Wie Haare in den Kuhmagen kommen

Schulmilchtag: Grundschüler erforschen schmackhafte Geheimnisse von Milchbauer Neuberger

Zietzen-Ziehen: Die Viertklässler der Miltenberger Grundschule versuchen sich bei Melken einer Attrappe – gar nicht so einfach! Foto: Julia Preißer

Miltenberg-Berndiel. Kühe sollen etwas mit Harry Potter gemein haben? Die Kinder sind unschlüssig, ob sie dem Gesagten Glauben schenken sollen. Den jungen Zauberlehrling kennen die meisten, mit Kühen in live hat normalerweise fast niemand zu tun. Doch was Fachmann Eberhard Heider auf dem Weltschulmilchtag erzählt, klingt logisch. Deshalb sperren die Kinder Augen und Ohren auf und lassen sich überzeugen …

Die Viertklässler der Miltenberger Grundschule besuchen den Milchbauernhof von Landwirt Hartmut Neuberger in Berndiel. 140 Kühe sind hier zuhause und haben heute ihren großen Auftritt. Denn die Kinder sollen erfahren, wie man melkt, was Kühe fressen, um groß und stark zu werden, und warum Milch so gesund ist. Fünf Stationen bieten Milchwirtschaft hautnah – ein bisschen Theorie aber auch viel Praxis.

Bereichsleiter Harald Blankart vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Karlstadt organisiert den regionalen Schulmilchtag einmal pro Jahr. „Kinder sollen frühzeitig verstehen, was Landwirtschaft ist, und dass Kühe nicht lila sind“, sagt er. Zwar werde das Thema auch im Unterricht besprochen, trotzdem bleibe beim Besuch vor Ort mehr hängen.

Damit die Kids heute eine bleibende Erfahrung machen, hat sich der Organisator einiges einfallen lassen. Vor dem Stall erklären zwei seiner Mitarbeiterinnen, welche Nährstoffe die Milch liefert und was der Unterschied zwischen Vollmilch und fettarmer Milch ist. Weil Schleckermäulchen gerne schnabulieren, dürfen die Kinder beide Sorten testen. „Vollmilch schmeckt süßer“, stellt Sinia Tutzer (9) fest und resümiert: „Ich mag trotzdem die andere Milch lieber.“

„Welche Vorlieben Kinder haben, hängt von ihrer Gewohnheit ab“, weiß Katharina Graf vom Fachbereich Bildung. Sinia erzählt, dass sie daheim auch meist fettarme Milch oder Magermilch trinkt. Jedes Produkt habe seinen Vorteil, so Graf. Vollmilch sei zwar fettreicher, enthalte aber dafür etwas mehr Vitamin A, E und D. Der Kalziumgehalt sei bei beiden gleich. Die Grundschüler erfahren, dass sie etwa 900 Milligramm Kalzium pro Tag brauchen. Das entspricht rund dreieinhalb Gläsern Milch.

Wie die weiße Flüssigkeit vom Euter ins Glas kommt, lernen die Kinder im hofeigenen Melkkarussel. Die rotierende Plattform bietet neuste Technik, beste Hygiene und Platz für 24 Tiere. Rund eineinhalb Stunden dauert es, alle 140 Kühe der Neubergers hier durchzuschleusen. Würde die Familie mit der Hand melken, benötigte allein eine Kuh einen Zeitaufwand von fünf bis zehn Minuten – für die Neubergers nicht vorstellbar. Schon jetzt haben die Landwirte einen Zehn-Stunden-Tag.

Inzwischen hat sich Schulamtsdirektor Engelbert Schmid zu den Kindern gesellt. Landwirtin Angelika Neuberger erklärt gerade, warum Milch keimfrei bleiben muss. Die Schüler hören andächtig zu – ein Fragezeichen schwebt über den Köpfen. Schmid hat's bemerkt. „Keime? Was sind denn Keime?“, fragt er seine Schützlinge. Schweigen. Keiner weiß die Antwort, denn das fremde Wort wird im Schulalltag selten benutzt. Neuberger und Schmid erklären es kindgerecht: „Die machen die Milch giftig.“

Neues lernen heute nicht nur die Schüler. Auch Schulamtsdirektor Schmid und Bürgermeister Helmut Demel, die dem Trupp folgen, sammeln Erfahrungen. Zum Beispiel die, dass das Melken mit der Hand eine Sisyphusarbeit ist, die viel Übung braucht. An der Attrappe dürfen Klein und Groß das Zitzen-Ziehen üben. Mehr als einen kleinen Spritzer schafft keiner.

Am meisten beeindruckt geben sich Kinder und Erwachsene jedoch beim Stand von Eberhard Heider, der im Stall Zauberhaftes zu erzählen hat. In der Hand hält Heider einen vermeintlichen Stein – blank poliert und faustgroß. Zauberlehrling Harry Potter wusste einen solchen zu schätzen und stopfte ihn als Heilmittel seinem vergifteten Freund Ron in den Hals. Um die wundersame Wirkung des sogenannten Bezoars ranken sich seit jeher zahlreiche Mythen.

Eigentlich sind Bezoare aber nur unverdauliche Haare, die sich im Pansen, einem der drei Vormägen einer Kuh, verkrusten und zu Kugeln formen. Doch was machen die Haare im Kuhmagen? Heider erklärt: „Wenn eine Kuh unter Salzmangel leidet, leckt sie das Salz vom Fell ihrer Nachbarkuh. Dadurch frisst sie notgedrungen ein paar Haare.“ Verständnisvoll nicken Lehrer und Schüler im Gleichklang. Heute sind alle ein gutes Stück schlauer geworden.

Milchwirtschaft in Berndiel

Die Familie um Landwirt Hartmut Neuberger bezieht ihren Hauptverdienst aus dem Milchverkauf und dem Verkauf von männlichen Kälbchen zur Mast. 140 Kühe leben im Schnitt auf dem Berndieler Hof, der zu den größten Milchbetrieben im Landkreis gehört. Jede Kuh gebiert ein – manchmal auch zwei – Kälbchen pro Jahr. Somit erblicken in Berndiel jedes Jahr etwa 150 bis 160 Rinder das Licht der Welt. Eine Kuh kann pro Tag 20 Personen mit Milch versorgen – das sind 800 Liter Milch, die sie pro Jahr gibt. Für die Neubergers sind Maschinen wie das Melkkarussell ein Segen. Elektronische Melkmaschinen werden seit Beginn des 20. Jahrhunderts eingesetzt. Im Laufe der Zeit etablierten sich weitere wichtige Gerätschaften wie die Buttermaschine und der Gährdrucktank.

Erschienen am 26. September 2014 im Main Echo 
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