»Jeder Fehler, der möglich ist, wird gemacht«

Ralf Hofmann: der 50-jährige Merkmeister aus Niedernberg zeigt Kindern und Eltern, wie man effektiv lernt – Nicht zu schnell aufgeben

Fit wie eine Speicherkarte: Merkmeister Ralf Hofmann kann sich auch schwierigen Stoff merken. Foto: Julia Preißer

Niedernberg. Als Kind litt Ralf Hofmann selbst unter Lernschwierigkeiten und konnte sich die Englisch Vokabeln nur schwer einprägen. In der Oberstufe halfen ihm Lerntechniken zu einem guten Abitur. Der heute 50-Jährige hat sich nach einer Karriere als Banker und Unternehmensberater als “Merkmeister” selbstständig gemacht. Er zeigt Kindern, wie man effektiv lernt und hält Elternabende zum Thema Kommunikation. Im Main Echo Gespräch erklärt der verheiratete Vater von drei Söhnen, wie Eltern und Schüler mit Fehlern umgehen und daran wachsen können.

Sie nennen sich selbst Merkmeister und beschäftigen sich mit Fehlervermeidung: Wie passt das zusammen?
Ich halte sehr viele Elternabende, arbeite häufig mit Kindern und führe Gespräche mit Eltern und Lehrern. Dabei stelle ich fest, dass fast überall ein falscher Umgang mit Fehlern herrscht. Die Wissenschaft ist sich einig: Ein Lernen ohne Fehler gibt es nicht. Jeder Fehler, der möglich ist, wird gemacht. In den Schulen sagt man den Kindern: Du darfst so viele Fehler machen, wie du willst.

Und das stimmt?
Das Kind lernt eine andere Wahrheit. Wenn es sich umschaut, stellt es fest: Fehler sind in unserer Leistungsgesellschaft verboten. Wer einen Fehler macht, wird in Deutschland bloßgestellt. Die Kommentatoren der Sportschau analysieren nicht, welcher Fußballspieler taktisch gut stand, sondern wer den Pass versemmelt hat - mit Wiederholung in Zeitlupe.

Keine Kultur der Fehlertoleranz.
Das stimmt. Sobald man jemandem sagt: Du hast einen Fehler gemacht, baut er eine Mauer auf. Ab dem Zeitpunkt werden sich beide nur über Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen und Ausreden unterhalten. Man lernt heute nicht mehr, wie man mit Fehlern umgeht. Beim Jonglieren habe ich schnell aufgegeben und gesagt: Das kann ich nicht. Die Anfängerfehler die wir machen, demotivieren uns. Viele versuchen gar nicht erst an den Start zu gehen, weil sie Angst haben, einen Fehler zu machen.

Wie kann ich mein Kind trotzdem motivieren?
Ich sage den Eltern: Sprecht nicht über Fehler, sondern fragt, wo etwas fehlt. Und vor allem: Fragt nicht, warum. Wer ein Kind fragt: “Warum hast du dieses Wort falsch geschrieben?”, erhält als Antwort höchstens ein “Darum”. Das Kind kann sich nicht besser ausdrücken. Frage ich hindes “Was hat gefehlt?”, wird das Kind mit mir an einer Lösung arbeiten.

Und wie gehe ich mit eigenen Fehlern um?
Ich habe selbst einmal einen Fehler gemacht, der mich lange verfolgt hat. In jungen Jahren bot ich einem Vorgesetzten das “Du” an. Der meinte dann: “Herr Hofmann, das geht gar nicht.” Damit war die Sache eigentlich erledigt - eine Lappalie. Aber ich konnte abends im Bett an nichts anderes mehr denken, habe mir die Situation in schwärzesten Farben ausgemalt.

Die guten Dinge vergisst man also, das Schlechte bleibt im Gedächtnis?
Es ist so: Je länger ein negatives Erlebnis her ist, und je weniger ich es verarbeitet habe, umso größer wird das Ganze. Mein Negativerlebnis hat mich fast 25 Jahre verfolgt. Immer wenn ich neue Menschen kennenlernte, hatte ich Angst, dass sie mich als Person ablehnen.

Muss man dieser Angst mit Sachlichkeit begegnen?
Das habe ich getan. Ich habe mir Fachliteratur besorgt. Die ist in Deutschland kaum zu finden, da wird das Thema totgeschwiegen. Die wenige Literatur, die es gibt, ist für Firmen gedacht. Für den privaten Umgang mit dem Fehler gibt es kaum Tipps. Da wollte ich ansetzen und habe Seminare für Eltern gehalten. Dabei konnte ich selbst viel lernen und schließlich leichter loslassen.

Haben Sie auch Tipps, wie man Fehler vermeiden kann?
Viele Fehler entstehen durch unklare Kommunikation. Wir sagen nicht, was wir genau wollen. Sondern eher das, was wir nicht wollen. Beispiel: Mein Kind fährt auf dem Fahrrad vor mir her. Wenn ich sage: “Fahre nicht über die Kreuzung!”, dann fährt es darüber.

Warum ist das so?
Ich nenne es das “Lemming-Prinzip”. Wir laufen direkt in die Falle, wenn wir uns auf den Fehler fixieren. Ich bewege mich immer dahin, wo ich mein Augenmerk richte. Also muss ich positiv kommunizieren: “Bleibe bitte stehen!” Jeder kann seine eigene Kommunikation beobachten, um Fehler zu vermeiden.

Was ist Ihr größter Fehler?
(lacht) Ich habe auch noch Nachholbedarf beim Thema Kommunikation, denn ich kommuniziere oft zu wenig mit meiner Frau. Aber keiner ist perfekt!

Erschienen am 3. Januar 2018 im Main Echo 
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