Mit Persönlichkeit gepunktet

Portrait: Christian Beck hat trotz Behinderung den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt geschafft

Das Kabel liegt sicher über der Schulter, die Handhabung stimmt. Felix Fleckenstein (r) erklärt seinem Praktikanten die Lackpolitur. Foto: Julia Preißer

Großheubach. Auf dem Fahrersitz eines Mercedes sitzt Christian Beck und pustet mit einer Druckluftpistole den Staub vom Armaturenbrett. Entstauben, Kunststoffpflege, saugen und polieren sind Tätigkeiten, die der 19-Jährige in den vergangenen zwei Jahren beim Fahrzeugaufbereiter Glanzwerk in Großheubach gelernt hat. Demnächst erhält Beck seine erste Festanstellung. Der Weg dorthin war für den jungen Mann mit einer Lernbehinderung nicht leicht. Er besuchte die Richard Galmbacher Schule in Elsenfeld - eine Förderschule für Menschen mit speziellem Lernbedarf. Das duale Ausbildungssystem, das neben der Einarbeitung in den Betrieb auch die Berufsschule vorsieht, hätte ihn überfordert. Schon in der Förderschule habe er oft Hilfe gebraucht, erzählt Christian Beck. "Ich kann besser praktisch arbeiten."

Der Integrationsfachdienst (IFD) in Aschaffenburg kümmert sich darum, Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren - weg von den Werkstätten und hin zu Handwerksbetrieben, Büros, Gastronomie oder Tätigkeiten im produzierenden Gewerbe. Die Unterstützung gilt gleichermaßen für Menschen mit geistiger, körperlicher oder psychischer Behinderung. Dabei arbeitet der IFD mit der Agentur für Arbeit und den Förderschulen zusammen. Verschiedene Staatsministerien fördern unterschiedliche Modelle: Von der Berufsorientierungsmaßnahme mit Schnupperpraktika bis zur unterstützten Beschäftigung, bei der die Teilnehmer für bis zu zwei Jahre die praktische Arbeit im Betrieb erlernen.

Nach mehreren Praktika hat sich auch Christian Beck für die unterstützte Beschäftigung entschieden. Schritt für Schritt konnte er sich an seinen Arbeitsplatz beim Fahrzeugaufbereiter Glanzwerk gewöhnen. Nun freut er sich über die Festanstellung: "Mir gefällt hier alles. Ich will nicht nur daheim sitzen, fernsehen oder die Wand anstarren." Auch für Firmenchef Felix Fleckenstein war das Projekt neu. "Die Erfahrung war alles in allem positiv", resümiert er. "Meine Kollegen und ich mögen den sozialen Gedanken hinter dem Projekt. Wir hatten von Anfang an das Ziel, Christian berufliche Perspektiven zu eröffnen." Die Entscheidung, ihren Praktikanten dauerhaft zu übernehmen, hätten sie dennoch nicht leichtfertig getroffen. Fleckenstein erzählt: "Es gab Defizite, die sich nur durch Wiederholung ausgleichen ließen. Das war manchmal kein Zuckerschlecken. Wir haben die vollen zwei Jahre genutzt und auch gebraucht, um uns sicher zu sein." Letztendlich habe Beck mit seiner Persönlichkeit gepunktet: "Er ist einfach ein lieber Kerl und wir haben ihn gern als Kollegen", sagt Fleckenstein.

Einmal pro Woche hat Sozialpädagogin Eva Tritschler den Betrieb besucht und mitverfolgt, wie Christian Beck nach und nach selbstständig wurde. Die Sozialpädagogen vom IFD klären offene Fragen, vermitteln zwischen Praktikant und Arbeitgeber, erstellen Leitfäden für Arbeitgeber und Kollegen und beraten zu rechtlichen Themen wie Haftung oder Versicherung. Wer einen Menschen mit Behinderung einstellt, bekommt auch monetäre Förderungen. So bewilligt die Agentur für Arbeit einen zeitlich befristeten Eingliederungszuschuss zum Gehalt des Mitarbeiters. Das Integrationsamt wiederum übernimmt in einigen Fällen die Kosten für technische Arbeitshilfen wie Rampen, Fahrstühle oder spezielle Software für Menschen mit Seh- und Hörschädigung. Felix Fleckenstein musste in seiner Firma wenig anpassen. Einzig die Chemikalien hat er farblich codiert und in Kleinstmengen abgefüllt. So fiel es Christian Beck leichter, Felgenreiniger, Gummifrisch und Wachspolitur voneinander zu unterscheiden.

Wer Beck heute bei der Arbeit über die Schulter schaut, sieht kaum einen Unterschied zwischen ihm und seinen professionellen Kollegen. Routiniert befreit er die Autos von Insekten und Flugrost, saugt Fußmatten, wischt mit einem Pinsel den Staub aus den Lüftungsgittern im Fahrzeuginneren und poliert unter Anleitung die Karosserie. Nur manchmal brauche er noch Hilfe, etwa bei Autos von Förstern oder Jägern. Mehrere Mitarbeiter und die Kraft des Baumharz-Entferners sind nötig, um ein Försterauto blank zu putzen. "Man sollte nicht nur rumstehen, sondern nach Hilfe fragen, wenn man welche braucht", sagt Christian Beck. "Ich frage zum Beispiel: 'Wie gehts jetzt weiter? Was ist der nächste Schritt?' Und dann macht man eben weiter."

Zahlen und Fakten: Integrationsfachdienst:

Der Integrationsfachdienst begleitet mit Unterstützung und Jobcoaching pro Jahr zirka zehn Schüler von Förderschulen aus den Landkreisen Miltenberg und Aschaffenburg. Davon schaffen durchschnittlich 50 Prozent der Teilnehmer den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt mit einem sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis.

Erschienen am 4. Januar im Main Echo 
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