Integration zu wenig strukturiert

Flüchtlingsstrom: Europäische Akademie Bayern und Landeszentrale für politische Bildung veranstalten Podiumsdiskussion im JEG – Kritik an fehlender strukturierter Integration

von links: Landrat Jens Marco Scherf, Hermann Götz (Handwerkskammer Unterfranken), Ethiklehrer Harald Fischmann, Klingenbergs Bürgermeister Ralf Reichwein und Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel. Foto: Julia Preißer

Elsenfeld. Einigkeit bei der Podiumsdiskussion „Flüchtlinge in Europa“ am Dienstag in der Aula des Julius Echter Gymnasiums. Ausnahmslos alle Diskutanten brachen eine Lanze für die Flüchtlinge. Ausbildungsberater Hermann Götz von der Handwerkskammer Unterfranken und Landrat Jens Marco Scherf sprachen angesichts des Flüchtlingsstroms sogar von einer langfristigen Bereicherung für Wirtschaft und Gesellschaft.

Bereits als Moderator und JEG-Ethiklehrer Harald Fischmann nach der Flüchtlingskrise fragte, zeigte sich: Von einer Krise will niemand sprechen. Bezirkstagspräsident Erwin Dotzel bevorzugt stattdessen den Begriff Flüchtlingswelle. „Eine rollende Welle kann uns aber schon Sorgen machen“, gab er zu. Landrat Scherf hingegen hält auch den Wellenbegriff für unangemessen. „Das klingt, als würde uns etwas Negatives überrollen. Aber diese Menschen sind ja nicht aus Jux und Tollerei auf der Flucht.“

Eine Krise entstehe nur dadurch, dass Deutschland nicht wisse, wie es mit dem Flüchtlingsstrom umgehen solle, betonte Klingenbergs Bürgermeister Ralf Reichwein. Er nannte als Beispiel das Problem der Sprachkurse für Erwachsene. Diese funktionierten hauptsächlich über Ehrenamtler und würden zu wenig gefördert. Auch Scherf betonte: „Wir haben diesbezüglich keine strukturierte Integration!“ Scherf und Reichwein beklagten auch die lange Verfahrensdauer der Asylanträge, die sich oft über mehrere Jahre hinziehe.

Dass Kommunen und Landkreis über laufende Verfahren nicht unterrichtet werden, stört Bürgermeister Reichwein. Unter den 40 Asylsuchenden in Klingenberg gäbe es viele Kinder, die für die Zeit ihres Aufenthaltes den örtlichen Kindergarten besuchten. Aufgrund der gestiegenen Gruppenanzahl verlange die Kindergartenleitung mehr Erzieherstunden. Dies könne aber nicht vorausschauend geplant werden, wenn die Kommunalpolitik zu spät über Abschiebung oder Umsiedlung der Flüchtlinge informiert werde.

Mehr Unterstützung zum Aufbau von Berufsschulklassen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wünscht sich Landrat Scherf. Nahezu 100 Prozent dieser Jugendlichen blieben langfristig in Deutschland. Hermann Götz von der Handwerkskammer sieht darin eine Chance für den Arbeitsmarkt. Die Wirtschaft leide unter dem demographischen Wandel und benötige dringend Nachwuchs.

Ein erfolgreiches Modell der beruflichen Eingliederung gäbe es in Aschaffenburg. Dort können sich Schüler einer Flüchtlingsklasse im Speed-Dating-Format bei regionalen Unternehmen vorstellen. Zwei Asylanten hatten bereits Erfolg: Ihnen wurde ein Ausbildungsvertrag angeboten. Götz appellierte auch für gesetzliche Regelungen, die es Unternehmern erleichtern, Flüchtlinge einzustellen.

