irritiert blickt er sein Herrchen an. „Der Hundeführer muss dem Hund beim Training zunächst egal sein. Das fremde Opfer zählt“, ruft Colhoun und Bücher schickt den Vierbeiner mit Fingerzeig nach vorne. Jambo versteht, sprintet los und wird von Volker Lotzow in Empfang genommen. Jetzt gibts die heißersehnte Hundewurst. „Er strahlt vor Freude!“, resümiert Staffelleiter Colhoun zufrieden.

Die nächste Übung ist was für Fortgeschrittene. Hund Wasko – ganzer Stolz von Thore Colhoun – soll zeigen, dass er seine Nase zu benutzen weiß. Volker Lotzow spielt auch diesmal das Opfer und verschwindet im Wald. Wasko wird solange abgelenkt und bekommt eine Kenndecke angelegt. Sobald Lotzow im Laub liegt – was etwas dauert, denn er läuft rund 200 Meter über Stock und Stein – schickt Colhoun seinen Hund mit dem Befehl „Hilf!“ ins Dickicht. Die Staffel folgt ihm auf den Fersen. Zielsicher und mit der Nase in der Luft steuert Wasko auf Lotzow zu. Mit lautem Bellen verkündet er: „Ich hab ihn!“

„Das ging ja ratzfatz“, freut sich Colhoun. „Wir vom DRK haben das schon oft getestet. Für 30 000 m² braucht ein Suchtrupp von 30 Feuerwehrleuten im Schnitt eine Dreiviertelstunde. Ein Hund schafft das in fünf oder sechs Minuten.“ Der Geruchssinn eines Hundes ist viele Millionen mal besser, als der eines Menschen. Besitzt der Mensch etwa fünf Millionen Riechzellen, sind es beim Hund 220 Millionen. Bei der Flächensuche wittert der Hund menschlichen Geruch, indem er die Nase in die Luft hält. Ganz anders läuft es bei der Fährtensuche: Hier geht er dem Geruch eines speziellen Menschen nach, meist mit der Nase am Boden.

Hund Wasko und Hündin Bonita machen nächstes Jahr die Abschlussprüfung, um sich in die Riege der Rettungshunde einzureihen. Auch die Hundeführer müssen ihr Wissen beweisen. Neben der Ausbildung zum Sanitäter und einem Erste-Hilfe-Kurs bereiten sie sich mit Kynologie (Lehre des Hundes) auf die Prüfung vor. Außerdem besuchen sie Seminaren zur Orientierung mit Hilfe von Kompass und GPS. „Ein Hund ist schneller trainiert, als ein Mensch“, weiß Colhoun. Trotzdem bereite ihm die Opfersuche das stärkere Herzklopfen. Die Durchfallquote läge hier bei 50 Prozent, weil Hundeführer ihre Nervosität auf das Tier übertrugen. „Am Prüfungstag braucht mich morgens keiner anzusprechen“, lacht Colhoun. „Da trinke ich zwei Schnäpse und will meine Ruhe.“

Geschichte der Rettungshunde

Bernhardiner Barry war der erste Suchhund mit Weltruhm. Mehr als 40 Menschen hat er zwischen 1800 und 1812 das Leben gerettet. Barry lebte im Hospiz auf dem Großen Sankt Bernhard in der Schweiz. Hier züchteten Mönche Bernhardiner, die verirrte und vom Schnee verschüttete Menschen zum Kloster führten. Rettungshunde bildeten weltweit allerdings eine Ausnahme. Ab 1885 begannen die deutsche Armee und der Tiermaler Jean Bungartz, Hunde zu Munitionsmeldern und im Sanitätsdienst auszubilden. Zum Einsatz kamen Rettungshunde im Ersten Weltkrieg. Aus knapp einem dutzend Sanitätshunden im Jahr 1914, wurden im Laufe des Krieges 4000. Im Zweiten Weltkrieg war der Bedarf noch größer. An allen Fronten weltweit waren über 200.000 Hunde im Einsatz – die meisten starben. Heute helfen Rettungshunde auch bei Bränden, Flugzeugabstürzen und Erdbeben.

Erschienen am 7. August 2014 im Main Echo 
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