Intime Emotionen und was den Menschen eigentlich ausmacht

Kunst: Ausstellung “Skulptur und Malerei” in der Kochsmühle stellt den Menschen in den Mittelpunkt

Fügt sich in das Gewölbe der Kochsmühle. Andreas Rimpels Skulptur »Am Boden«. Im Hintergrund »Rad des Lebens« von Joachim Weissenberger. Foto: Julia Preißer

Obernburg. Farbintensive, ausdrucksstarke Malerei vereint mit düsteren, menschlichen Skulpturen, aus denen pure Verzweiflung spricht: Die Künstler Joachim Weissenberger und Andreas Rimpel stellen in der Obernburger Kochsmühle Gegensätzliches aus. Rund 80 Gäste konnten die Werke bei der Vernissage am Freitagabend in Augenschein nehmen.

Rimpels Skulpturen spiegeln Betroffenheit und Hoffnungslosigkeit: Ein schreiender Mund, eine verkrampfte Hand, gerauftes Haar. “Je älter ich werde, um so mehr beschäftigen mich Menschen in Ausnahmesituationen”, sagt er. “Ich möchte dazu sensibilisieren, genau hinzuschauen, Lösungen zu suchen. Obwohl mir für manche Probleme selbst die Antwort fehlt.”

Die Bronzeskulptur mit dem Titel “Hilfe” erinnert ein wenig an eine Figur aus Picassos Guernica. Wie dessen weltberühmtes Bild lassen sich auch Rimpels Werke thematisch dem Kubismus zuordnen, erinnern aber auch an den Stil des frühen Bauhaus. Ein Stil, der bewusst gewählt ist: “Ich will mich abwenden von schön geformten Skulpturen und wunderbaren Körpern. Das interessiert mich einfach nicht”, so Rimpel.

Der Wirkmächtigkeit der Skulpturen dient auch das Material, aus dem sie geschaffen sind. Der Künstler arbeitet mit Beton oder Holz. Die fertige Skulptur wird in einer Niedernberger Eisengießerei mit Bronze oder Eisen nachgegossen. Der aufmerksame Beobachter erkennt den grobporigen Beton, der die Skulptur finster wirken lässt - oder die feine Maserung des Holzes.

Das Unerklärliche ist indes Bestandteil der Kunst von Joachim Weissenberger. Die Frage: “Was hat sich der Künstler bei diesem Werk gedacht?” wird hinfällig. Weissenberger beherrscht das Spiel der Assoziation: Aus Kringeln und Kreisen entstehen erste Formen, aus Formen wiederum Gegenständliches: Füße, Hände, ein Krug, eine Krone, ein Boot - Symbole, die sich in seinen Werken gehäuft finden.

Weissenberger malt experimentell. In “Versuch die Dinge zu ordnen” zeigt er das nebulöse Chaos, das Obsessive im Kopf eines zwanghaften Menschen. Ölfarbe und Ölkreide bilden übereinander verschiedene Ebenen. Mit einem Stahlwolleschwamm kratzt Weissenberger die obere Schicht auf, schafft Lichtstellen und wässrige Linien.

Immer wieder finden sich Menschen in seinen Werken: Zwei Frauen mit Haaren aus Blättern in “Nachtsee”, ein entblößter Mann und seine schwangere Frau gefangen im “Rad des Lebens”. Der Mensch in Interaktion mit Umwelt und Natur ist Thema in den meisten Malereien des Obernburger Künstlers.

Und da wiederum schließt sich der Kreis zu Andreas Rimpel und man stellt fest, dass es neben Gegensätzlichem auch Gemeinsamkeiten gibt: Menschen im Mittelpunkt, intime Emotionen, die Frage, was Menschsein ausmacht.

Zur Person: Joachim Weissenberger und Andreas Rimpel

Der Obernburger Joachim Weissenberger (Jahrgang 1965) studierte an der Hochschule für Kunst und Medien in Hannover. 2010 war er Preisträger des Kunstwettbewerbs der Berliner Galerie Diana Achtzig. Er stellte mehrfach regional und überregional aus. Neben der Kunst verdient er sein Geld als Verkaufsleiter in einem Unternehmen der grafischen Industrie. Der Aschaffenburger Andreas Rimpel (Jahrgang 1957) arbeitete als Industriemeister Metall und erfolgreicher Kupplungshersteller mit eigener Firma. Seit 2011 widmet er sich ganz der Kunst. Sein größter Erfolg war eine Ausstellung im Rahmen der Biennale 2017 im Palazzo Mora in Venedig neben Weltkünstlern wie Markus Lüpertz und Yoko Ono.

Erschienen am 22. Mai 2018 im Main Echo 
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