Zehn Stelen und ein Barockaltar

Wörther Friedhof: Restaurierte Martinskapelle wird zur letzten Ruhestätte – Stelen aus Stahl und Glas bieten Platz für bis zu 150 Urnen

Das Innere der Martinskapelle: Die mit satiniertem Glas verkleideten Stelen geben den Blick auf den restaurierten Altar frei. Foto: Julia Preißer

Wörth. Eine besondere letzte Ruhestätte bietet künftig der Friedhof am nördlichen Stadtausgang. Die Stadt hat die dortige Martinskapelle restaurieren und zu einem Kolumbarium umbauen lassen. Am Karfreitag weihte Bürgermeister Andreas Fath das Kolumbarium offiziell ein. Die Segnung übernahmen die Wörther Pfarrer Wolfgang Schultheis und Hannes Wagner. Für eine angemessene Umrahmung sorgte der örtliche Musikverein.

Zehn Stelen befinden sich nun im Innenraum der Kapelle. Jede Stele bietet fünf Kammern in der wiederum bis zu drei Urnen untergebracht werden können. Verkleidet sind die Stelen mit satiniertem Glas, das den Blick auf die Urnen schemenhaft freigibt. Die schräge Aufstellung ermöglicht es den Besuchern, vom Eingang aus direkt auf die Schrifttafel zu schauen.

„Es war für mich eine große Herausforderung, ein Kolumbarium in diesem historischen Raum zu installieren und noch Durchblick zur Raumschale zu gewährleisten“, sagte der Klingenberger Architekt Helmut Becker am Freitag. Erste Pläne seien verworfen worden, da man die Wände nicht schrankartig hatte zustellen wollen. Deshalb habe man sich letztendlich für Einzelstelen anstelle von Wandnischen entschieden.

Bürgermeister Andreas Fath nannte die Leistung des Architekten „wahrlich beeindruckend. Sie haben mit Begeisterung, Leidenschaft und Vision agiert!“ Ziel sei es gewesen, Kapelle und Kolumbarium so zu kombinieren, dass beide harmonieren, aber trotzdem eigenständig erkennbar bleiben. 56000 Euro hat das Kolumbarium gekostet. Weitere 74000 Euro investierte die Stadt in die Restaurierung der Martinskapelle.

Der barocke Altar war vom Holzschädling befallen und musste deshalb begast werden. Verzinkte Stahlfenster ersetzen die alten Holzfenster. Der Bodenbelag wurde ausgebaut und mit neuem Unterbau verlegt. Weitere Modernisierungsmaßnahmen sind die zeitgenössische Eingangstür mit elektrischem Türöffner, das neu gestrichene und fluatierte Kreuzrippengewölbe und die renovierten Sandsteinrippen.

Restaurator Christoph Schädel hat den Altar nach der Begasung neu gefasst und teilweise vergoldet. Für den Tabernakel will die Stadt nun ein Kreuz anfertigen lassen. Dazu stellte Bürgermeister Andreas Fath am Freitag eine Spendenbox auf. Altbürgermeister Erwin Dotzel hatte anlässlich seines 60. Geburtstags bereits ein Spendenkonto für die Martinskapelle eingerichtet. Außerdem erhielt die Stadt einen Zuschuss von der Unterfränkischen Kulturstiftung.

Der Martinskapelle kommt in Wörth eine besondere Bedeutung zu. Sie ist letzter Zeuge einer Vorgängersiedlung, die später an den Main verlagert wurde und die Keimzelle der Schifferstadt bildet. Gleichzeitig ist sie der letzte bestehende Gebäudeteil der gotischen St.-Martinskirche, die lange Zeit das kirchliche Zentrum für den südwestlichen Spessart und Teile des Odenwalds war. 1789 baute man das Langhaus der St.-Martinskirche ab und nutzte den verbliebene Chorraum als Friedhofskapelle.

Nun soll die Kapelle durch das erste Kolumbarium im Landkreis wieder an Bedeutung gewinnen. Der Urnenplatz kostet rund 1700 Euro auf die Dauer von 15 Jahren. Die Angehörigen sparen sich im Vergleich zu einem Urnengrab den Pflegeaufwand. Kolumbarien entstanden vermutlich im antiken Rom. Sklaven und Bedienstete konnten so kostengünstig bestattet werden. Aber auch freie Bürger, denen das Geld für eine eigene Grabstelle fehlte, erwarben einen Platz im Kolumbarium.

Erschienen am 7. April 2015 im Main Echo 
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