Industrie kämpft um Nachwuchs

Berufsschul-Zentralisierung: Langer Weg für Azubis vom Land - Lehrermangel und wenig Bewerber

Uni statt Kompetenzzentrum: Maximilian Laut aus Rüdenau hat sich für ein Verbundsstudium entschieden: Er studiert in Schweinfurt Maschinenbau und macht gleichzeitig eine Ausbildung zum Industriemechaniker im ICO. Foto: Julia Preißer

Kreis Miltenberg. Wer heute auf dem Land eine Ausbildung sucht, hat es schwer. In den vergangenen 15 Jahren hat der Freistaat immer mehr Berufsschulen in sogenannte Kompetenzzentren zusammengefasst. Für die Auszubildenden bedeutet das lange Fahrtwege und Blockschule. In den Unternehmen wiederum bleiben Ausbildungsplätze oft unbesetzt. Der Landkreis rühmt sich weiterhin als “hervorragender Wirtschaftsstandort”, will über das Gründerzentrum Zentec in Großwallstadt neue Betriebe anlocken. Doch selbst große Firmen klagen über Nachwuchsmangel.

Ingo Bazalik ist Ausbildungsleiter bei der Mainsite, der Betreibergesellschaft des ICO in Erlenbach. Jedes Jahr im Juni durchforstet er das Sprengelverzeichnis. Dort aktualisiert die Regierung von Unterfranken jährlich das Einzugsgebiet einer Berufsschule. “Für uns ist die Zentralisierung eine absolute Herausforderung”, sagt Bazalik. Vor allem Spartenberufe seien betroffen. Anlagenmechaniker lernen ab dem zweiten Lehrjahr in Gunzenhausen, Elektroniker für Automatisierungstechnik in Schweinfurt.

Ingo Bazalik hat nachgeschlagen, wie lange es braucht, um mit dem Zug von Erlenbach nach Schweinfurt zu fahren - “zwei bis drei Stunden”. Das Kompetenzzentrum in Frankfurt erreichen Schüler innerhalb einer Stunde. Deshalb stellt Ingo Bazalik derzeit einen Gastschulantrag. Schon in den letzten Jahren seien Berufsschüler aus Bayern in anderen Bundesländern untergekommen. Doch für nächstes Jahr könnte es knapp werden. Das Kompetenzzentrum in Frankfurt ist überlastet.

Neben den Anfahrtswegen ist es vor allem der Blockunterricht, der Schüler abschreckt. Aus Gesprächen mit Bewerbern weiß Ausbildungsleiter Bazalik, dass nur wenige sich vorstellen können, zwei oder mehr Wochen am Stück im Internat zu wohnen. “Vereine, Freunde und Familie bleiben auf der Strecke.” So müssten Hobby-Fußballer beispielsweise damit rechnen, nicht bei jedem Training oder Spiel dabei sein zu können. Wer sich bis spätestens 22 Uhr am Sonntagabend im Wohnheim in Schweinfurt, Nürnberg oder gar München melden muss, opfert einen Teil seines Wochenendes.

Maria Bausback, Bereichsleiterin für Aus- und Weiterbildung an der IHK in Aschaffenburg, beschäftigt sich mit den Folgen der Zentralisierung und führt ein weiteres Problem an: “Wenn die Kontinuität der Ausbildung immer wieder für Wochen unterbrochen wird, ist das für viele Betriebe schwierig.”

Blockschule mache laut Armin Bick, stellvertretender Schulleiter der Berufsschule Miltenberg-Obernburg, auch den Eltern zu schaffen. “Zwar entstehen keine zusätzlichen Kosten und die Wohnheime werden gut betreut, trotzdem sind Sorgen nachvollziehbar. Viele Auszubildende sind ja erst 15 oder 16 Jahre alt und im Schnitt zwölf Wochen pro Jahr weg.” Nicht wenige hätten zudem mit sozialen Ängsten oder psychischen Störungen zu kämpfen.

Ingo Bazalik von der Mainsite muss damit rechnen, Spartenberufe demnächst nicht mehr besetzen zu können. Schon jetzt blieben zahlreiche Stellen offen. Die Betriebe der Mainsite müssen, wie viele Firmen, auf andere Berufsbilder zurückgreifen. “Zur Not übernehmen überqualifizierte Mechatroniker die Arbeit der Automatisierungstechniker.” Für die Betriebe bedeute dies nicht nur höhere Personalkosten, sondern auch Unzufriedenheit auf Seiten der unterforderten Arbeitnehmer.

Auf Druck der Arbeitgeberverbände will der Freistaat kleine Berufsschulen wieder stärken. An der Berufsschule Miltenberg-Obernburg gibt es mittlerweile Kompetenzzentren für Frisöre und IT-Berufe.

Die Crux mit der Zentralisierung

Es ist ein Teufelskreis: Weil sich immer weniger junge Menschen für eine Ausbildung bewerben, zentralisiert der Freistaat die Berufsschulen. Das wiederum macht es Unternehmen noch schwerer, Nachwuchs zu finden - insbesondere in Industrie und Handwerk. 16 Auszubildende pro Lehrjahr braucht es mindestens, damit eine Region ein Berufsbild betriebsnah schulen kann. Doch viele Schulabgänger aus den ohnehin geburtenschwachen Jahrgängen studieren oder entscheiden sich für prestigeträchtige Ausbildungen - etwa im Finanzwesen. Nicht zuletzt mangelt es dem Freistaat an Berufsschullehrern. Etwa ein Drittel der offenen Stellen für Lehrer bleibt unbesetzt. Die Folgen der Flüchtlingskrise haben die Situation verschärft. Viele der Geflüchteten werden an Berufsschulen unterrichtet. Um den Lehrermangel in den Griff zu bekommen, greift das Bayerische Bildungsministerium derzeit auf Quereinsteiger - etwa Masterabsolventen und Diplom-Ingenieure - zurück.

Erschienen am 12. Juli 2019 im Main Echo 
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