Restaurantbesuch für Fortgeschrittene

Knigge-Training im Seehotel: Kursteilnehmer meistern Schwierigkeiten des guten Benehmens

Jetzt wird’s ernst: Die Teilnehmer des Knigge-Seminars im Seehotel üben gute Manieren beim Business-Dinner. Foto: Julia Preißer

Niedernberg. Die Spaghettini in Öl flutschen von der Gabel. 13 Geschäftsmänner und -frauen starren auf ihre Teller. Bei Benimm-Expertin Jutta Stephany sieht das so leicht aus. Stephany unterrichtet ihre Schützlinge heute im Business-Knigge. Nach zwei Stunden Theorie geht es an die Praxis. Im Seehotel in Niedernberg lernen die Teilnehmer während eines 4-Gänge-Menüs Tischmanieren in Perfektion.

„Knigge ist wieder in“, weiß Jutta Stephany, die aus dem Vertriebs- und Marketingbereich kommt und sich als Beraterin selbstständig gemacht hat. Gutes Benehmen sei keinesfalls spießig oder elitär, sondern zeige dem Gegenüber Respekt. Das fängt laut Expertin schon beim Styling an. „Mehr als 50 Prozent Ihrer Wirkung auf Andere wird von Ihrer äußeren Erscheinung bestimmt“, erklärt sie. Für den ersten Eindruck reichen bekannterweise wenige Sekunden.

Alle Kursteilnehmer haben sich schick gemacht. Die Männer tragen dunklen Anzug, die Frauen Kostüm, Hosenanzug, Etuikleid oder zumindest eine edle Stoffhose mit Cardigan. Auf den ersten Blick scheint alles zu passen. Doch dann stellt Jutta Stephany eine verzwickte Frage: „Wenn ein Mann einen schwarzen Anzug trägt, welche Socken zieht er an?“ Sofort fallen die Blicke der Damen auf die Füße der Herren. „Schwarze“, sagt einer der Herren selbstsicher.

„Falsch!“ Stephany lässt das Wort ein paar Sekunden im Raum nachhallen. Die Knigge-Neulinge rätseln. Da löst die Expertin die Frage auf: „Er trägt gar keine Socken, sondern Kniestrümpfe.“ Stephany zieht einen Endlosstrumpf aus ihrer Tasche. „Niemand möchte ein bleiches, behaartes Männerbein sehen“, erklärt sie. Der sogenannte „Schenkelblitzer“ ist in diversen Frauenzeitschriften schon lange ein Aufreger. Jetzt weiß Man(n) warum.

Fünf Stunden dauern Seminar und Dinner. Die Teilnehmer lernen, wer die Tür öffnet – der Herr. Wer als erstes das Restaurant betritt – die Dame. Wer auf dem Weg zum Tisch vorweg geht – wieder der Herr. Und wer zuerst Platz nimmt – natürlich die Dame. Letzteres sorgt für Schwierigkeiten, denn so einfach „hinflacken“ geht nicht.

Jutta Stephany erklärt den Damen, wie sie die Herren beim Platzieren unterstützen können. Als Versuchsperson dient die jüngste Dame des Kurses: eine 23-jährige Bürokauffrau, die bald eine Stelle als Assistentin der Geschäftsleitung antritt.

Sie wird von der Knigge-Trainerin instruiert: „Stellen Sie sich zwei Zentimeter vor die Tischkante.“ Die Dame gehorcht und der Tischherr schiebt ihr den Stuhl entgegen. „Die Dame setzt sich, stellt die Füße fünf Zentimeter vor und hebt sich etwas von der Sitzfläche an, damit der Herr den Stuhl zurechtrücken kann“, erklärt Stephany. Dieses Prozedere sei nur im Privatbereich nötig. Beim Business-Dinner platziere sich jeder selbst.

Für den nächsten Tipp holt Jutta Stephany zwei Stofftiere aus ihrer Tasche: Eine Maus und eine Katze. Die Maus wird zwischen Rücken und Stuhllehne positioniert, die Katze zwischen Bauch und Tischkante. Dies sei der ideale Sitzabstand, so die Seminarleiterin. Die Kursteilnehmer tun es der Expertin gleich und setzen sich formvollendet.

Damen wie Herren sehen sich heute mit Neuland konfrontiert: Die Clutch gehört weder auf den Tisch noch auf den Boden, sondern auf die Sitzfläche zwischen Lehne und Hintern. Bier trinkt ein Gentleman höchstens an der Bar, niemals am Platz. Mit Gläsern stößt man nur an, wenn Silvester ist und das Menü startet immer mit dem leichtesten Wein.

„Ich wusste gar nicht, dass ich so vieles nicht weiß“, gesteht ein Herr mittleren Alters während er mit den Spaghettini kämpft. Denn nur wer sich gar nicht zu helfen weiß, benutzt zum Aufwickeln einen Löffel. Die Nudeln mit dem Messer zu schneiden ist ein Fauxpas, die Gabel in die rechte Hand zu nehmen auch. Mit links rollen ist leider nicht so leicht. Das geht den meisten so: Am Ende des Gangs bleiben einige Spaghettini auf den Tellern zurück.

Freiherr von Knigge:

Das Buch „Über den Umgang mit Menschen“ (1788) machte den Schriftsteller und Aufklärer Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge berühmt. Irrtümlicherweise wurde dieses Buch später als Benimmbuch missverstanden. Ursprünglich schrieb es Knigge aber als Aufklärungsschrift für Taktgefühl und Höflichkeit im Umgang mit den Generationen, Berufen und Charakteren. Nach Knigges Tod im Jahr 1769 erweiterte sein Verlag das Werk um Benimmregeln. Etwa alle zehn Jahre erschien eine neue Ausgabe – hauptsächlich mit Kleidungsregeln. Heute gibt der „Knigge“ meist Hinweise über Tischmanieren und gesellschaftliche Konventionen. Der Nachfahre Moritz Freiherr Knigge veröffentlichte 2004 eine moderne Fassung unter dem Titel „Spielregeln. Wir wir miteinander umgehen sollten“.

Erschienen am 14. Januar 2015 im Main Echo 
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