Kämpfende Kelten, wilde Wikinger und römische Regenten

Historischer Markt: Besucher erleben Zeitreise in die Vergangenheit – von der Römerzeit bis zum Spätmittelalter

Foto: Julia Preißer

Großwallstadt. Zack! Peng! „Aaaargh!“ Da liegt er danieder. Der Sieg ist dem Stärkeren – ebenso die holde Maid. Mit gelüftetem Rocksaum scharwenzelt sie um den Glorreichen, blickt ihn unter dunklen Wimpern neckisch an. Er reckt das Schwert in die Höhe! „Hah!“ Die Menge jubelt. Was für ein Aufzug! Der historische Markt in Großwallstadt holte am Wochenende längst vergangene Zeiten an die Mainwiesen.

Römische Regenten, kämpfende Kelten, wilde Wikinger und mittelalterliche Mägde erwachen zum Leben. Die Großwallstädter lassen sich mitreißen von dem Treiben zwischen Zelten, Lagerfeuern und der Kampfarena. Mittendrin sorgt Ottmar Eisenträger mit Marktschreier-Organ für Stimmung. Der Vorsitzende des Vereins Genii Loci gehört heute zu den Gastgebern. Seit November planen er und seine Kelten-Kollegen die Sause.

„Das ist eine Art Protest-Fest!“, sagt Eisenträger. „Wir wünschen uns seit langem ein Keltendorf am Untermain und wollen damit ein Zeichen setzen.“ Keltische Funde gäbe es entlang des Mains zuhauf. Um Touristen und Einheimischen die keltische Kultur näher zu bringen, will Genii Loci ein ehemaliges Dorf nachbauen und an den Wochenenden bewirtschaften. Grundstücke dafür stünden in Großwallstadt und Rück zur Verfügung.

Bislang reichen Geld und Erlaubnis allerdings nur für einen alljährlichen historischen Markt. Hier geht Genii Loci in die Vollen und zeigt, was Kelten- und Mittelalterfans so alles zu bieten haben. An den Marktständen schnuppert man Gewürzen aus fernen Ländern, Marktschreier locken mit orientalischen Seifen und Parfüms. Den Gaumen verwöhnen Spezialitäten aus dem französischen Elsass und Met, das kühl die Kehle hinabrinnt.

Es ist heiß, staubig und riecht nach Lagerfeuer. Auf dem Weg zwischen den Zelten zählt man wenig Menschen, die meisten tummeln sich im Schatten unter der Plane oder vor der Kampfarena. Hier gibt sich die Gruppe Equites gerade ein Stelldichein. Die fünf Kämpfer zeigen dem Publikum, dass eine gewiefte Maid mit Schwert und den schlagkräftigen „Waffen“ einer Frau gleich zwei gestandenen Männern den garaus machen kann.

Das Publikum ist voll auf Seite der Dame – sie ist immerhin eine Seltenheit in der Arena. Auf Equites folgt Gaukler Willis, der den Kindern mit Jonglage- und Bewegungstricks große Augen zaubert. Unter den Fans findet man eine dreijährige Prinzessin mit Gewand und Krone, einen fünfjährigen Wikinger mit obligatorischem Hörnerhelm und zwei edle Ritter im Grundschulalter. Holzschwerter für Kinder gibt’s an den Marktständen. Mutige Erwachsene bevorzugen Metallklingen – scharf selbstverständlich.

Friedlich angehen lassen es die Handwerker der Gruppe Buchonia Celtica aus der Rhön. Johannes Schmidt und Albert Schlak beiteln und schnitzen aus Holz. Nur eine ruhige Hand schafft hier ein Meisterwerk. Vor dem Stand der zwei Hobby-Kelten reiht sich Holzkunst nebst feinstem aus Leder und Wolle. „Wir wollen das historische Handwerk so authentisch wie möglich wiedergeben“, sagt Schmidt.

Auch der mittelalterliche Spießbürger Kurt Deißler setzt auf Glaubwürdigkeit. Zur Verteidigung seiner Heimatstadt dienen ihm Spieß und Schild. „Der ist natürlich Leihgabe. Als einfacher Bürger habe ich doch kaum Münzen im Beutel“, weiß Deißler Trotzdem trägt der Spießbürger im Vergleich zum Knecht das vornehmere Beinkleid. Gewandung für edles und niederes Geblüt erwirbt das Volk an den Marktständen. Auch Seltenheiten der Sarazenen und Byzantiner erfreuen den geneigten Käufer.

Otmar Eisenträger lässt seinen Blick zufrieden über die Mainwiesen schweifen. Am Montag wird er sein Wams wieder gegen Pulli oder T-Shirt tauschen und ins Jahr 2015 zurückkehren. Wenn es nach ihm ging, könnte er jedes Wochenende in einem Keltendorf Brot backen, Töpfern, Bogenschießen und Met trinken.

Genii Loci

Der Großwallstädter Verein will Kindern, Jugendlichen und Familien die Geschichte der Region näher bringen und außerdem historisches Brauchtum und Handwerk wiederbeleben. Deshalb planen die Mitglieder ein Keltendorf im Landkreis Miltenberg. Der Verein selbst wurde im März 2010 gegründet und hat seitdem mehrere historische Märkte und Ritterturniere veranstaltet. Außerdem unterstützt er Veranstaltungen wie den Kinderkulturtag oder regionale Märkten mit Auftritten. Nach eigenen Angaben ist Genii Loci die kultur- und glaubensübergreifende Gemeinschaft wichtig. Der Verein setzt sich für bleibende Werte wie Freundschaft und Familie ein.

Erschienen am 14. Juli 2015 im Main Echo 
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