Bei Moatasem Alahmadi läuft’s rund

Integration: Junger Syrer zeigt an ermutigendem Beispiel in Faulbach, wie berufliche Eingliederung gelingen kann.

Asylbewerber Moatasem Alahmadi (19) ist ein Beispiel gelungener Integration, das Mut macht. Hier arbeitet er an einer Drehmaschine. Foto: Julia Preißer

Faulbach. Flüchtlinge könnten die Fachkräftelücke in Deutschland schließen. Doch Sprachbarrieren und kaum vergleichbare Schulabschlüsse sind Hürden, die es zu meistern gilt. Wenn es gut läuft, dann so wie bei Moatasem Alahmadi. Der 19-Jährige absolviert eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker bei der Faulbacher Firma STF.

2015 floh der damals 17-Jährige aus seiner Heimatstadt Hama in Syrien. Der Vater, ein Anwalt, den der Krieg arbeitslos gemacht hatte, blieb mit der Mutter zurück. Elf Jahre hatte Moatasem Alahmadi in Syrien eine naturwissenschaftliche Schule besucht. “Ich wollte beruflich darauf aufbauen”, erzählt er.

Seine Ankunft in Deutschland führte den minderjährigen Syrer erst einmal in ein Betreuungsheim und in die Berufsintegrationsklasse der Berufsschule Miltenberg-Obernburg. Dort lernen berufsschulpflichtige Asylbewerber in einem zweijährigen Vollzeitmodell die wichtigsten Kenntnisse in Deutsch, Mathematik und Sozialkunde.

Die ersten deutschen Vokabeln fielen Moatasem Alahmadi leicht und auch sein Schriftdeutsch machte Fortschritte, so dass er sich bereits nach einem Jahr für eine Ausbildung bewarb. “Es sollte ein Handwerk sein oder etwas Technisches”, erklärt er. “Aber Schreiner zum Beispiel konnte ich mir nicht vorstellen. Mir war wichtig, dass mein Beruf Zukunft hat.”

Auf die freie Lehrstelle bei der STF machte ihn ein sozialpädagogischer Betreuer aufmerksam, der mit hiesigen Firmen in Kontakt steht. Stolz und ein bisschen schüchtern führt Moatasem Alahmadi durch die Werkhalle und zeigt seinen Arbeitsplatz: Die Drehmaschine. Dort fertigt er Präzisionsteile aus Metall, die später in technischen Anlagen, Rohrsystemen oder Fahrzeugen verbaut werden.

Sein Kollege Matthias Hepp erzählt: “Ab und an gibt es Kommunikationsschwierigkeiten. Fachbegriffe kann ich einem Muttersprachler natürlich leichter erklären. Aber Moatsames Ehrgeiz macht vieles wett”. Auch Geschäftsführer Jürgen Decker findet warme Worte: “Mein Eindruck ist positiv - auf beruflicher wie privater Ebene. Ich mache mir nichts vor: Es läuft sicherlich nicht bei jedem Flüchtling reibungslos. Aber man kann Grenzen überwinden!”

Nur wenige Asylsuchende starten bereits nach einem Integrationsjahr in die Lehre. “Es ist unmöglich jeden gleichermaßen schnell zu integrieren”, weiß die Obernburger Berufsschullehrerin Petra Vetter und erklärt: “Die Binnendifferenzierung in den Klassen ist enorm. Manche kommen mit abgeschlossenem Schulabschluss zu uns, andere sind Analphabeten und wieder andere haben eine Koranschule besucht und wir können nicht beurteilen, was sie dort gelernt haben. Auch wenn wir Erfolge verzeichnen: Die Anfangseuphorie ist verflogen.”

Moatasem Alahmadi ist ein Beispiel gelungener Integration, das Mut macht. Eine Asylgenehmigung besitzt er bislang nicht, sieht dennoch positiv in die Zukunft: “Vielleicht kann ich in zehn Jahren meinen Meister machen.” Wenn er genug verdient, möchte er für seine Familie in Syrien sorgen. Respekt flößt ihm die bevorstehende Zwischenprüfung ein. Fachliteratur und lange Texte erschweren das Lernen. “Ich brauche fünfmal länger, als deutsche Schüler. Aber wenn man etwas wirklich will, schafft man es auch.”

Hintergrund: Spracherwerb und Bildung von Flüchtlingen

Unterfranken verzeichnet derzeit mehr als 120 Berufsintegrationsklassen. Asylbewerber und andere junge Menschen mit Sprachförderbedarf (z.B. zugezogene EU-Ausländer) können hier die Berechtigung des Mittelschulabschlusses erwerben. Das Angebot ist wegen der hohen Fluktuation - etwa durch Abschiebung - schwer umzusetzen. Regierungspräsident Paul Beinhofer geht davon aus, dass rund 80 Prozent der Flüchtlinge auch nach dem Abschluss einer Berufsintegrationsklasse nicht ausbildungsreif sind. Als Grund führt er die verhältnismäßig hohe Analphabetenquote an. jup

Erschienen am 29. Januar 2018 im Main Echo 
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