Mehl, Dunst, Gries und Schrot

Mühlentag: Müller Josef Knecht lädt zum Fest und zeigt laufenden Betrieb - Bayerische Mehlkönigin informiert

Körner in der Mahlwalze: Die Kornbestandteile landen danach im Plansichter. Foto: Julia Preißer

Obernburg-Eisenbach. Es dröhnt und rattert in der Knechtschen Getreidemühle. Ganz nah stehen die Besucher um Müllergeselle Kevin Bojdol und lauschen angestrengt. Bojdol erzählt von seinem Handwerk. Gerade erklärt er die wummernde Maschine hinter sich: Den Plansichter. Er ist die letzte Station eines Rundgangs, den das Team um die Familie Knecht zum nunmehr zehnten Mühlenfest am letzten Wochenende anbot.

Dass der Plansichter die Kornbestandteile trennt, wissen die Besucher bereits. Mehl, Dunst, Grieß und Schrot verfangen sich in feinen Siebkästen oder rieseln nach unten. Mit 200 Umdrehungen pro Minute wackelt der Plansichter hin und her. Einzig ein dutzend Bambusstäbe hält den zwei Tonnen schweren Kasten an der Decke. “Flexibles und stabiles Holz. Das bricht nicht so leicht”, erklärt der Müllergeselle.

Bevor das Korn gesichtet und sortiert wird, landet es einen Stock tiefer bei Müllermeister Manuel Scheffler im Walzenstuhl. Vor 150 Jahren löste der Walzenstuhl die Mahlsteine ab und ist seitdem die wichtigste Mahlmaschine einer Mühle. Die Großindustrie nutzt ihn ebenso wie kleiner Betriebe. Zu diesen zählt die Getreidemühle Knecht, die unter anderem Namen bereits 1274 urkundlich erwähnt ist.

Zehn Mitarbeiter vermahlen an einem Tag etwa 40 Tonnen Getreide. Für einen Kleinbetrieb ist das eine Menge, aber auch gegen Großunternehmen will sich die Mühle durchsetzen. “Wir haben uns auf Nischenprodukte spezialisiert”, erzählt Geschäftsführer Josef Knecht. Exotisches afrikanisches Milomehl oder Chapati Mehl, das in der indischen Küche zu Teigfladen verarbeitet wird, gehören zum Standardsortiment.

Gerade wegen ihrer Spezialerzeugnisse überstanden die Knechts das Mühlensterben in den 1960er Jahren. Auch in Sachen Bio war die Familie Vorreiter. Bereits 1954 schloss sie sich dem Demeterverband an. Das macht den Betrieb zur ältesten Demeter-Mühle in Deutschland.

Seit 1854 ist die Mühle an der Mümling in Familienhand - derzeit in vierter Generation. Tochter Martina, gelernte Müllerin und amtierende Bayerische Mehlkönigin, will den Betrieb später weiterführen.

Heute ist sie ohne Krönchen unterwegs, hilft bei der Organisation des Festes und erzählt von ihrem Amt, das sie auf nationale und internationale Handwerksmessen führt. Dort bringt sie Fremden einen Beruf nahe, den kaum einer noch richtig kennt. “Ich will informieren”, sagt sie. “Nicht einfach nur auf Festen tingeln und gut aussehen.”

Martina Knecht weiß, dass sich die Arbeit des Müllers verändert hat. “Niemand schleppt noch 100 Kilogramm schwere Getreidesäcke oder ist am Ende des Tages in Staub gehüllt”. erzählt sie. “Vieles erfolgt über die EDV: Ein Tipp auf den Touchscreen nimmt viel Arbeit ab. Außerdem ergreifen immer mehr Frauen das Handwerk.”

Eine Ausstellung auf dem Mühlengelände zeigt historisches Handwerkszeug aus der Zeit vor Computer und berührbaren Bildschirmen wie ein Schneckentrieur und eine Windfege - 165 Jahre Knechtsche Mühlengeschichte. 500 Mühlen gibt es derzeit in Deutschland. 1950 waren es noch 20.000. Ob der regionale Müller dem Bäckereisterben weiter standhalten kann, darüber lässt sich nur mutmaßen.

Interview: 3000 Gäste und viel Organisation

Nach sechsjähriger Unterbrechung hat Müller Josef Knecht am Pfingstwochende wieder zum Mühlenfest in Eisenbach geladen. Warum er pausierte und wie hoch der organisatorische Aufwand war, darüber spricht er im Interview.

Herr Knecht, warum die lange Pause?
Der Aufwand war irgendwann einfach zu groß. So ein Fest braucht viel Personal, man findet allerdings kaum noch freiwillige Helfer. Regional sieht man’s ja auch: Das Apfelblütenfest ist verschwunden, das Klingenberger Weinfest setzt aus. Wir leben in einer Freizeitgesellschaft, die gerne feiern geht, aber sich keine Gedanken darüber macht, wer das Fest auf die Beine stellt.

Gibt es nächstes Jahr eine Fortsetzung?
Wahrscheinlich nicht. Der Anlass, dieses Jahr ein Fest zu feiern, war ja vor allem das 25. Jubiläum des Deutschen Mühlentags. Außerdem habe ich meiner Tochter versprochen, dass in ihrer Amtszeit als Mehlkönigin ein Fest stattfinden wird. Vielleicht feiern wir in zwei Jahren wieder - mal schauen.

Wie viele Gäste hatten sie diesmal?
Wir schätzen etwa 3000 - auch viele Familien mit Kindern. Der Countryabend am Samstag kam gut an aber am meisten los ist an den Feiertagen. Beim ersten Mühlenfest im Jahr 2000 hatten wir 5000 Besucher und wären vor lauter Stress beinahe umgekippt (lacht).

Erschienen am 22. Mai 2018 im Main Echo 
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