»Hochmotiviert und qualifiziert«

Inklusion: Wenige Betriebe erfüllen Quote für Beschäftigung Schwerbehinderter – Arbeitsagentur will vermitteln

Schwerbehinderte haben es auf dem ersten Arbeitmarkt schwer. Aron Heil aus Aschaffenburg hat nach 50 Absagen einen Arbeitsplatz in einer Großwallstädter Nussrösterei gefunden. Foto: Julia Preißer

Großwallstadt. “Wir müssen auf die Potenziale schauen - nicht auf die Behinderung”, sagt Mathilde Schulze-Midding, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit in Aschaffenburg. Die Realität spricht eine andere Sprache. Noch immer scheuen sich Unternehmen, Menschen mit Behinderung einzustellen. Wie und warum eine kleine Firma in Großwallstadt mit positivem Beispiel vorangeht, haben Geschäftsleitung und Arbeitsagentur am Mittwoch in einer Pressekonferenz beantwortet.

Die Themenwoche zum Internationalen Tag für Menschen mit Behinderung hat Aron Heil in den Besprechungsraum im ersten Stock geführt. Er soll von seiner Arbeit in der Großwallstädter Nussrösterei Kernenergie erzählen. Vor ihm sitzen die Vertreter der Presse und zücken den Stift, ein Regionalsender richtet die Kamera auf den 36-Jährigen. Jeder will wissen: Wie sieht es aus für behinderte Menschen auf dem Arbeitsmarkt?

Und Aron Heil erzählt. Von 50 Bewerbungen, die im Sand verliefen. Von 20 Jahren, in denen er mal mehr, mal weniger depressiv war. Von Ausbildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen. Von Tagen und Wochen daheim, die immer länger wurden, je mehr er sich bewusst machte, dass alle arbeiteten, nur er nicht. Und vom Reha-Team der Agentur für Arbeit, das immer hinter ihm gestanden habe.

Seit einem halben Jahr arbeitet er nun als Verkäufer im angegliederten Laden im Gewerbegebiet Grundtalring. Er sortiert die Ware, füllt Nussmischungen ab, berät die Kunden. Immer ehrlich sein, das ist ihm wichtig - “mit offenen Karten spielen.” Auch wenn selbst Psychologen empfehlen, eine psychische Behinderung vor potentiellen Arbeitgebern lieber zu verschweigen. Dabei kann Inklusion nur gelingen, wenn das Stigma schwindet. Und das wiederum braucht klare Bekenntnisse. Wer sieht, wie viele Menschen betroffen sind, verliert die Scheu.

“Wir erleben bei Arbeitgebern zahlreiche Vorurteile”, sagt Schulze-Midding von der Agentur für Arbeit. Oft seien es schlichtweg Berührungsängste mit körperlich, geistig oder psychisch behinderten Menschen. Firmen scheuen auch die Verantwortung oder fürchten den besonderen Kündigungsschutz für Schwerbehinderte.

Dass der Kündigungsschutz kein Hindernis sein soll, auch dafür wirbt die Arbeitsagentur. “Unkündbar gibt es nicht”, sagt Arbeitsvermittlerin Marion Jaudszus. Wer einen Arbeitnehmer mit Behinderung entlassen wolle, müsse das mit dem Integrationsamt klären. Das Amt wäge dann die Interessen von Arbeitgeber und Arbeitnehmer gegeneinander ab. Auch für Fördergelder sei das Integrationsamt zuständig - etwa dann, wenn ein Unternehmen einen finanziellen Mehraufwand habe.

Für Marion Jaudszus ist klar: “Schwerbehinderte sind oft hoch motiviert! Wer chronisch krank ist, den beeindruckt ein Schnupfen wenig.” Und Wolfgang Giegerich, Pressesprecher der Agentur für Arbeit, weiß aus Studien: “Menschen mit Behinderung haben oft bessere Qualifikationen, als nichtbehinderte Arbeitssuchende.” Rund 87 Prozent der Behinderungen entstünden erst nach Studium oder Ausbildung.

Trotz der guten Qualifikation von Schwerbehinderten, erfüllen nur wenig Betriebe die vorgeschriebene Quote, leisten lieber Ausgleichszahlungen. Diese werden fällig, wenn Arbeitgeber mit mehr als 20 Arbeitsplätzen nicht wenigstens fünf Prozent davon für Schwerbehinderte bereitstellen.

Bei der Nussrösterei Kernenergie in Großwallstadt arbeiten unter 30 Mitarbeitern zwei Menschen mit Schwerbehinderung. Die Arbeitsverträge werden zunächst befristet ausgestellt. Geschäftsführer Denis Burghardt will nach eigener Aussage den Menschen in den Mittelpunkt stellen. “Potenziale zu entwickeln ist wichtig für die soziale Stabilität von Menschen mit Behinderungen”, sagt er. Aber auch: “Nicht jeder Mensch passt auf jede Stelle.” Man überlege gemeinsam mit dem Bewerber, welche Projekte realisierbar seien.

Manchmal, so zeigt die Erfahrung, ist mehr realisierbar, als gedacht. Vor einiger Zeit hat das Reha-Team der Agentur für Arbeit einen Einarmigen an ein Schweinheimer Hotel vermittelt - als Barkeeper.

Zahlen und Fakten: Aktionswoche Inklusion

Mit einer Aktionswoche, Preisverleihungen und Pressekonferenzen haben sich Arbeitsagentur und Staatsregierung zum achten Mal mit dem Thema Inklusion beschäftigt. Anlass war der Internationale Tag der Behinderung am 3. Dezember. Das Thema ist auch in der Region aktuell. 574 schwerbehinderte Arbeitslose registrierte die Agentur für Arbeit im November am Bayerischen Untermain. Sie haben es im Vergleich deutlich schwerer, eine Anstellung zu finden und brauchen dafür rund ein Jahr - 100 Tage mehr als gesunde Arbeitslose. Als Schwerbehindert gilt, wer einen Grad der Behinderung von mindestens 50 vorweisen kann. Sein Gesundheitszustand weicht dann normalerweise bereits länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand ab. jup

Erschienen am 7. Dezember 2018 im Main Echo 
Fähigkeiten von Flüchtlingen fördern
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