Das Thema Fremdenfeindlichkeit sprach Moderator Harald Fischmann an. Der Vorschlag von Finanzminister Markus Söder, das Taschengeld für Flüchtlinge zu streichen, könne hier Öl ins Feuer gießen, so Fischmanns These. Bezirkstagspräsident Dotzel will sich diesbezüglich einer Meinung enthalten. Allerdings wies er daraufhin, dass die 350 Euro Taschengeld mehr sind, als manche Rente. Eine Neid-Politik will hingegen Scherf vermeiden: „Asylsuchenden geht es nicht besser, als den Deutschen. Die Politiker müssen hier unbedingt besser auf ihre Wortwahl achten!“

Der Frage, ob Deutschland noch mehr Flüchtlinge als bereits zugewiesen aufnehmen sollte, wichen die Diskutanten größtenteils aus. Die einschlägige Meinung: In erster Linie solle man die Fluchtursachen bekämpfen. „Wir müssen uns fragen: Wie beeinflusst unser Handeln die Wirtschaft in den Herkunftsländern?“, sagte Scherf und Erwin Dotzel sieht eine Chance für die Verbesserung der Situation darin, mitzuhelfen die Infrastruktur in den Fluchtländern zu verbessern.

Moderator Fischmann wollte abschließend wissen, ob die Bevölkerung nun akzeptieren müsse, zu teilen. „Auf die Situation angesprochen ist teilen gar nicht nötig. Am Ende haben wir in monetorischer und gesellschaftlicher Hinsicht einen Gewinn“, so Scherf und Ralf Reichwein sagte: „Wenn man es betriebswirtschaftlich ausdrückt, investieren wir sogar.“

Interview

Hermann Götz ist Ausbildungsberater bei der Handwerkskammer Unterfranken und betreut Projekte für Flüchtlinge. Mit Julia Preißer sprach er über die Qualifikation der Flüchtlinge für den deutschen Arbeitsmarkt sowie Schwierigkeiten aufgrund kultureller Unterschiede und Kommunikationsproblemen.

Inwieweit braucht das Handwerk in Deutschland die Flüchtlinge?
Das Handwerk ist gezwungen, seine Fachkräfte zu sichern und das fängt bei der Ausbildung an. Durch die demographische Entwicklung fehlt aber der Nachwuchs. So richtig spüren werden wir die Auswirkungen in etwa zwei Jahren. Flüchtlinge können uns helfen, am Markt zu bestehen. Wir suchen in allen Bereichen händeringend Leute.

Ist denn die Mehrzahl der Flüchtlinge überhaupt qualifiziert?
Natürlich lösen die Flüchtlinge nicht das komplette Problem. Aber Potenzial ist da und wir versprechen uns die eine oder andere Stellenbesetzung. Somit können sie in gewisser Weise zur Problemverbesserung beitragen. In Aschaffenburg gibt es eine Flüchtlingsklasse. Dort werden Flüchtlinge besonders gefördert. Zwei davon hatten bereits Angebote für eine Ausbildung, haben sie aber abgelehnt. Grund dafür waren kulturelle Unterschiede. Eine Handwerkstätigkeit im Mittelstand bedeutet in Afrika etwas völlig anderes, als in Deutschland. Da gibt es einfach zu viele Missverständnisse.

Wie kann man solche Kommunikationsbarrieren abbauen?
Man muss Flüchtlinge besser über das Wirtschaftssystem in Deutschland unterrichten. Das fängt in der Schule an. Flüchtlinge müssen sich in der Gesellschaft zurecht finden und wissen, was möglich ist. Natürlich sind auch Sprachkurse sehr wichtig. Damit sollte so früh wie möglich begonnen werden. Zurzeit laufen Sprachkurse für Erwachsene nur über ehrenamtliches Engagement. Doch hier ist der Staat am Zug. Jeder, der drei Monate hier ist, sollte einen Sprachkurs besuchen können. Selbst wenn die Flüchtlinge wieder abgeschoben werden, kann ihnen im Ausland die deutsche Sprache bei der Jobsuche helfen. Und es kann sich so auch für Deutschland eine positive Rückkopplung entwickeln.

Erschienen am 17. Juli 2015 im Main Echo 
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