Flinke Flossen und neckische Nixen

Mermaiding: Bei den Erlenbacher Ferienspielen lernen Arielles, wie man als Meerjungfrau taucht und schnorchelt

Schwimmt da eine Meerjungfrau durchs Freibad? Die Badegäste rätseln, ob der Flosse, die aus dem Wasser ragt. Foto: Julia Preißer

Erlenbach. Der Fischschwanz klebt auf der Haut und nimmt den Beinen die Beweglichkeit. Beim Mermaiding im Erlenbacher Freibad vergisst man, wie es ist, als Mensch zu schwimmen. Mit acht Kindern gehe ich heute auf Tauchkurs. Das Mermaiding ist Teil der Ferienspiele. Kleine Arielles in spe lernen hier, wie eine Meerjungfrau durchs Wasser zu gleiten.

Lektion eins: Die Verwandlung. Ich sitze auf der Überlaufrinne und inspiziere, was vor mir liegt. Der Fischschwanz aus dem Stoff eines Badeanzugs mit aufgedruckten Schuppen glänzt in neonpink. Am unteren Ende findet die Plastikflosse ihren Platz, zwei Fußtaschen aus Gummi sorgen für Halt.

Wir quetschen uns in den Fischschwanz wie in eine zu enge Strumpfhose: Schwanz rollen, mit den Füßen hineinschlüpfen, hochziehen. An Land fühlen wir uns nun wie Fische ohne Wasser. Man robbt sich auf dem Hintern vorwärts, die Arme als Stütze. Steffi Konrad von der Schwimmschule Natare aus Aschaffenburg will in einer Stunde aus kleinen Wasserratten Meerjungfrauen machen.

Konrad ist Profinixe. Die Idee, angehende Meerjungfrauen zu coachen, kam ihr durch ihre Tochter. Die war begeisterter Nixenfan und wollte das Mermaiding einmal ausprobieren. “Wir haben das Internet nach Trainingsorten durchforstet und mussten bis nach Darmstadt fahren”, erzählt Konrad. “Das war zu stressig.”

Da Konrad selbst eine Schwimmschule leitet, fügte sich eines ins andere. Seit einigen Jahren bietet sie nun im Vitamar in Kleinostheim regelmäßig Mermaiding-Kurse an.

Bevor ein Kind in die Monoflosse schlüpfen darf, muss es fünf Jahre alt sein und sein Seepferdchen bestanden haben - also ohne fremde Hilfe schwimmen können. “Die Flosse wird unter Wasser schwer”, warnt Konrad die Kids. Damit auch die jüngsten - sechsjährig - mitschwimmen können, hat die Nixe Miniflossen im Gepäck.

Tritons Töchter wagen sich nun ins Nass. Zunächst darf die Flossenspitze vorfühlen. Die Mütter stehen nebenan und lächeln Mut zu. Schwimmbadgäste machen Fotos. Dann gleiten wir hinein. “Fühlt sich an, als hätte man sich in die Hose gemacht”, kommentiert ein Mädchen den nassen Stoff auf den zugeschnürten Beinen.

“Flossen tragen nicht allzu weit”, singt Disneys Arielle in meinem Kopf, während ich unter Wasser zappelnd versuche, vorwärts zu kommen. Zehn Jahre Schwimmtraining im Verein helfen mir hier nicht weiter. Nach drei Meter Streckentauchen bin ich erschöpft, treibe an die Oberfläche, strande am Beckenrand.

Bei den Kleinen sieht alles einfach aus. “Ein bisschen schwer find ich es auch”, besänftigt mich Dana (9), aber Freundin Charlotte (9) hält dagegen: “Find ich gar nicht!” Steffi Konrad gibt mir den entscheidenden Tipp: “Man muss die Bewegung mit dem ganzen Körper mitmachen. Und das Gesicht gehört während der Schwimmzüge ins Wasser, damit der Rücken nicht steif wird.” Konrad empfiehlt auch, die Luft vor dem Tauchen auszuatmen. So ist man im Wasser leichter. Ich halte mich an die Regeln und komme langsam vorwärts.

Bei der ersten Unterwasserdrehung werde ich schließlich sentimental. Hach...! Kleinmädchenträume leben. Sich daran erinnern, dass man früher auch immer Arielle sein wollte - mit Wallemähne und Sirenengesang.

Einen kleinen Meermann im Team gibt es auch. Jonas kümmert es nicht, dass er der einzige Junge ist. Ruhig zieht er seine Bahnen. “Jungs sind selten”, sagt Profinixe Steffi Konrad und überlegt: “In zwei Jahren Training hatte ich drei Jungs und ungefähr 250 Mädchen.” Für Training bleibt heute nicht viel Zeit. Es wird mehr geplantscht, als geübt.

Meine Haare sind mittlerweile verknoddelt und in den Augen brennt das Chlor. Wenn ich rede, dann nasal mit Wasser in der Nixennase. “Drum wünsch ich mir: Ein Mensch zu sein!”, trällert Arielle im Film. Die Mädchen im echten Leben wollen lieber Nixe bleiben. Doch der Kurs ist vorbei und der Hunger lockt die Wasserratten an Land. Pommes am Kiosk zu ordern ist einfacher, als Fische fangen.

Ich reiche die Monoflosse zurück an Steffi Konrad und gehe die Knoddel aus meinen Haaren waschen. Das Antischuppenshampoo wischt den letzten Rest Meerjungfrau weg. Ich bin wieder ein Mensch.

Hintergrund: Mermaiding

Die Trendsportart Mermaiding (zu deutsch: Meerjungfrauenschwimmen) schwappte vor einigen Jahren aus den USA nach Deutschland. Mittlerweile messen sich Meerjungfrauen national und international auf Wettkämpfen. Im Ottilienbad in Suhl findet am 22. September die Deutsche Meisterschaft mit 200 Teilnehmerinnen ab acht Jahren statt. Wer die Distanzen 50 und 100 Meter für sich ausmacht, gilt als Deutschlands flotteste Nixe. Die schönsten Nixen wiederum werden dieses Jahr in Ägypten geehrt. Dort veranstaltet die World Mermaid Association gleichzeitig die Deutsche und die Weltmeisterschaft. Neben einer guten Figur und eindrucksvollen Unterwasserposen muss Miss Mermaid auch sicher schnorcheln können. Internationale Bekanntheit durch Meisterschaften erlangte die 33-jährige Hannoveranerin Katrin Gray. Sie verdingt sich heute als Unterwassermodel und Buchautorin.

Erschienen am 11. August 2018 im Main Echo 
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