Täglich 20 Stunden Musik auf hoher See

Metal-Fieber in Sulzbach: Fünf Musiker lassen extreme Kreuzfahrt in der Karibik Revue passieren

Metal im heimischen Wohnzimmer: Harald Hein (links) und Paul Klement von der Sulzbacher Band Radioattack konnten auf einer Metal-Kreuzfahrt abrocken – diesmal noch als Zuschauer. Wieder zurück präsentieren sie eine Fotoschau. Foto: Julia Preißer

Sulzbach. Fünf Tage, vier Bühnen, 70 Nationen und 3600 Menschen im Ausnahmezustand. Eine Gruppe Sulzbacher Musikbegeisterter hat erlebt, wovon andere träumen – für manche Menschen süße Wunschvorstellung, für andere ein Albtraum.

Paul Klement, Harald Hein, Sabine, Joachim und Werner Eisenträger waren vom 22. bis zum 26. Januar Teil der größten Metal-Party der Welt. Die pulsierte noch dazu auf einem der größten Kreuzfahrtschiffe der Welt. Der Gigant „Liberty of the Seas“ – 339 Meter lang, 39 Meter breit und 18 Decks hoch – stach im sonnigen Miami in See. An Bord 60 Bands und mehr als 3000 Metal-Freaks die alle nur eines wollten: feiern!

„70000 Tons of Metal“ heißt die Party, die alles übertrifft, was Fans der Szene kennen. Nix Hamburg Metal Dayz, nix Wacken Open Air! Wer den besonderen Kick sucht, der lichtet den Anker und shippt von Florida nach Brasilien. Inmitten des endlosen Ozeans hören nur diejenigen die Musik, die darauf Bock haben. Keine nervenden Nachbarn, die sich über lauten Bass, extreme Gitarrenriffs und grölende Headbanger beschweren.

„Wer da mitfährt, ist total durchgeknallt“ resümiert Paul Klement knapp zwei Wochen später im heimischen Wohnzimmer. Die Fünf trinken Kaffee, essen Apfelkuchen und schauen sich mit Beamer und Leinwand Erinnerungsfotos an. „Hier geht’s los“ sagt Klement und deutet auf ein Bild, das die Truppe am Hafen zeigt. Breit lächeln sie in die Kamera, die Hände formen die typische „Pommesgabel“, den Teufelsgruß – ironisch natürlich. Fit schauen sie aus. Noch.

Nach der ersten durchfeierten Nacht blicken die Gesichter am morgendlichen Frühstückstisch schon etwas müder drein. Doch dank Sonne satt und Party am Oberdeck kaschiert eine zarte Bräune die dunklen Ringe unter den Augen. 20 Stunden dauert die Party – täglich. Los geht’s morgens um zehn, Zapfenstreich ist um sechs, wenn die ersten Strahlen der Karibiksonne den neuen Tag willkommen heißen.

„Fünf Tage und vier Nächte – länger hätten wir auch nicht durchgehalten“ lacht Paul Klement kopfschüttelnd. Für glasig-müde Augen und erhitzte Gesichter braucht es bei der Metal-Kreuzfahrt keinen Alkohol. So richtig betrunken waren sie nie, sagen die Partylöwen. „Höchstens mal ein Bier. Wir wollten ja wach bleiben, wollten feiern und die Musik genießen“, sagt Klement und erntet Zustimmung.

Es folgen Bilder von der Party an Deck – heiße Mädels im Whirlpool, langhaarige Jungs hüpfend vor der Bühne, die Hände mit der „Pommesgabel“ nach oben gereckt. Auf der Bühne Bands in Lederkluft mit schräg aussehenden E-Gitarren und monströsen Schlagzeugen. Wer mehr trägt als Bikini oder Badehose, trägt schwarz. Ausschließlich. Farben finden sich auf dem Haupthaar und dem Körper. Manche Körper sind gänzlich tätowiert aber ohne geht auch und ist nicht selten.

Metaler sind keine Außerirdischen. Die Fünf aus Sulzbach tragen im Wohnzimmer zivil – ganz normale Klamotten wie eine Trainingsjacke oder ein Hemd. Nur der tätowierte Totenkopf auf dem Unterarm von Harald Hein erinnert an seinen Musikgeschmack. Im Alltag arbeitet Hein bei der Firma Linde im Betriebsrat, gemeinsam mit Paul Klement. Ihre Begeisterung für Metal teilen die beiden in ihrer Freizeit. Seit fast 20 Jahren machen sie Musik, haben gemeinsam die Band Radioattack gegründet.

„Metal ist einfach grundehrliche Musik. Das musikalisch Höchste, was geht“, sagt Klement und Hein ergänzt: „Mich reizt der Sound, auch das Brachiale daran.“ „Das ist eben handgemachte Musik“, findet der älteste im Bund, der 64-jährige Werner Eisenträger. Er war in diesem Jahr bereits zum vierten Mal auf dem Metal-Schiff. Seine erste Karte hat er sich zum 60. Geburtstag gewünscht und die anderen mit seiner Begeisterung infiziert.

Am besten finden alle fünf die Nähe zu den Stars. Bandmitglieder von Blind Guardian, Arch Enemy und In Extremo spazieren eben mal an Deck entlang, sitzen nebenan im Whirlpool oder trinken ein Bierchen an der Bar. VIP-Bereiche gibt es nicht. Die Metaler aus Sulzbacher wollen nächstes Jahr wieder los. Garantiert. Die Kartenschlacht geht bereits in die Vollen. Schon Monate zuvor ist die Party ausgebucht.

Paul Klement und Harald Hein hoffen, irgendwann mal als Musiker dabei sein zu dürfen. Konzertveranstalter Andy Piller hat den beiden bereits Hoffnung gemacht. Eine Band aus Sulzbach wäre dann Stimmungskracher auf der größten Metal-Party der Welt.

Die Band Radioattack aus Sulzbach

Metal ist nur eine Stilrichtung der Sulzbacher Band Radioattack um Frontfrau Eva Hasemann. Kultsongs aus den 80ern, 90ern, der Neuen Deutschen Welle und Schlager sind ebenfalls Teil ihrer Auftritte. Dem Publikum werden Stimmungskracher von Peter Fox, The Prodigy, Rihanna, AC/DC und Billy Talent um die Ohren gedonnert. In Deutschland haben sich die fünf Musiker bereits eine Fangemeinde erspielt, tournieren auch im Ausland. Ihren nächsten Auftritt meistern sie am Rosenmontage in der Dorfschänke in Dornau. Das Motto der Band: Immer Spaß haben!

Erschienen am 14. Februar 2015 im Main Echo 
Nase ins Glas, schlürfen, schlucken
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Christlich geprägt, heimatverbunden