Kraftakte im Krempelparadies

Haushaltsauflösung: Entrümplerin Ruth Lorenz findet in verlassenen Wohnungen Raritäten - das ruft Schnäppchenjäger auf den Plan

Arme Küche: Ihr geht es mit Axt und Nageleisen an den Kragen. Foto: Julia Preißer

Miltenberg. Die Kuriositätenjäger sind zu früh. Eine halbe Stunde vor Flohmarktbeginn scharen sie sich um die Haustüre. Jeder will der erste sein. “Heute gibt es einiges von Wert”, weiß Entrümplerin Ruth Lorenz. “Der Besitzer war ein Sammler”. Lorenz und ihre Arbeitskollegen müssen das 200 Quadratmeter Haus besenrein übergeben. Zwei Tage soll die Entrümpelung dauern. Den ersten Teil der Arbeit übernehmen Schnäppchenjäger.

Die Entrümplerin öffnet und der Pulk stürmt das Haus. Schwarmartig zieht es die meisten geradeaus ins Wohnzimmer. Hier sorgt das Gebiss eines waschechten Hais für Aufregung. “Wie kommt man denn an so etwas?”, fragt jemand. Ein Nachbar - ebenfalls auf der Jagd nach Exotischem - klärt auf: “Der ist viel gereist, bestimmt ein Mitbringsel.”

Ob der Besitzer des Vorstadthäuschens nebst Haifischen auch Kriegswerkzeug und -montur mochte? Davon zeugen zumindest die Harpune in der Ecke, das Gemälde heroischer Kriegsherren, der Wälzer über Hieb- und Stichwaffen, und das Nachschlagewerk “Preußische Uniformen”. Nun lebt er im Seniorenheim und dort ist kein Platz für Waffen und Militärliteratur.

Zwischen Haifischzähnen und Harpune stapeln sich Hermelin, Marder, Eichelhäher, Fasan, Eichhörnchen und ein Kugelfisch. “Ausgestopfte Tiere hatte früher jeder zweite. Heute sind sie für Käufer meist uninteressant”, sagt Lorenz. Sie muss es wissen, denn seit ihrer Firmengründung in Miltenberg vor neun Jahren hat sie hunderte Häuser, Wohnungen und Geschäftsräume entmüllt. Sie ist die Königin des Krempels. Vor kurzem überreichte sie das Zepter der Unternehmensleitung an ihre Tochter.

Wenn Lorenz arbeitet, taucht sie in die Lebensgeschichte ihrer Kunden ein. Manchmal tiefer, als ihr lieb ist. Bei einem Pathologen in Würzburg fand das Team zwei menschliche Schädel - versteckt im Karton für das Kopierpapier. “Die dienten wohl Übungszwecken”, schätzt die resolute 57-Jährige . Ein andermal stieß sie auf zwei Kriegswaffen: Eine Handgranate - scharf. Und ein Artilleriegeschütz.

Harmlose Funde nimmt Lorenz gern selbst mit nach Hause. Am liebsten sammelt sie Wackelfiguren aus ihrer Kindheit. Heute kann sie nichts aufstöbern. Dafür läuft das Geschäft gut. Für Sammlerstücke zahlt man gerne etwas mehr. Das originalverpackte Barbiepuppen Ensemble aus den 1990ern wechselt für einige hundert Euro den Besitzer. Und auch die 100-köpfige Zinnsoldaten-Armee wird bei einem neuen Eigentümer Stellung beziehen.

Kurz nach Mittag zieht der Schwarm wieder ab. Der Kugelfisch ging übern Tisch, das Haigebiss ist noch da. Ein paar vergessene Zinnsoldaten stehen im Wohnzimmerschrank neben dem 1895er Brockhaus Konversationslexikon in Altdeutsch.

Am zweiten Tag der Hausentrümpelung geht es den Möbeln an den Kragen. Die müssen natürlich leer sein. Pralle Müllsäcke stapeln sich deswegen vor dem Eingang und auf dem Balkon. “Vorsicht!”, ruft es von oben und ein letzter vollbepackter Sack mit Altkleidern kugelt die Treppe hinab. Was verwertet werden kann, wandert zur Caritas, alles andere fliegt in die Mulden. Aus der Schuttmulde vor der Tür staubt es.

Drinnen riecht man den Schweiß harter Arbeit. Mit Nageleisen, Hammer und reiner Muskelkraft rücken die Arbeiter der Küche zu Leibe. Die ist momentan Gefahrenzone Nummer eins, denn mit jedem Schlag auf das Hängeregal sausen Splitter durch den Raum. Irgendwann kracht alles auf die Küchenplatte. Das Ende eines Regales, dass 40 Jahre standhaft an der Wand hing. Für die Arbeiter geht es jetzt in die Kaffeepause. Danach wird bis zum Abend weiter gewerkelt.

Übrigens

103 Milliarden Euro schlummern in deutschen Haushalten. Dies ergab eine aktuelle TNS-Studie im Auftrag von Ebay. Geschätzter Gesamtwert pro Haushalt: 3.223 Euro.

Erschienen am 15. August 2017 im Main Echo 
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