»Lotsen im Informationsdschungel«

Interview: Bibliothekarin Gisela Schlange-Schäfer spricht über die Digitalisierung in ihrer Berufssparte

Hat den Durchblick: Bibliothekarin Gisela Schlange-Schäfer ist digital gut aufgestellt. Foto: Julia Preißer

Elsenfeld. Seit 1995 ist der 24. Oktober in Deutschland der Tag der Bibliotheken, eingeführt auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Doch wie sieht es aus mit den gemütlichen Büchereien vor Ort? Werden sie bald von digitalen Bibliotheken verdrängt? Das Medienhaus Main-Echo hat die Elsenfelder Bibliothekarin Gisela Schlange-Schäfer gefragt.

Sie haben nach einer Umgestaltung neu eröffnet. Ist die Zeit der Mittelkürzungen vorbei?
Auf jeden Fall. Die schlimmste Zeit hatten wir in den 1990ern – vor Pisa. Damals sahen viele Kommunen ihre freiwilligen Leistungen wie Schwimmbäder und Bibliotheken kritisch und es wurde auch für uns schwierig. Es kam zur Gründung unseres Fördervereins. Er half uns ideell, aber auch materiell durch Mitgliedsbeiträge und Anwerben von Sponsoren. Nach der Pisa-Studie fand ein Umdenken statt und man erkannte, wie wichtig Lesen als Schlüsselqualifikation ist. Heute hat Bildung wieder einen hohen Stellenwert. Da würde keiner mehr so schnell Bibliotheken schließen. Sie sind Lotsen im Informationsdschungel und wichtiger denn je.

Sind digitale Bibliotheken eine Konkurrenz für örtliche Büchereien?
Nein, sie sind ein wichtiges Zusatzangebot. Wir sind Mitglied im Verbund E-Medien Franken. Er besteht aus 25 fränkischen Bibliotheken und ist sozusagen unser zweites Standbein. Mit zirka 30 000 Titeln im Angebot ist diese »Zweigstelle« sogar größer als unser Angebot vor Ort. Für die Musik bieten wir jetzt neu den Streamingdienst Freegal an. Dort haben unsere Nutzer ein attraktives Angebot zum Streaming und Download.

Werden Bibliothekare angesichts von Ausleih- und Rückgabeautomaten bald überflüssig?
Wohl kaum. Ein Automat bleibt ja ein Automat. In großen Bibliotheken nimmt er natürlich viel mechanische Arbeit ab. Trotzdem steht meist jemand daneben und erklärt, wie man so ein Gerät bedient. Man spart also weniger, als man zunächst denkt. In kleineren Bibliotheken ist die Kommunikation und persönliche Beratung gefragt. Wir empfehlen Literatur, beraten in technischen Fragen zu unseren Angeboten und vieles mehr. Der persönliche Faktor ist uns und unseren Besuchern sehr wichtig. Ein Automat hat keine Seele und kein Fachwissen.

Wie hat sich die Arbeit von Bibliothekaren verändert?
Die Bestandspflege und Ausleihe vor Ort sind wichtig wie eh und je, dazu die Leseförderungsangebote für Kinder. Bücher, die digital ausgeliehen werden, machen uns weniger Arbeit. Aber wir erklären das Angebot und beraten bei der Nutzung. Wenn es dabei Probleme gibt, muss der Verbund E-Medien Franken Support leisten. Dabei wechseln wir Fachbibliothekare uns ab. Die Informationsflut wird immer größer. Quellen richtig einordnen lernen anstatt nur Google und Co. zu befragen - dabei können wir helfen. Wir sichten den Markt an digitalen Angeboten und wählen daraus das aus, was von unseren Nutzern gewünscht wird.

Können das ehrenamtlich geführte Bibliotheken überhaupt leisten?
Nicht in dem Umfang. In die ehrenamtlich geführten Büchereien wird sehr viel Engagement und Herzblut gesteckt. Für kleine Orte sind sie oft die einzige Lösung und wir haben dafür viele sehr gelungene Beispiele im Landkreis. Ab einer bestimmten Bestandsgröße und Angebotsvielfalt wird es aber schon von der Stundenzahl, die zu leisten ist, schwierig. Es gibt für Ehrenamtliche gute Fortbildungsmöglichkeiten. Aber etwas Komplexes wie die Fernleihe für den wissenschaftlichen Bereich lässt sich ohne spezielles Hintergrundwissen nicht so leicht anbieten. Die bibliothekarische Arbeit erschöpft sich nicht in dem, was der flüchtige Beobachter sieht: hinter einer Theke zu sitzen oder Bücher zu sortieren.

Zur Person: Gisela Schlange-Schäfer

Die gebürtige Rheinländerinstudierte in Köln Wissenschaftliches Bibliothekswesen und erforschte danach an der Universität Bonn den Nachlass eines Professors. 1983 folgte sie ihrem Mann nach Unterfranken und wechselte in den öffentlichen Bereich an die Gemeindebücherei Elsenfeld.
Am liebsten liest sie Regionalkrimis mit möglichst wenig Blutvergießen. Schlange-Schäfer hat zwei erwachsene Kinder, ist bekennende Katzenliebhaberin und mit dem Klingenberger Regionalkantor Peter Schäfer verheiratet.

Erschienen am 23. Oktober 2017 im Main Echo 
Feinschliff für 100 Stimmen
Zur Liste
Erlesene Klangwelt für sich